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22/04/2016 07:18 CEST | Aktualisiert 23/04/2017 07:12 CEST

Ein mutiges Mädchen - Geschichten aus dem Kreißsaal

Tatiana Kolesnikova via Getty Images

Prolog:

Es war einmal ein Mädchen, das durfte mit 16 Jahren noch keinen Freund haben. Und weil das so war, wurde sie auch nicht aufgeklärt. Denn wer noch nicht sexuell aktiv ist, der braucht ja auch nichts über Verhütung zu wissen. Aber in den Sommerferien, da verliebte sie sich in einen netten Jungen. „Es" passierte - nur ein einziges Mal. Als dem Mädchen ständig schlecht wurde, ging die Mutter mit ihr zum Arzt - zum Kinderarzt. Der stellte nichts weiter fest. Sie wird sich wohl den Magen verdorben haben. Mutter und Tochter gaben sich mit dieser Erklärung zufrieden und dachten nicht weiter darüber nach. Auch nicht, als die Periode sehr unregelmäßig wurde und schließlich aussetzte; auch nicht, als das Mädchen etwas zunahm. Und wenn sie keine Wehen bekommen hätte, dann wüsste sie noch heute nicht, dass manchmal einmal reicht, um schwanger zu werden.

Ankunft

Ich habe Frühdienst. Es ist verhältnismäßig ruhig. Meine Kollegin und ich wuseln durch die Kreißsäale und füllen Materialien nach. Man weiß ja nie, was der Tag so bringt. Die Rettungsstelle ruft an: Ein junges Mädchen ist mit starken Bauchschmerzen in die Notaufnahme gekommen. Die Schmerzen sind intermittierend und krampfartig. Ob wir mal eben nachsehen können, ob es was Gynäkologisches ist. Na klar. Wenig später klingelt es am Kreißsaal. Ich lasse das Mädchen rein. Sie wirkt relativ entspannt. Während ich mit ihr in einen Untersuchungsraum gehe, mustere ich natürlich kurz ihren Bauch. Nein, schwanger sieht sie ja nicht aus.
Sie ist schlank und unter dem etwas größeren Pullover ist keine Wölbung zu erkennen.
Wird wohl was Gynäkologisches sein. Zusammen warten wir auf die Ärztin, die einen Ultraschall machen möchte. Wir unterhalten uns solange. Das Mädchen erzählt mir, dass sie gerade auf dem Weg in die Berufsschule war, als sie die Krämpfe bekam. Sie müsse auch dringend bald wieder zurück in die Berufsschule und pünktlich nach Hause. Ihre Eltern seien sehr streng.

Das sind Wehen

Sie wird ruhig und ich bemerke ihre konzentrierte Atmung. Sie fasst sich an den Bauch. „O Gott", denke ich, „das sind doch Wehen. Wie weit mag sie sein? Das wird ein Frühchen. Wir müssen sie in eine Klinik mit angeschlossener Kinderklinik verlegen." Ich frage sie, ob sie einen Freund hat; ob und wann sie sexuellen Kontakt hatte. Sie druckst herum. Ich denke an Missbrauch. Dann erzählt sie mir von ihrer Sommerliebe. Ich bin erleichtert. Keine Gewalt. Aber leider auch keine Verhütung. Ich rechne. Es ist Frühling. Es dürfte kein Frühchen mehr sein... Die Ärztin ist immer noch nicht da. Aber ich bin mir nun sicher, dass hier ein Baby unterwegs ist. Ich frage das Mädchen, ob ich sie untersuchen darf. Sie willigt ein. Behutsam taste ich sie ab. Erst von außen den Bauch: Das Baby ist tatsächlich deutlich zu tasten und bewegt sich auch gleich auf meine Berührung hin. Dann vaginal: Der Muttermund ist bereits 3-4 cm eröffnet. Ich bespreche mit dem Mädchen die Lage. Sie ist mäßig überrascht, beteuert aber nichts gewusst zu haben. Sicherheitshalber hat sie aber nach dem Sommerurlaub das Rauchen aufgegeben. Die Ärztin kommt. Ich informiere sie und sie macht einen Ultraschall. Es sieht alles so weit gut aus. Das Baby scheint klein und zart, aber durchaus zeitgerecht entwickelt. Erstaunlich. Denn selbst dem nackten Bauch hätte man das Baby nicht unbedingt angesehen. Es gibt ja viele, die um die Taille ein bisschen fülliger sind. Genau so sieht es aus.

Ich will die Adoption!

