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26/05/2016 06:03 CEST | Aktualisiert 27/05/2017 07:12 CEST

Liebe ist wie eine Goodie-Bag

Hiroyuki Okamoto via Getty Images

»Und?« Evas Blick spricht Bände. Sie würde mir die Infos am liebsten aus der Nase ziehen.

»Jein«, sage ich und schließe meine Tür auf.

Unsere Wohnungseingänge liegen sich direkt gegenüber, was für mich bedeutet, dass ich niemals unbemerkt hineinhuschen kann. Eva hat so gute Ohren wie eine Schleiereule, die angeblich ja sogar in 3D hören kann.

»Wie jein?« Meine Freundin stemmt die Hände in die Hüften.

Seufzend lasse ich mich auf die Knie sinken, um zuerst Nuts zu begrüßen. Meine Hände durchwuscheln das dunkelbraun gelockte Fell des Königspudels.

»Zara, jetzt erzähl schon.« Evas Stimme klingt genervt.

Ich stehe auf, klopfe mir die Hundehaare von der Hose und wende mich ihr zu. Ungeduldig tritt sie bereits von einem Bein aufs andere.

»Also wenn ich die nächsten vier Wochen durchhalte, habe ich den Job«, teile ich ihr mit und kann mir ein dümmliches Grinsen dabei nicht verkneifen.

Eva jauchzt auf, reißt die Arme in die Höhe und vollführt umgehend eine Art Regentanz im Hausflur. Natürlich hat sie meine monatelang andauernde Durststrecke mitsamt allen Depressionsphasen in vollen Zügen genießen dürfen. Also kein Wunder, dass sie sich über diese Neuigkeit nun freut. Auf dem Absatz dreht sie sich um und rennt in ihre Wohnung. Überrascht sehe ich ihr hinterher. Nur Sekunden später steht sie mit einem Zettel in der Hand wieder im Türrahmen. »Das müssen wir gebührend feiern.«

»Mit billigem Lambrusco und fettiger Mafiatorte?« Ich greife zu dem grünen Flyer, den meine Nachbarin mir hinhält. An ihrer Pinnwand in der Küche hängen diverse Prospekte für Essensnotfälle. Eva kann nämlich nicht kochen.

Bei dem Gedanken an eine große Quattro stagioni mit doppelt Käse läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Allerdings kommt mir mein Vorsatz wieder in den Sinn, mein Leben und mein Gewicht in den Griff bekommen zu wollen. Aber heute mache ich eine Ausnahme, quasi zur Feier des Tages.

»Ole kommt auch gleich, also lass uns schon mal bestellen«, ruft Eva. Sie läuft Richtung Telefon.

Ich pfeife nach Nuts, ziehe meine Wohnungstür zu und betrete ihr heiliges Reich. Während ich meinen Pizzawunsch durchgebe, kommt ihr Mann herein.

Ole macht seinem Namen alle Ehre. Er ist nicht nur groß, blond und blauäugig, sondern hat auch norwegische Wurzeln. »God aften«, sagt er und strahlt uns an. Strahlen ist auch genau das richtige Wort. Seine Zähne sind dermaßen weiß, dass selbst der Zahnarzt in der Sensodyne-Werbung neidisch werden würde. Ich finde ja, Ole sollte in dem Spot mitmachen, dann wäre wenigstens mal ein echter Zahnarzt zu sehen.

Wir drei gehen ins Wohnzimmer. Gleich nachdem ich mich auf einem der Sessel platziert habe, hüpft mir mein Hund auf den Schoß. Vor vier Jahren habe ich Nuts als Welpe in einer Kiste am Straßenrand gefunden und sofort beschlossen, ihn zu behalten. Mittlerweile hat er 25 stolze Kilos auf den Rippen, mit denen er es sich jetzt auf mir gemütlich macht. Liebevoll tätschle ich seinen Hintern und werde zum Dank mit einem Zungenkuss belohnt.

»Stell dir vor, Zara hat den Job«, jubelt Eva.

Ole reißt erstaunt die Augen auf. »Echt? Zeig mal den Vertrag.«

Da Ole vor seinem Zahnmedizinstudium drei Semester Jura studiert, aber mangels Paragrafenbegeisterung abgebrochen hat, will er meist gleich alles auf Herz und Nieren prüfen.

