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03/03/2016 05:46 CET | Aktualisiert 04/03/2017 06:12 CET

Natur vs. Technik in der Geburtshilfe

DD_Brodella via Getty Images

Den Großteil der Menschheitsgeschichte haben Frauen ihre Kinder ohne technische Hilfsmittel zur Welt gebracht. Dabei ist die Menschheit zwar nicht ausgestorben, aber unzählige Mütter und Kinder sind bei den Geburten gestorben. Die technischen Errungenschaften der Medizin haben die Geburtshilfe also auf jeden Fall sicherer gemacht.

Wenn ich mich entscheiden müsste, in welchem Zeitalter ich meine Kinder gerne bekommen hätte, dann würde ich mich für genau den Zeitpunkt entscheiden, zu dem ich sie bekam: Vor 16 bzw. 10 Jahren.

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Denn aus meiner Sicht gab es zu diesem Zeitpunkt noch ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen dem Faktor Menschlichkeit in der Betreuung und dem immer rasanter fortschreitenden Grad der medizinischen Technisierung.

Wie viel hilft Viel?

Und heute? Ich glaube, dass wir den Zenit einer guten Geburtshilfe bereits überschritten haben. Denn wir sind längst an einem Punkt angelangt, wo mehr Eingriffe in die Geburt, nicht auch zu mehr besseren Ergebnissen führen.

Fakt ist: In den letzten 10 Jahren stieg die Zahl der Interventionen deutlich an, ohne dass sich das Outcome, also der Zustand von Müttern und Kindern nach der Geburt, noch messbar verbessert hätte.

Wir kürzen aber gerade genau den Faktor weg, der für gute Geburten mindestens genau so wichtig ist, wie die Technik für den Notfall: Die Betreuungsqualität für die Gebärenden. Daran sind natürlich nicht primär die technischen Neuerungen schuld, sondern vor allem die Politik und das Krankenkassensystem. Aber das ist ein etwas anderes Thema.

Die Fragestellung von Natur vs. Technik in der Geburtshilfe hingegen lautet: "Welche technischen Hilfsmittel haben die Geburtshilfe signifikant verändert? Welche davon sind eher Fluch und welche ein Segen? Und zwar aus der Sicht von Mutter & Kind! Ich kann schon jetzt verraten, dass es nicht ganz so einfach schwarz & weiß werden wird...

With a little help...

Bereits bei der Zeugung von Babys kommen technische Errungenschaften zum Tragen, die z.B. unfruchtbaren Paaren zu ihrem Traumkind verhelfen können. Bei Diagnostik und Behandlung helfen dabei Ultraschall, Röntgen und kleinere operative Eingriffe.

Auch der spät möglichste Zeitpunkt ein Kind zu bekommen wurde weit über die natürlichen Möglichkeiten einer Frau hinaus nach hinten verschoben. Ist das nun Fluch oder Segen? Lässt sich das so leicht beantworten?

Das kommt, wie so oft, auf den Blickwinkel an: Das Paar mit dem Kinderwunsch ist sicher überglücklich, diesen doch noch erfüllt zu bekommen. Aber wartet Frau mit dem Wissen, dass es ja heute möglich ist, bewusst lange mit dem Kinderkriegen? Erst Karriere, dann das Kind - social freezing - die Technik macht auch das möglich.

Anything goes - Fluch oder Segen? Und ist die Ursache dafür die Technik, oder ist das Ganze nicht eher ein Ausdruck unserer kinder- und frauenunfreundlichen Gesellschaft? Kind und Karriere zu vereinen ist auch heute noch unglaublich schwer.

Die Technik soll dem Menschen dienen! Tut sie das? Ja und nein.

Willkommen in der technomoralischen Grauzone

Es gibt viele offene Fragen, mit denen sich unsere technophile Gesellschaft beschäftigen muss:

Nach einer künstlichen Befruchtung im Reagenzglas werden bis zu drei Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt. So verbessern sich die Chancen auf eine erfolgreiche Implantation eines Kindes deutlich.

Sind alle drei "erfolgreich", ergibt sich das Problem einer risikohafteren Mehrlingsschwangerschaft. Es wird daher oft eines der Kinder im Bauch der Mutter wieder abgetötet (Fetozid). Und welches? Es ist einfach das, an das man am leichtesten rankommt.

Parallel kämpft man, im Kreißsaal nebenan, vielleicht gerade mit allen vorhandenen technischen Mitteln, um das Leben eines Frühchens, das in derselben Woche zur Welt kommt, in der das medizinisch ungewollte Kind nebenan von dannen gehen muss.

