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08/03/2014 02:59 CET | Aktualisiert 08/05/2014 07:12 CEST

Putin vs. Wulff: Russische Medien sind Heldenmacher, deutsche Heldenvernichter

Die Geschichten von Wladimir Putin und Christian Wulff bilden die äußeren Punkte einer Skala, an der sich der Umgang einer Gesellschaft und ihrer Medien mit ihren Politikern ablesen lässt. Russische Medien sind Heldenmacher - die westlichen das Gegenteil.

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Putin beim Judo-Training. Putin im Formel 1-Boliden. Putin mit bloßem Oberkörper beim Angeln im Fluss. Putin im Taucheranzug mit griechischer Amphore in der Hand. Putin im Cockpit eines Feuerlöschflugzeugs. Nichts, aber auch gar nichts lassen staatliche russische Medien unversucht, um ihren Präsidenten als lebenden Achilles erscheinen zu lassen. Man könnte Wetten abschließen, welche Arrangements den Medienmächtigen im Kreml als nächstes einfallen: Putin im Orbit, als er gerade aus dem Cockpit einer Sojus-Kapsel auf Washington herabblickt? Putin beim Bungee-Jumping von der Gazprom-Zentrale in Moskau? Putin beim Erwürgen eines Tundra-Wolfes?

Szenenwechsel. Landgericht Hannover. Ein ehemaliger deutscher Präsident steht vor der Strafkammer, angeklagt wegen „Vorteilsannahme im Amt". Konkret geht es um 720 Euro für Hotelkosten, Essen und einen Babysitter beim Besuch des Oktoberfestes in München. Der vor kurzem noch Erste Bürger des Staates wird freigesprochen, aber sein Amt ist er los und sein Ruf dauerhaft beschädigt. Schon sein Vorgänger - wiewohl im Volk beliebt - hatte das Handtuch geworfen, weil er sich und sein Amt nicht über Gebühr beschädigen lassen wollte. Der nächste bitte.

Die Geschichten von Wladimir Putin und Christian Wulff bilden - an entgegengesetzten Enden - die äußeren Punkte einer Skala, an der sich der Umgang einer Gesellschaft und ihrer Medien mit ihren Politikern ablesen lässt. Russische Medien sind Heldenmacher. Die Politiker, die sie zur Schau stellen, sind in der Regel männlich, körperlich robust, stets wach, vertragen größere Mengen hochprozentigen Alkohols und tragen gerne Tarnanzug.

Das Volk soll verstehen: Da sitzt jemand fest im Sattel. Westliche Medien und Gesellschaften arbeiten genau andersherum: Sie machen ihre Politiker nackt und hilflos. Sie durchleuchten deren Privatleben und deren Einkommensverhältnisse. Sie folgen ihnen Schritt auf Tritt mit Kamera und Mikrofon, um möglichst missverständliche Sätze oder Bilder zu erhaschen. Sie veröffentlichen ihre heimlich mitgeschnittenen Telefongespräche. Sie analysieren ihre Doktorarbeiten bis in die letzte Fußnote. Und sie machen sie lächerlich, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Ganze Heerscharen von Kabarettisten verdienen inzwischen in diesem Metier ihr Geld.

Schnell ist man in den freien Gesellschaften dabei, das eigene Modell als das überlegene anzusehen. Tatsächlich ist es das auch. Natürlich sind die Putin'schen Fotos lächerlich. In einem langen zivilisatorischen Prozess hat sich der Westen angewöhnt, die aufdringliche Demonstration körperlicher Stärke als peinlich und Zeichen einer gewissen Beschränktheit anzusehen. Das ist ein Fortschritt. Aber über dem Gefühl westlicher Überlegenheit vergessen wir den hohen Preis, den wir für unser eigenes Politiker-Gesellschafts-Modell zu entrichten haben. Ist dieses Modell des Nacktmachens der politischen Eliten wirklich erfolgreich?

Stärkt es die Demokratie, wenn Paparazzis den französischen Präsidenten, auf dem Motorroller sitzend, unterwegs zu seiner Geliebten, fotografieren und ihn anschließend wochenlang durch die Gazetten ziehen? Wer gewinnt, wenn sich eine Politikerin wie Manuela Schwesig plötzlich öffentlich verteidigen muss, weil sie es wagt, bei hoher Arbeitsbelastung gelegentlich in ihrem Ministerium zu übernachten? Und hat Deutschland eigentlich etwas davon, wenn ein Minister wie Hans-Peter Friedrich abtreten muss, weil er vertraulich einen künftigen Koalitionspartner vor der Übertragung eines politischen Amtes auf einen Pädophilen warnt - eine Vorgehensweise, die doch nicht nur auf den ersten Blick durchaus pragmatisch erscheint?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Politiker können bei erwiesenen Straftaten, ernsten Missständen in ihrem Verantwortungsbereich oder unhaltbaren politischen Äußerungen nicht im Amt bleiben. Aber wenn die Jagd auf Politiker zum Gesellschaftssport wird, wenn „headhunting" wörtlich genommen wird, entsteht ein ernstes Problem. Niemand darf glauben, dass das Reservoir an talentierten Politikerinnen und Politikern unerschöpflich sei: Das ist es nicht. Man darf getrost annehmen, dass jeder Rücktritt eines deutschen Spitzenpolitikers schon heute in der jeweiligen Parteiführung eine Vorstufe von Panik auslöst.

Wohin es führen kann, wenn das Spiel überzogen wird, lässt sich in Italien beobachten, wo die Ministerpräsidenten im 6-Monats-Rhythmus vom Karussell fallen. Man mag einwenden, dass sie eben alle untauglich waren. Aber das wäre erstens falsch. Und zweitens ein Teufelskreis - schlechte Politiker, Verachtung, noch schlechtere Politiker -, der dringend durchbrochen werden müsste.

Souveräne, kompetente, krisengestählte und charismatische Politiker gehören auf der ganzen Welt zum Kernkapital einer Gesellschaft. Dieses Kapital ist sehr viel knapper, als es die öffentliche Meinung wahrhaben will. Machen wir unsere Politiker nicht unnötig verächtlich und gehen wir sorgsam mit ihnen um. Man darf getrost über Putins Heldenbildchen lachen. Aber auch der Westen Europas muss über ein neues Politiker-Gesellschafts-Modell nachdenken.

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