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02/02/2017 12:44 CET | Aktualisiert 03/02/2018 06:12 CET

Berlin scheut sich davor, ein gravierendes Problem in der Obdachlosenarbeit anzugehen

RubberBall Productions via Getty Images

Es wäre jetzt unverschämt zu sagen, dass Berlin seine Obdachlosenarbeit überhaupt nicht im Griff hat. In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele Menschen ohne ein Dach über dem Kopf - und in keiner anderen Stadt ist das Hilfsnetzwerk so groß. Man bleibt hier nicht einfach auf der Straße liegen und stirbt.

Über eines aber redet niemand gerne. Die zunehmende Zahl an obdachlosen Menschen ist ein gravierendes Problem, das die Stadt aufschiebt. Seit ich vor fünf Jahren bei der Caritas angefangen habe, scheut sich Berlin in meinen Augen davor, es anzugehen und langfristige Lösungen zu schaffen.

Das Leben auf der Straße kann Menschen zerbrechen

Es gibt während der Wintermonate hunderte Notübernachtungsplätze, die jedes Jahr neu organisiert werden von Caritas, Diakonie, dem Deutschen Roten Kreuz und vielen Kirchengemeinden.

Aktuell sind es 920 Plätze. Bei Minusgraden werden zentralgelegene U-Bahnhöfe geöffnet - leider sind diesen Winter nur zwei von den sonst üblichen drei Bahnhöfen nachts geöffnet.

Es gibt da den Wärmebus des DRK, die Kältebusse der Stadtmission, welche im Winter Obdachlose vor dem Erfrieren retten. Es gibt medizinische Hilfen - etwa das Arztmobil der Caritas, für das ich arbeite.

Nicht zu vergessen die überwältigende Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, ohne die wir Helfenden keine Chance hätten: Spenden von Decken, Schlafsäcken, Bekleidung und Nahrung, aber auch ehrenamtliches Engagement, z.B. in unserer Wärmestube. Auch unser Ärzte-Team im Caritas-Arztmobil arbeitet ehrenamtlich.

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Das Leben auf der Straße kann Menschen zerbrechen. Es hinterlässt Spuren in der Psyche. Einige bekommen Wahnvorstellungen, Ängste, Psychosen. 

Manche zeigen aggressives und destruktives Verhalten. Andere wiederum verfallen dem Alkohol und anderen Drogen. Sie tragen wochenlang die gleichen Klamotten. Vergessen, wer sie sind. Wenn wir mit diesen Menschen zu tun haben, kommen auch wir an unsere Grenzen.

Wie viele psychisch krank sind, weiß niemand

Es gibt in Berlin schätzungsweise zwischen 3.000 und 6.000 Obdachlose - es gibt keine offizielle Erhebung dieser Zahlen.

Deswegen gibt es auch keine Statistik darüber, wie viele von ihnen schwer psychisch krank sind. Meiner Erfahrung nach würde ich aber sagen, dass etwa jeder Zehnte professionelle Betreuung braucht, die wir ihm in unserem Hilfsnetzwerk bislang nicht anbieten können.

Nur ein Beispiel. In den Notunterkünften arbeiten meistens Studenten, die machen das zum großen Teil ehrenamtlich oder als Nebenjob.

In den Einrichtungen landen auch Menschen, die sich auf bestehende Hilfsangebote nicht mehr einlassen können oder aber lediglich eine Notfallversorgung von den Krankenhäusern erhalten, da sie keinen Krankenversicherungsschutz geniessen.

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Eine therapeutische Behandlung ist da nicht mit drin. Mit denen müssen die Studenten dann irgendwie klarkommen.

Problematisch wird es, wenn es zu Gewalt unter den Obdachlosen kommt. Wenn es für uns Helfer schon schwer ist, diese Menschen zu händeln - für Obdachlose ist es eigentlich unmöglich, die Toleranzschwelle ist zu gering.

Mehr zum Thema: "Angespuckt und angepinkelt": Wir helfen Obdachlosen im Kampf gegen den Terror der Straße

Die reden nicht lange, sondern schlagen zu. Wir hatten mal einen Fall, wo es wegen Andrang auf der Toilette zu einer Rangelei kam.

Fassungslos hat es mich gemacht, als wir einmal Hilfe holen wollten. Meist geht es abends und in der Nacht hoch her. Da hat der sozialpsychiatrische Dienst aber niemanden, der ein professionelles Auge auf diese Menschen werfen kann. „Keine Dienstzeit", heißt es dann. Der Nachtdienst wiederum agiert nur bei akuten Krisen.

Die Betroffenen sind chronisch krank

Die betroffenen Personen sind aber chronisch krank - deswegen kommt niemand, ausser es eskaliert und man ruft die Polizei. Eine Lücke im Hilfsnetz, die oft übersehen wird. Wir brauchen einen Notdienst vor Ort, der tagsüber und vor allem abends im Umgang mit psychisch kranken Menschen unterstützen kann, damit wir uns um das Wohlergehen aller kümmern können.

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Ein Fall hat mich besonders berührt. Ich weiß nicht, wie alt Robert wirklich ist. Wer auf der Straße lebt, altert wegen der Lebensumstände unglaublich schnell. Robert wurde auf dem Alex überfallen.

Seitdem ist er halbseitig gelähmt, mittlerweile sitzt er im Rollstuhl. Dieser Verfall ist schrecklich, und umso trauriger, weil Robert ein Gewaltopfer ist. Wir kümmern uns um ihn, so gut wir können. Seit langem versuchen wir schon, eine geeignete Hilfe für ihn zu bekommen - aber das ist ganz, ganz schwierig.

Nicht alle Obdachlosen haben so viel Unglück wie Robert. In unserem Bus hatten wir mal jemanden mit einer schlimmen infizierten Wunde- wir haben ihn zurück ins Krankenhaus geschickt. Nach einigen Tagen kam er zurück und hat sich unter Tränen bedankt.

Mehr zum Thema: "Ich baue Häuschen für Obdachlose"

Unser Doktor hatte genau richtig reagiert, es war wohl schon sehr knapp. Solche Momente gehen durch und durch. Sie geben mir Kraft. Und lassen mich glauben, dass wir es in Berlin noch besser machen können, auch, wenn schon vieles gut läuft.

Es gibt mittlerweile Projekte wie die Frostschutzengel, die Mobile Beratungsstelle der Caritas für Zugewanderte aus Südosteuropa oder die Beratungsstelle für MigrantInnen des DGB. Diese Projekte helfen auch beim Durchsetzen von Rechten, vor allem gegen unfaire Arbeitgeber.

Aber es gibt noch viel Luft nach oben, z.B. bei bezahlbarem Wohnraum, geeigneten ganzjährig geöffneten Obdachlosenunterkünften und besserer medizinischer Versorgung von Nicht-Versicherten.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.