Beides kann tatsächlich auf ein und dieselbe Schwangerschaftswoche fallen und stellt für mich eine der absurden Blüten des technischen Fortschritts dar, die - für uns Betreuende - manchmal sehr schwer zu verarbeiten sind. Wie das für die Frauen selber ist, mag ich mir gar nicht erst vorstellen.

Ein weiteres, technomoralisches Problem sind die überzähligen Embryonen, die bei der künstlichen Befruchtung entstehen, aber eben nicht implantiert werden: Da das Verwerfen der Embryonen in Deutschland verboten ist, können sie (in einem Vorstadium) für den späteren Gebrauch kryokonserviert werden.

Das ist keine Science-Fiction mehr, wirft aber die Frage auf, ob sie eines Tages noch zu Kindern werden? Oder verwirft man sie später dann doch? Oder benutzt sie für die Forschung, sobald die Gesetze dafür geschaffen sind? Zur Zeit ist das verboten.

Bis zu drei solcher Behandlungszyklen übernimmt die gesetzliche Krankenkasse. Wenn das (heterosexuelle) Paar verheiratet ist und bestimmte Altersgrenzen noch nicht überschritten sind. Bessere Chancen auf künstlich erzeugte Kinder haben also wohlhabendere Menschen, die sich zusätzliche Zyklen leisten können. Homosexuelle Paare haben es noch schwerer.

Welche absurden Odysseen das hervorrufen kann, kann man in "Unerfüllter Kinderwunsch: Der Weg eines lesbischen Paares" nachlesen.

Risikoschwanger oder "guter Hoffnung"?

Nach erfolgreicher Zeugung geht es mit dem Monitoring zur "Qualitätssicherung" weiter. Der Ultraschall, oder die Sonographie, ist ein bildgebendes Verfahren, das die Pränataldiagnostik maßgeblich vorangetrieben hat. Die Technik ermöglicht die frühe Geschlechtsbestimmung und das sichere Auffinden von Mehrlingen, genauso wie das frühe Feststellen von "Defekten" beim Kind.

Doch wie immer ist die Technik nur so gut, wie der Mensch, der sie anwendet. Darüber hinaus gibt es auch hier Grenzen, bzw. zu berücksichtigende Interpretationsspielräume: Wenn in der 11. bis 14. Schwangerschaftswoche (SSW) eine Vergrößerung der Nackentransparenz (Nackenödem) per Ultraschall gemessen wird, spricht das für die erhöhte Wahrscheinlichkeit bestimmter Fehlbildungen, nicht aber für deren sicheres Vorhandensein. Es gibt viele solcher "Softmarker", also Befunde, deren Feststellung für bestimmte Fehlbildung sprechen - nein: sprechen könnten!

Wie geht man damit um? Solche Entdeckungen tragen dazu bei, dass die bis dahin normalen, gesunden Schwangerschaften zu Risikoschwangerschaften werden. Ist aber ein Risiko erst einmal benannt, steigt in der Folge, und fast unweigerlich, die Interventionsrate.

Inzwischen nehmen fast alle Frauen viel mehr als die eigentlich normalen 10 Vorsorgetermine war. Obendrein entscheiden sich Viele für eine Fruchtwasseruntersuchung, die an sich schon risikobehaftet ist. Am Ende sehen sich die Frauen dann als wandelnde Risikoträgerinnen. Stand heute: Risikoschwangerschaften sind der Normalfall und normale Schwangerschaften die Ausnahme.

Das "guter Hoffnung sein" sah vor dem standardmäßigem Ultraschall ganz anders aus:

Schwanger sein heißt, guter Hoffnung sein und Hoffen heißt die Möglichkeit des Guten zu erwarten.

Sören Kierkegaard (1813-1855)

Probeschwangerschaft & Babyfernsehen

Zwischen der 19. und der 22. SSW findet die so genannte Feindiagnostik statt. Hier lassen sich erneut alle möglichen körperlichen Besonderheiten, als auch Entwicklungsstörungen feststellen. Einige Entdeckungen sind sehr hilfreich. So lassen sich Durchblutungsstörungen vom mütterlichen zum kindlichen Kreislauf nicht nur feststellen, sondern teilweise sogar behandeln.

Für ein Paar ist es sicher gut zu wissen, wenn das Kind beispielsweise mit einer (gut zu operierenden) Spaltbildung im Gesicht zur Welt kommen wird. So können sie sich dann für den, zuerst erschreckenden, Anblick wappnen und die entsprechende Behandlung vorbereiten.

Aber was ist mit all den "schlimmeren" Diagnosen und den daraus folgenden Konsequenzen? Was passiert, wenn eine Frau (in der Hälfte der Schwangerschaft) erfährt, dass sie ein schwer behindertes Kind in sich trägt?