Dem Mädchen wird nun langsam doch das ganze Ausmaß ihrer Lage bewusst. Sie hat vor allem Angst vor ihren Eltern. Sie seien sehr, sehr streng und konservativ. Nein, sie könne es ihnen auf keinen Fall sagen. Ob sie das Kind nicht weg geben könne? Wir ziehen erst mal in den Kreißsaal um und schreiben ein CTG. Ich bespreche mich kurz mit meiner Kollegin. Sie wird mir, so gut es geht, den Rücken freihalten. So kann ich mich voll und ganz dem Mädchen widmen. Es ist ja eine nicht ganz alltägliche Situation - außerdem ist das Mädchen minderjährig und ganz allein. Ich bleibe also bei ihr, atme mit ihr und bin einfach da. Ich rede mit ihr über Verhütung und dass es möglich ist, beim Sozialmedizinischen Dienst umsonst Verhütungsmittel zu bekommen. Sie erzählt mir viel von sich. Sie fragt, ob wir ihre Eltern informieren müssen und das ist der einzige Moment der gesamten Geburt, in der sie panisch wird. Nein, das müssen wir nicht. Ein 16jähriges Mädchen darf in der Geburtshilfe eigene Entscheidungen für sich treffen, wenn ein Arzt bescheinigt, dass sie ihre Entscheidungen überblickt. Und dieses Mädchen weiß was sie möchte und wirkt dabei sehr besonnen. So sieht das auch unsere Kreißsaalärztin.
Das Mädchen ist sich absolut sicher, dass sie ihr Baby zur Adoption frei geben möchte und ihrer Familie nichts offenbaren will.
Das ist natürlich von außen betrachtet eine harte Entscheidung. Andererseits stellt sie damit quasi nur den Zustand vom Vortag wieder her. Denn von der Schwangerschaft hat sie ja bisher bewusst nichts gewusst. Während die junge Frau weiter tapfer Wehe für Wehe veratmet, informieren wir die Adoptionsvermittlungsstelle. Ich führe ein langes Gespräch mit der zuständigen Sozialarbeiterin. Wir gehen gemeinsam noch mal alles durch. Wenn das Mädchen ihr Kind frei gibt, hat sie ein Jahr Zeit, sich noch um zu entscheiden. Sie darf dem Kind einen Namen geben. Die Adoptiveltern sind aber nicht verpflichtet diesen zu übernehmen. Das Kind bleibt drei Tage in der Klinik und wird eingehend untersucht. Dann dürfen die neuen Eltern es mit nach Hause nehmen. Die Frau sagt mir, dass junge Mädchen wie das hier mit so einer Entscheidung oft gut klar kommen. Viel besser als Frauen, die theoretisch im besten Kinder-kriege-alter sind und womöglich sogar schon Kinder haben. Ich gehe zurück in den Kreißsaal und erzähle dem Mädchen, dass alles organisiert ist. Sie ist sehr erleichtert.

Die Geburt

Aber je mehr Zeit vergeht, desto angespannter wird sie wieder. Sie schaut alle paar Minuten auf die Uhr. Es ist 11. Um Zwei sei die Berufsschule aus. Sie müsse dann bald nach Hause kommen, sonst erwarte sie großer Ärger.
Ich ärgere mich unsäglich über diese Eltern und bin traurig über das schlechte Verhältnis.
Das Mädchen ist eine ganz normale, sehr nette, verständige 16jährige. Sie wäre sicher nicht in dieser Situation, wenn ihre Eltern nicht so an der Realität vorbei erziehen würden. Aufklärung ist eben wichtig. Kopf in den Sand stecken funktioniert einfach nicht. Doch wir haben Glück. Um halb 12 bekommt die Kleine Pressdrang. Kurze Zeit später bringt sie einen lebensfrischen, gesunden, normalgewichtigen, sehr süßen Sohn auf die Welt. Besonders happy bin ich darüber, dass die Geburt ohne jegliche Geburtsverletzungen blieb. Wir hatten darüber gesprochen, ob sie ihr Baby sehen möchte, oder ob wir es gleich nach der Geburt raus bringen sollten. Wie gewünscht bekam sie ihren Sohn also auf die Brust gelegt. Ein schöner, wenn auch heikler Moment. Würden doch Muttergefühle in ihr hoch kommen? Sie kuschelte zwei Stunden lang mit ihrem Babysohn. Sie gab ihm einen Namen. Sie stillte ihn sogar. Dann zog sie sich an und bat gehen zu dürfen.

Und weg

Wir gaben ihr eine Abstilltablette, große Vorlagen und einige Tipps mit - baten sie, sich so gut es ginge zu schonen und in den nächsten Tagen zur Kontrolle nochmal vorbei zu kommen. Ich nahm sie zum Abschied in den Arm. Dann wurde sie entlassen. Ich habe sie nie wieder gesehen. Noch oft denke ich an das tapfere Mädchen. Ich hoffe sie hat ein gutes Leben und konnte dieses Erlebnis und ihre Entscheidung gut verarbeiten. Den kleinen Jungen habe ich auf die Station gebracht und in den Tagen danach noch mal besucht. Dann kamen die neuen Eltern ihn abholen. Sie sahen unglaublich glücklich aus. Den Namen haben sie für den kleinen Jungen behalten. Sie haben ihm noch einen zweiten dazu gegeben. Er hatte gute Voraussetzungen für eine wunderbare Zukunft. 2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg Die Autorin betreibt den Hebammenblog. Im Original ist der Beitrag hier zu finden. Das E-Book der Autorin: "Das Geheimnis einer schönen Geburt"
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