»Ich habe erst mal nur eine vierwöchige Probezeit.«

Skeptisch zieht er die Augenbrauen in die Höhe. »Na dann lass dich bloß nicht über den Tisch ziehen. Nachher ackerst du da für vier Wochen und bekommst zum Dank nen feuchten Händedruck.«

»Du und deine Schwarzseherei.« Eva setzt sich neben ihren Mann auf die Couch. »Sei doch froh. Immerhin ist sie seit knapp einem Jahr ohne Job.«

»Bin ich doch auch, sie soll sich nur nicht verarschen lassen«, gibt er zurück und legt den Arm um seine Frau.

»Ich glaub jetzt nicht, dass du das sagst.« Eva wirft ihm einen merkwürdigen Blick zu.

»Was soll das denn heißen?« Ole reißt überrascht die Augen auf.

Eva schüttelt fassungslos den Kopf. »Wer hat ihr denn seinen besten Freund aufs Auge gedrückt, der sich dann als absoluter Vollpfosten entpuppt hat? Und du sagst ihr, sie soll sich nicht verarschen lassen?«

»Wieso Vollpfosten?«, echauffiert sich Ole und zieht seinen Arm wieder weg.

»Ich bitte dich«, schießt Eva zurück. »Er hat sie sitzen lassen, und das zeugt nicht gerade von Charakter. Ein Wunder, dass er überhaupt aufrecht gehen kann bei so wenig Rückgrat.«

Ich verfolge stillschweigend den Wortwechsel der beiden. Die Beziehung zu Julian, Oles Freund, hat nur ein Jahr gehalten, und ehrlich gesagt war ich die meiste Zeit davon auch nicht wirklich eine ideale Partnerin. Erst starb meine Mutter, dann wurde ich gekündigt, und zum Schluss habe ich nur noch depressiv auf der Couch gelegen und mich mit Rotwein und Karamelleis getröstet. Vor einem halben Jahr hat Julian sich schließlich von mir getrennt.

»Aber da konnte doch Julian nichts für. Zara hingt total durch, damit kam er eben nicht klar.« Ole rückt ein Stück von Eva ab.

»Er hätte sich aber auch nicht einfach so verdünnisieren dürfen. Ein Kerl, der Eier in der Hose hat, steht seiner Frau bei. Es heißt nicht umsonst: in guten wie in schlechten Zeiten, oder?« Eva verschränkt die Arme vor der Brust.

»Die beiden waren aber nicht verheiratet.«

»Gilt so ein Grundsatz etwa nur für Verheiratete? Ich finde, das sollte generell Motto einer jeden Beziehung sein.«

»Stopp«, gehe ich dazwischen und hebe abwehrend die Hände. »Ich bin noch anwesend, und meine Ohren funktionieren einwandfrei, okay?«

»Tut mir leid, Zara«, sagt Eva, steht auf und kommt zu mir herüber. »Du hast vollkommen recht. Wir haben außerdem das Wesentliche vergessen.« Sie setzt sich neben mich und nimmt mich in den Arm. »Was ist, sollen wir heute Abend deinen Erfolg mit Cocktails begießen gehen?«

Ole schüttelt den Kopf. »Sorry, ohne mich. Ich muss gleich noch mal in die Praxis.«

»Warum?« Eva sieht überrascht zu ihm rüber.

»Notfall. Herrn Breuer ist ein Frontzahn abgebrochen.«

»Kann der nicht einfach morgen kommen?«

»Evilein, ich brauch nicht lang. Ein bisschen zurechtfräsen, Abdruck machen, Provisorium anpassen, fertig. Vielleicht geht ihr einfach schon mal vor und ich komme nach.«

Ich bemerke, wie meine Freundin sich versteift. Aber bevor es deswegen noch Streit gibt, schreite ich ein. »Um die Diskussion an dieser Stelle abzukürzen«, sage ich, »morgen früh muss ich zur ersten Schicht antreten. Können wir das Feiern vielleicht um vier Wochen verschieben, wenn ich den Vertrag bekomme? Schließlich soll man den Tag nicht vor dem Abend loben.«

Ein Buchauszug aus der Komödie "Liebe ist wie eine Goodie-Bag"

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