Viele Frauen warten inzwischen fast fieberhaft auf diese genaue Ultraschalluntersuchung, um erst dann wirklich zu entscheiden, ob sie das Kind bekommen wollen. Bis dahin ist es eine "Schwangerschaft auf Probe". Die Zeit bis dahin ist schwer - und das ist immerhin fast die Hälfte der gesamten Schwangerschaft!

Die emotionale Bindung zum eigenen Kind wird noch gar nicht zugelassen. Aber kann man seine Gefühle wirklich so kontrollieren? Zu diesem Zeitpunkt macht sich das Kind oftmals schon deutlich bemerkbar. Viele Frauen, mit denen ich gesprochen habe, hätten sich in der Schwangerschaft mehr "Nicht-Wissen" gewünscht.

Und selbst wenn die Feindiagnostik dann unauffällig ausfällt, haben Viele - dem Kind gegenüber - ein schlechtes Gewissen. Wissen sie doch genau, dass sie die Schwangerschaft, bei bestimmten Ergebnissen, wohl beendet hätten.

Auch wenn ich den Feindiagnostik-Ultraschall kritisch sehe, möchte ich die Technologie an sich nicht missen. Ich denke aber, man muss sich vorher bewusst machen, was bestimmte Informationen für einen selbst bedeuten und sollte in der Folge nicht nur von einer Stunde Babyfernsehen ausgehen. "Feindiagnostik - Babyfernsehen oder Fehlersuche?" beleuchtet das Dilemma vieler Frauen im Detail.

Früh, früher, Frühchen

Bei der Betreuung von Frühchen hat die Technik maßgeblich dazu beigetragen, dass diese immer früher überlebensfähig sind. Beatmungsgeräte, Hightech-Brutkästen, UV-Licht-Lampen und spezielle Vitalzeichenüberwachungsgeräte machen es möglich. Allerdings tragen viele Frühchen Behandlungsschäden davon.

Aber es gibt immer auch wieder diese "Wunderkinder", die mit einem Gewicht von zwei Päckchen Butter zur Welt kommen und sich trotzdem völlig normal entwickeln. Und an ihnen wird der medizinische Fortschrittserfolg gemessen. Und nun die Gretchen-Frage: Wie entscheiden sich Eltern, die man bei der Geburt ihres Babys, das bereits nach etwas mehr als der Hälfte (!) der Schwangerschaft zur Welt kommt, fragt, ob man alles menschenmögliche tun soll, um es zu retten?

Zwischen Technisierung und Selbstbestimmtheit

Sicher ist, dass Alles was technisch möglich ist, auch in Anspruch genommen wird. Sicher ist auch, dass technische Innovationen sowohl Chancen, als auch Risiken bergen. Hat sich die Geburtshilfe durch die Technik also maßgeblich verändert? Ja, das hat sie. Aber man ist ihr nicht zwangsläufig und unausweichlich ausgeliefert.

Frau hat die Wahl, denn die freie Wahl des Geburtsortes ist gesetzlich zugesichert. So ist es auch heute noch möglich, sein Kind genau so archaisch zur Welt zu bringen, wie vor 1000 Jahren. Wenn man das will. Einige tun genau das und planen eine Alleingeburt. Und Einige wählen die deutlich sichere Variante der außerklinischen Geburtshilfe mit einer Hebamme.

Sollte man dann doch Hilfe benötigen, ist die nächste Klinik, mit all ihren technischen Möglichkeiten, in der Regel nicht weit. Aber die meisten Frauen - fast 98% - gehen in eine Klinik.

Soweit die Theorie der Wahlfreiheit, denn die Vielfalt an Optionen in der Geburtshilfe steht inzwischen zur Disposition. Sie ist ernsthaft in Gefahr! Hausgeburtshebammen sind bereits rar. Sie verdienen so schlecht, dass ihr Beruf, nach Abzug der immens teuren Haftpflichtversicherung, einfach nicht mehr rentabel ist.

Kleine, familienorientierte Krankenhäuser der Grundversorgung haben ein ähnliches Wirtschaftlichkeitsproblem. Daher gibt es wohl bald nur noch große, zentrale Krankenhäuser. Wie sich dadurch die Technisierung der Geburtshilfe weiter entwickeln wird, und was das für uns als Gesellschaft bedeutet, wird sich zeigen. Aber schon jetzt ist erkennbar: Der Einfluss auf unsere Selbstbestimmtheit wird (noch) größer werden.

Guter Rat ist...

