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06/08/2015 09:48 CEST | Aktualisiert 06/08/2016 07:12 CEST

Was ein sterbender Vater in den letzten Tagen seines Lebens tut

Hättet ihr mich vor ein paar Jahren gefragt, was auf meiner Vor-dem-Tod-To-Do-Liste steht, wären das vielleicht Dinge gewesen, wie alleine nach Europa segeln, auf dem Saltonsee wakeboarden oder mit einem Gold-verkleideten Helikopter in weißen Nerz gekleidet, die Welt bereisen.

Fragt ihr mich jetzt danach, sieht die Liste ganz anders aus ... außer den Teil mit dem weißen Nerz. Meine To-Do-Liste ist nicht mehr nur eine Liste. Sie ist mein Leben. Wenn Ärzte und Forschung nicht plötzlich und kurzfristig noch ein Heilmittel finden, läuft mir die Zeit davon. Sehr schnell. Ich habe ALS.

Vor zwei Jahren, mit 35, leitete ich meine eigene Firma, bereiste die ganze Welt und hatte eine anstrengende, aber erfüllende Familie. Zwei wundervolle Töchter und meine kluge, sexy Frau. Heute kann ich gerade noch ein paar Finger bewegen, kann keinen Schritt ohne fremde Hilfe machen und verbringe meine Tage in einem Rollstuhl sitzend, während mich meine Frau und meine Kinder füttern wie ein sechs Monate altes Baby -- oder wie einen König, je nach dem, wie ihr das sehen wollt.

In wenigen Wochen wird es noch ein klitzekleines bisschen schlimmer. Ich werde nicht einmal mehr schmecken können. Ich werde durch einen Schlauch ernährt werden. Ich will niemanden deprimieren, ich habe mit meinem Leid auch große Momente der Freude erlebt. Aber ich will ein Bild davon zeichnen, wie schnell sich das Leben ändern kann, gerade wenn alles so richtig gut läuft.

Also fragt ihr euch jetzt vielleicht, was ein Mann, der in seinen besten Jahren ist, aber bald sterben wird, auf seiner To-Do-Liste stehen hat. Die Antwort ist sehr simpel und möglicherweise ein bisschen kitschig: Mein Leben mit Liebe füllen. Da Liebe fast unmöglich zu definieren ist, lasst mich hier drei einfache Wege zeigen, wie ich mein Leben mit Liebe erfüllt habe.

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1. Mich selbst akzeptieren.

Selbst die tollsten Menschen können nichts dagegen tun, sie wollen sich ständig verbessern. Wenn ihr auch nur ein bisschen so seid wie ich war, dann habt ihr eure Ziele und Erwartungen bisher noch nicht erreicht, geschweige denn übertroffen. Ihr habt wahrscheinlich Freunde, die erfolgreicher sind und Geschwister, die attraktiver sind. Wenn man den Tod vor Augen hat, vergibt man sich selbst ziemlich schnell und mühelos.

Nichts macht einem so sehr bewusst, wie schön jeder wundervolle und schreckliche Moment des Lebens ist, wie eine tödliche Krankheit. Man wünscht sich alles noch einmal: Freude ebenso wie Leid, Schmerz und Schuld. Dieses ganze verrückte, chaotische Leben. Ich liebe alles daran. Ich liebe mich selbst. Selbst in meinen dämlichsten Momenten und davon gibt es einige.

2. Echte Liebe geben.

Wir haben alle eine Menge Menschen, die wir lieben. Irgendwie. Wir haben diesen verrückten Nachbarn. Diesen nervigen Freund von früher. Die Tante, die nie aufhört, zu reden. Oft, wenn wir mit diesen Menschen zusammen sind, vergessen wir, sie zu lieben. Wir sind durch diese Adjektive blockiert und unsere Liebe wird herausgefiltert. Wenn ihr eure Liebe nicht herausfiltet, wird alles wärmer, offener. Die Menschen um euch herum werden ebenfalls wärmer und offener.

3. Mich umsehen.

Seit ich die Diagnose ALS bekommen habe, sehe ich das Leben oft wie ein bekiffter Student. Ich sehe Schönheit und Liebe überall um mich herum. Vom Weinen meiner Tochter, über das Lächeln meiner Frau, bis hin zum langen, heißen Sommer Texas'. Ich erlebe jeden Moment in Slow-Motion, ich bemerke jedes Detail und schaffe Raum in meinem Gedächtnis für jede Erinnerung.

Erst heute ist eine Libelle auf meinem Arm gelandet und da ich sie nicht mehr verscheuchen kann, habe ich ihr einfach zugesehen, wie sie mich mit ihren riesigen Augen anstarrte. Was für eine wunderschöne, seltsame Kreatur.

Natürlich gibt es viele Dinge, die ich tun will. Aber es fühlt sich seltsam an, von einer To-Do-Liste zu sprechen. Ich will sehen, wie meine Mädchen heiraten, mitten in der Nacht ins Krankenhaus fahren, wenn meine Enkelkinder auf die Welt kommen, die Flasche Wein trinken, die wir für unseren zwanzigsten Hochzeitstag aufgehoben haben. Ich will mich um meine Frau kümmern, wenn wir alt sind. Ich setze auf eine Heilung, damit ich diese Liste schaffen kann, die andere Menschen als normales Leben bezeichnen würden.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in der Huffington Post US und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.


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