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23/06/2016 12:54 CEST | Aktualisiert 24/06/2017 07:12 CEST

So erlebe ich als Britin die Debatte um den Brexit

dpa

  • Endlich diskutieren wir wieder leidenschaftlich über Politik

  • Es erschreckt mich, wie hart der Ton gerade beim Thema Zuwanderung ist

  • Ein Ausstieg würde die Nationalisten auch im Rest Europas stärken

Meine Familie hat die Prinzipien der Europäischen Union schon gelebt, Jahrzehnte bevor diese 1992 mit dem Vertrag von Maastricht offiziell begründet wurde. Mein Großvater: ein gebürtiger Pole, der sich in den 40er-Jahren in meine Großmutter, eine Schottin, verliebte und mit ihr in den Norden Englands zog und eine Familie gründete.

Meine Eltern lernten sich in den 70er-Jahren in London an der Uni kennen und zogen zehn Jahre später mit meiner Schwester und mir nach Deutschland, jobbedingt und eigentlich mit dem klaren Vorsatz, nach ein paar Jahren nach Großbritannien zurückzukehren. Tatsächlich kam es anders, und so lebe ich - von wenigen Unterbrechungen abgesehen - seit nunmehr 28 Jahren in Deutschland. Mit britischem Pass.

Und einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung. Ich lebe, arbeite und zahle hier Steuern, als wäre ich Deutsche. Und so leben, arbeiten und zahlen drei Millionen EU-Bürger in Großbritannien Steuern, als wären sie Briten.

Am heutigen Donnerstag nun entscheiden meine Landsleute, ob das auch in Zukunft so sein wird: ob sie noch zur EU gehören wollen oder nicht. Es ist der Höhepunkt einer Debatte, die ich in den vergangenen Wochen als überraschend und lehrreich erlebt habe. Die mich aber auch erschreckt und bestürzt hat.

Woher kommt dieser Hass?

Überraschend und lehrreich, weil plötzlich Freunde, Verwandte und Bekannte - auch solche, die ich sonst als eher unpolitisch wahrnehme - fundiert und differenziert über Vor- und Nachteile der EU diskutieren. Ist der monatlich stattfindende Reisezirkus der EU-Abgeordneten zwischen Brüssel und Straßburg noch zeitgemäß? Was ist außer der dominierenden Finanzindustrie Londons von Großbritannien noch übrig; welche Rolle will und kann das einstige Empire heute noch in der Welt spielen? Brauchen wir Brüssel? Und braucht Brüssel uns? Hurra, wir debattieren endlich wieder miteinander!

Was mich hingegen erschreckt und bestürzt hat: Für viele ist die Frage "Brexit oder nicht?" offenbar in erster Linie zu der Entscheidung für oder gegen Zuwanderer geworden. Der Ton ist selbst in meinem Umfeld schärfer geworden; entferntere Bekannte, die für den Brexit sind, führen plötzlich Argumente an, die mit meinem Bild eines weltoffenen und friedlichen Europas nicht vereinbar sind.

"Es herrscht Nebel über dem Ärmelkanal? Dann ist Europa mal wieder abgeschnitten!": Der alte Witz über das legendäre Selbstverständnis der Briten bekommt auf einmal eine traurige Nuance. Viele Briten wünschen sich offenbar zurück in eine Zeit ohne offene Grenzen, in eine Zeit, in der Großbritannien mehr war als London. In der das Leben vertraut und berechenbar war. Der Rückzug auf die Insel, für viele scheint er die Lösung für die immer komplexer werdenden Probleme einer globalisierten Welt zu sein.

Die EU ist bürokratisch, kompliziert, aber immens wichtig

Ich hoffe, dass diejenigen, die so denken, am heutigen Donnerstag in der Minderheit sind - und Großbritannien in der EU bleibt. Die monetären Argumente eines Austritts sind alle ausgetauscht: Wird die Wirtschaft, wie der Internationale Währungsfonds es errechnet haben will, schrumpfen? Wird der Durchschnittshaushalt wirklich, wie Finanzminister George Osborne behauptet, fortan 4300 Pfund im Jahr weniger zur Verfügung haben? Werden Banken und Versicherungen von der Themse an den Main ziehen? Das wird die Zeit zeigen.

Worin ich mir aber schon jetzt sicher bin: Stimmen die Briten für den Brexit, dann hätte das unmittelbar und unbestritten eine verheerende Wirkung für den europäischen Gedanken. Wie lange wird es dauern, bis EU-Kritiker wie Geert Wilders in den Niederlanden oder Marine Le Pen in Frankreich sich auf das Vorbild des Unvereinigten Königreichs berufen?

Wie sehr würden die - auf zwei Jahre angelegten - Austrittsverhandlungen uns Europäer lähmen - in einer Zeit, in der wir angesichts des zunehmenden Terrors eigentlich vereint sein sollten? Schon jetzt gibt es Spekulationen, wonach es zu einem zweiten Referendum kommen könnte - etwa wenn das traditionell pro-europäischere Schottland gegen den Brexit, England aber dafür stimmt.

Ein solcher Schritt, was hieße er für die zunehmende Wut so vieler Politikverdrossener auf "die da oben", die angeblich am Volk vorbei entscheiden? Und ganz persönlich: Was hieße der Austritt für Expats wie mich, die ihren Lebensmittelpunkt in einem anderen EU-Land haben? Würden Angela Merkel & Co. einen bewusst harten Kurs fahren, um die Briten abzustrafen? Müsste ich mich dann wirklich um eine neue Aufenthaltsgenehmigung bemühen? Und eine Arbeitserlaubnis? Derzeit, so scheint es, ist alles denkbar.

Wir leben in einer heiklen und - wie man zuletzt am grauenvollen Mord an der britischen Abgeordneten Jo Cox sah - gefährlichen Zeit. Mein Wunschszenario? Großbritannien bleibt in der EU, diesem komplexen, bürokratischen, aber doch so wichtigen Konstrukt.

Und wir alle begreifen die knappe Brexit-Debatte als Warnschuss - und überfälligen Anstoß, offen und sachlich über die derzeitige Politisierung und auch Radikalisierung unserer Gesellschaft zu diskutieren. Ob das in Erfüllung geht? Leider hat die britische Regierung mir und vielen anderen Expats in dieser wichtigen Entscheidung nur eine Zuschauerrolle zugedacht. Wer seit mehr als 15 Jahren außerhalb Großbritanniens lebt, ist leider nicht stimmberechtigt. Der Brexit, so scheint es, hat schon begonnen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei klartext.

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