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19/02/2016 09:24 CET | Aktualisiert 19/02/2017 06:12 CET

Meine Geburt gehört mir - selbstbestimmt gebären

Frank Herholdt via Getty Images

„Lassen Sie sich bei der Geburt unbedingt frühzeitig eine PDA geben. Wozu unnötig leiden?" „Mach auf jeden Fall eine Wassergeburt! Nur so bleibt dein Damm heil! „Du willst doch dein Baby nicht wirklich zu Hause bekommen?! Also, wenn ich eine Hausgeburt gemacht hätte, dann wäre ich bei der Geburt ganz sicher gestorben!" „..."

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Wenn es um Geburten geht, gibt fast jeder ungefragt und oftmals voller Inbrunst seinen eigenen Senf dazu. Fragt man zehn Menschen nach ihrer Meinung, bekommt man locker 20 verschiedene Antworten. Das ist auch kein Kunststück, denn Geburten sind ein sehr emotional besetztes Thema, mit dem jeder andere Erfahrungen gemacht hat. Diese fließen dann natürlich in die Beratung der Freundin, Bekannten oder Nachbarin mit ein.

Dabei geht es oft viel mehr um die Verarbeitung der eigenen Geburt, anstatt darum, jemand Anderem einen guten Tipp zu geben. Aber genau darum sollte es doch eigentlich gehen - wenn überhaupt.

Folglich ist es, wie ich finde, nicht unbedingt klug, sich die Ratschläge und Geschichten von allen möglichen Personen anzuhören. Denn, so sehr einem positive Erzählungen Mut machen, genau so verunsichern die negativen. Beginnt die Selbstbestimmung unter Umständen also schon an dem Punkt, an dem man entscheidet, woher man seine Informationen bezieht?

Beim Abenteuer Schwangerschaft und Geburt ist die Meinungs- und Entscheidungsfindung eine der großen Herausforderungen

Beim Abenteuer Schwangerschaft und Geburt ist die Meinungs- und Entscheidungsfindung eine der großen Herausforderungen, bei der es einerseits gilt, gut informiert zu sein, und es andererseits darauf ankommt, Informationen bewusst von sich fern zu halten.

Klingt kompliziert oder gar unmöglich? Nein, das ist es nicht. Denn die gute Nachricht lautet: Deine Geburt gehört dir! Und wenn du gerne selbstbestimmt gebären möchtest, dann geht das auch. Allerdings gibt es ein bisschen was zu tun, bzw. zu berücksichtigen.

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Hör also am besten gar nicht hin, wenn Geschichten bereits mit: „Bei mir war die Geburt total schrecklich, weil...", anfangen. Oder noch besser: Bremse den Gesprächspartner von vornherein aus. Das ist vielleicht unhöflich, aber als Selbstschutz dringend anzuraten. Denn leider hinterlassen negative Geburtsgeschichten ihre Spuren. Und wenn man erst mal genügend „Gruselgeschichten" gehört hat, dann bekommt man selbst auch immer mehr unnötige Angst vor der Geburt.

Think positiv!

Glücklicherweise funktioniert das mit den Spuren auch bei positiven Geschichten. Es gibt so tolle Geburtsberichte zum Nachlesen und manche Frauen erzählen dabei mit so einer Freude von ihren Geburten, dass man glatt selbst Lust auf's Gebären bekommt. Und wenn man das hört oder liest, dann weicht die Angst einer gesunden Neugierde und man kann die Geburt plötzlich viel eher als eine tolle Herausforderung, anstatt als etwas Angsteinflößendes sehen.

So eine positive Grundeinstellung ist natürlich eine optimale Voraussetzung für jede Geburt. Denn tatsächlich beeinflusst die eigene Herangehensweise den Geburtsverlauf, bei dem eben nicht Alles nur vom Schicksal vorherbestimmt ist.

Letztlich muss Jede den eigenen Weg für sich selbst herausfinden

Letztlich muss - oder besser darf - Jede den eigenen Weg für sich selbst herausfinden. Wer bisher noch gar keine Vorstellung davon hat, wie es laufen soll, oder einfach gerne wissen möchte, wie Andere die Geburt erlebt und gestaltet haben, dem empfehle ich die von mir kommentierten Geburtsberichte im Blog. Sie zeigen die Vielfältigkeit von Geburten, erläutern diverse Zusammenhänge und können so bei der eigenen Wegfindung durchaus helfen.