Das Kinderkriegen wird, auch durch die fortschreitende Technisierung der Geburtshilfe, zunehmend zur ganz persönlichen (fachspezifischen!) Herausforderung: Schwangerschaft als Wissenschaft. Eltern müssen sich, fast zwangsläufig, tiefgreifend mit dem Thema beschäftigen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, einem standardisierten Geburtensystem hilflos ausgeliefert zu sein. Dabei sollte Kinderkriegen doch eigentlich toll und einfach sein. Etwas ganz natürliches. Und selbstbestimmt!

Immer mehr Eltern wird bewusst, was sich da im Hintergrund, schleichend und bald unwiderruflich, manifestiert. Viele Eltern kämpfen bereits für ihr Recht auf die freie Wahl des Geburtsorts, bei der es um weit mehr geht, als nur um die Frage, ob Hausgeburt oder Klinikgeburt. Es geht um die Qualität und den Erhalt unserer Geburtskultur!

Ich bin Hebamme und schreibe diese Zeilen natürlich nicht ganz unbefangen. Ich bin auch Mutter zweier Kinder. Und ich bin betroffen, als Frau und Teil dieser Gesellschaft. Ich finde es absurd - und damit greife ich das gesundheitspolitische Thema aus der Einleitung wieder auf - dass, gerade in Anbetracht dieser inzwischen für Eltern komplexen Thematik, den Hebammen die Existenzgrundlage entzogen wird.

Guter Rat ist nämlich nicht teuer, denn er kommt in denkbar günstigster Form, nämlich der Hebammenbetreuung ab dem ersten Moment der Schwangerschaft, den werdenden Eltern zu Gute.

"Und wie wurdest Du geboren?" Was man im Moment noch dafür tun kann, damit diese Frage auch zukünftig einen Sinn hat, könnt Ihr in "Die Hebammenkatastrophe - letzter Aufruf zum Elternprotest" nachlesen.

Geburtskultur im Wandel

Die Technisierung wird natürlich weiter voran schreiten. Vielleicht gibt es irgendwann die total überwachte Schwangerschaft, in Anlehnung an die schon existierenden "Gesundheitsarmbänder". Vielleicht wird eine App erfunden, die die Herztöne und die Bewegungen des Kindes zu jeder Zeit misst und bei Unregelmäßigkeiten Alarmsignale gibt. Aber an wen? Und was tut man dann mit dieser Information? Der gläserne Mensch ab Stunde Null?

Und wird die App die Frauen dann auch beruhigen, ihnen Mut zusprechen und die Situation klären können? Meldet sich dann die virtuelle Hebamme aus dem Birthcontroll-Callcenter der Krankenkasse mit Sitz in Irgendwo? Wird das die Angst vor Komplikationen weiter schüren und zu noch mehr Interventionen führen?

Oder erhalten wir sogar individuelle Versicherungsangebote im "Livemodus", inklusive klarer Hinweise darauf, dass, wenn wir jetzt nicht der Untersuchung XYZ zustimmen, leider mit dem Ausschluss aus der Versicherung rechnen müssen? Was macht der Mensch mit der Technik und was macht die Technik mit dem Menschen? Wir werden sehen.

Ich wünsche mir, das trotz, oder eigentlich genau wegen der Technisierung, die Möglichkeit der Nichtnutzung erhalten bleibt und auch noch unsere Töchter und Söhne selbst entscheiden dürfen, welchen Grad von Überwachung, Technik und Natur sie bei ihren Geburten einfließen lassen möchten. Denn häufig frage ich mich bereits: "Ist die normale Geburt bald vom Aussterben bedroht?" Noch hab ich ein Fünkchen Hoffnung...

Aber bei uns Hebammen ist das "guter Hoffnung sein" ja auch Teil des Berufs.

Geburtskultur in der Diskussion

Aus meiner Sicht gab es vor knapp 10 Jahren noch ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen dem Faktor „Menschlichkeit in der Betreuung" und dem immer rasanter fortschreitenden Grad der medizinischen Technisierung.

Wie seht ihr das heute?

Wie geht es euch mit diesem Thema und wie geht ihr damit um?

Was ist für euch Fluch und was ein Segen?

-> Ich lade euch ganz herzlich zur Forstsetzung der Diskussion auf Hebammenblog.de ein, wo der Artikel bereits im Sommer 2015 erschienen ist, oder wir starten einfach eine neue Debatte hier in den HuffPostBlog-Kommentaren.

Die Autorin betreibt die Web-Seite Hebammenblog.de und veröffentlicht in Kürze ihr E-Book "Das Geheimnis einer schönen Geburt"

Dieser Beitrag ist als Gastartikel zuerst im Onlinemagazin LEBENLANG erschienen.

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