Einen spannenden Einblick in die Geburten anderer Frauen gewähren sie allemal und oftmals ergeben sich in den Kommentaren spannende Diskussionen und Fragestellungen.

Traumgeburt gesucht?

Aber reicht es schon aus, sich einfach nur positiv auf die Geburt einzustimmen?

Es ist zumindest schon mal ein guter Teil der Vorbereitung. Aber um wirklich selbstbestimmt und eben so gut wie möglich zu gebären, brauchst du zusätzlich:

1. Eine ordentliche Portion (gutes) Hintergrundwissen

2. Eine kompetente, dich in deinen Wünschen stärkende Schwangerschaftsbetreuung

3. Den für dich passenden Geburtsort

4. Dein Geburts-Dream-Team

... & vielleicht auch ein kleines bisschen Glück

Ja, tatsächlich ist im Vorfeld ein bisschen Recherchearbeit sinnvoll, die sich aber in jedem Fall lohnt. Denn wenn du gar nichts tust und dann, wenn es soweit ist, einfach in den nächstbesten Kreißsaal, über den du nichts weiter weißt, gehst und dich dort quasi an der Eingangstür abgibst, dann bist du letztlich darauf angewiesen, dass die dort anzutreffenden Vorstellungen, Haltungen und Gepflogenheiten auch deinen eigenen Wünschen entsprechen.

Damit kannst du natürlich richtig Glück haben, oder eben ganz großes Pech. Mit etwas Vorbereitung kannst du diesen Unsicherheitsfaktor ganz einfach aus dem Weg räumen. Und das solltest du. Denn es gibt einen Unterschied zwischen „sich entbinden lassen" und „gebären".

Geburtsvorbereitung

Eine Hebamme, die du bereits möglichst früh in der Schwangerschaft kennen lernst, kann dich gut darin unterstützen, deinen eigenen Weg zu finden. Sie vermittelt dir das nötige Wissen, nimmt deine Ängste und berät dich bezüglich der Geburtsplanung.

Auch die Auswahl der Hebamme ist natürlich wichtig

Auch die Auswahl der Hebamme ist natürlich wichtig. Selbst wenn es heute leider gar nicht mehr so einfach ist, überhaupt eine zu finden, hilft dir bei der Überlegung, was für eine Hebamme zu dir passt, vielleicht mein Artikel „Hilfe für die Hebammensuche" mit kostenloser Checkliste zum Download.

Um deutlich mehr über Geburten und Geburtsverläufe zu erfahren und somit einschätzen zu können, was da eigentlich genau auf dich zukommt, ist - später in der Schwangerschaft - ein Geburtsvorbereitungskurs optimal. Dort lernst du die verschiedenen Geburtsphasen kennen, probierst Positionen aus, erlernst Strategien für den Umgang mit Schmerzen, machst Entspannungs- und Atemübungen, schulst die Körperwahrnehmung und gewinnst so Vertrauen in die eigene Kraft.

Anschließend hast du vermutlich eine ziemlich klare Vorstellung davon, was dir wichtig ist, und weißt auch, was du gar nicht für dich möchtest. Auf dieser Basis könntest du dir dann z.B. eine kleine Wunschgeburts-Liste erstellen.

Geburtsteam & Geburtsort

Um all die Wünsche und Vorstellungen dann auch möglichst selbstbestimmt umsetzen zu können, ist es sehr wertvoll, ein Geburtshelferteam zur Seite zu haben, dem man absolut vertraut und von dem man weiß, dass es alles dafür tun wird, einen in den eigenen Wünschen zu unterstützen. Aber wo und wie findet man dieses Team?

Rund 98% aller Frauen entscheiden sich für eine Klinikgeburt. Es gibt in jeder Geburtsklinik Infoabende, an denen es meist auch möglich ist, Fragen zu stellen und den Kreißsaal zu besichtigen. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit der außerklinischen Geburtshilfe - z.B. im Geburtshaus oder als Hausgeburt.

Auch dort lernt man die Hebammen vorher persönlich kennen und merkt dabei recht schnell, ob das generell für die eigene Geburt passen könnte. Durch die Erzählungen und die Besichtigung bekommt man einen tieferen, atmosphärischen Eindruck vom möglichen Geburtsort seiner Wahl und dem dortigen Geburtshelfer-Team. Die endgültige Entscheidung wird dann meistens vom Bauchgefühl getroffen - und manchmal auch vom Kopf.

Das Geburts-Dream-Team besteht meist aus mehr, als „nur" den Geburtshelfern

Aber das oben erwähnte Geburts-Dream-Team besteht meist aus mehr, als „nur" den Geburtshelfern: Wer bei der Geburt zusätzlich dabei sein darf, bzw. soll, entscheidet man am Besten danach, wer einem gut tut und wem man zutraut, die eigenen Wünsche in dieser Ausnahmesituation unterstützend zu ermöglichen.

Klassischerweise ist das der Partner, eine Freundin, die Mutter oder, wenn das alles so gar nicht passt, auch eine Doula. Idealerweise sollte derjenige auch zum Geburtsvorbereitungskurs mitkommen, um so auf einem Stand mit dir zu sein und zu erfahren, wie du dir die Geburt wünschst und was dir dabei wichtig ist.

Vor allem spielt dabei die zusätzlich gewonnene mentale Stütze eine große Rolle, denn:

„Nichts kann den Menschen mehr stärken als das Vertrauen, das man ihm entgegen bringt." (Adolf von Harnack - deutscher Theologe um 1900)

Es ist deine Geburt!

Wenn du all diese Vorbereitungen getroffen hast, bist du für deine selbstbestimmte Geburt bestens gewappnet.

Du bestimmst, was passieren soll! Du sagst, ob du sitzen, stehen oder liegen willst.

Gerade im Krankenhaus bekommt man oft das Gefühl, dass die Entscheidungen für einen getroffen werden. Denn Ärzte und Hebammen wissen ja viel besser, was für einen gut ist. Die Wahrheit aber ist: Du bestimmst, was passieren soll! Du sagst, ob du sitzen, stehen oder liegen willst. Du entscheidest, ob du baden willst, oder lieber nicht.

Du bist auch nicht dazu verpflichtet, auf einen Vorschlag einzugehen! Meist gibt es mehrere Optionen aus denen man wählen kann - spätestens dann, wenn man danach fragt. Als Geburtshelfer sind wir „nur" dazu da, dich zu beraten und dir deine Möglichkeiten aufzuzeigen.

In Notfällen wissen wir selbstverständlich besser, was zu tun ist. Aber die sind ganz selten. Und selbst dann musst du noch schnell darüber aufgeklärt werden, was passiert. Du und dein Baby, ihr seid die Hauptpersonen in diesem Spiel! Wir sind nur die „Statisten", die über euer beider Wohlbefinden wachen.

Und wenn es doch ganz anders kommt?

Eine Geburt ist natürlich nicht bis ins Letzte planbar oder gar vorhersehbar, aber man kann Einiges dafür tun, dass es so läuft, wie man das gern hätte. Unter Berücksichtigung aller Eventualitäten eben. Wenn du dich also gut vorbereitest und flexibel bleibst, also den Verlauf so nimmst, wie er kommt, und das Beste daraus machst, dann... wirst du das Kind schon schaukeln!

Es kann auch sein, dass ausgerechnet du eine der 10-15% aller Frauen bist, die einen Kaiserschnitt brauchen

Und klar kann es passieren, dass trotz alledem der Tag deiner Geburt der geburtenreichste des Jahres wird und die Hebammen und Ärzte so gar keine Zeit für dich haben. Es kann auch sein, dass ausgerechnet du eine der 10-15% aller Frauen bist, die einen Kaiserschnitt brauchen, obwohl du doch alles für die schöne Spontangeburt im Geburtspool vorbereitet hast. Und natürlich kann einfach alles ganz anders kommen, als erhofft.

Auch in so einem Fall bin ich davon überzeugt, dass die Vorbereitungen nicht umsonst waren. Du weißt dann zumindest, dass du für deine Traumgeburt alles in deiner Macht stehende getan hast, und brauchst im Nachhinein nichts zu bereuen. Das ist viel Wert!

Es ist aber deutlich wahrscheinlicher, dass du deiner Vorstellung von einer selbstbestimmten und vor allem schönen Geburt sehr nahe kommst, oder sogar - mit etwas Glück und in guter Hoffnung - deine Traumgeburt erlebst.

Ja genau, wir sind hier bei „Wünsch dir was"!

Wo und wie möchtest du dein Kind bekommen? Bist du schon gut vorbereitet? Wie gehst du die Sache an?

Hast du noch Anregungen und Tipps für eine gute Vorbereitung, die du gerne weitergeben möchtest? Dann ab in die Kommentar-Spalte damit!

Die Autorin betreibt die Web-Seite Hebammenblog.de

Hier das E-Book der Autorin "Das Geheimnis einer schönen Geburt"

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