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03/03/2016 11:19 CET | Aktualisiert 04/03/2017 06:12 CET

Was Berlin mit einem gallischen Dorf gemeinsam hat

Ninoslav Vrana via Getty Images

In der Welt hat sich Ulf Porchardt, stellvertretender Chef-Redakteur, über den Zustand der Berliner Lokalpolitik beklagt. Während die Weltfirmen sich in Berlin versammeln, bleibt die Lokalpolitik in ihrem Provinzialismus stecken.

Porchardt beschreibt, wie sich aus der alten West-Berliner Alternativszene und der Ost-Berliner Technoszene der 90er Jahre eine weltstädtische Kulturmischung ergeben hat. Der Berliner Bürgermeister Wowereit machte aus Berlin eine urbane Marke der Weltkultur. Doch sein Geist sei in den Tiefen der Provinz steckengeblieben.

Berliner waren sehr verwöhnt.

Ich bin vor 15 Jahren aus Berlin nach Hamburg gezogen und möchte den Grund für die Provinzialität der Berliner Politik suchen. Damals glaubte man Berlin würde eine Metropole wie London oder New York werden. Doch niemand dachte, daß Metropolen auch hohe Mieten hervorrufen. Berliner waren sehr verwöhnt. Ateliers und Übungsräume waren billig. Das war das Erbe von West-Berlin.

Der Berliner lebt in seinem Kiez, so nennt der Berliner sein Wohnviertel.,wie in einem Dorf. Dabei gibt es viele Kieze in Berlin, viele sind nicht sehr weltstädtisch. Der Kiez, indem Wowereit und der neue Bürgermeister Müller aufgewachsen und politisch großgeworden sind, nennt sich Lichtenrade.

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Dieser Kiez besteht aus Einfamilienhäusern, 3-stöckigen Mietshäusern und einem Aldi, Lidl und Edeka-Markt. Auf den Parkplätzen der Supermärkte befinden sich Döner- und Hähnchenbuden. Dort findet der Kiezbewohner seine Schnellgerichte, wenn er sich auf dem Nachhauseweg macht.

Am Wochenende ist der Flohmarkt auf dem Parkplatz des Metromarktes das Zentrum des Kiezlebens. Hier hat sicher auch Wowereit einige Schnäppchen erstanden. Das weltstädtische Flair von der Mitte Berlins ist weit entfernt. Daher vermuten viele Presseleute, daß Müller und Wowereit im innersten Lichtenrader Provinzpolitiker geblieben sind.

Man fühlte sich, wie ein kleines wehrhaftes Asterix-Dorf.

Bei den grünen Lokalpolitikern sieht es nicht viel besser aus. Sie sind zwar im urbanen Kreuzberg aufgewachsen, doch auch da scheint der Geist der Provinzpolitik nicht verschwunden zu sein. Man fühlte sich, wie ein kleines wehrhaftes Asterix-Dorf.

Es wurde nicht von Römern belagert, sondern von bösen Konzernen. Was für Asterix und Obelix die Römer waren, war für den alternativen Kreuzberger Konzerne, wie Gucci oder Apple. Davon ist auch das Abgeordenetenhaus geprägt.

Viele Menschen sind im Berlin der 80er und 90er Jahre sozialisiert worden. Die Angst vor Investoren, die Häuser kaufen, teuer sanieren und die Mieten steigern lähmt die Politik. In London hat ein Weltbürger das Bürgermeisteramt gewonnen. Doch Bürgermeister Johnson ist kein Gegner der Gentrifizierung.

London ist eine der teuersten Städte der Welt. Ein Bürgermeister wie Boris Johnson in London, der Mieten von 20 Euro pro Quadratmeter für normal hält, würde in Berlin als Gentrifizierer aus der Stadt gejagt werden. So stellt sich die Frage, was man den Berlinern wünschen soll. Es gibt keine urbane Metropole auf der Welt, in der es nicht zur Spaltung zwischen Armut und Reichtum kam.

Vielleicht ist ein Bürgermeister Müller, der sich als Schutzmann der kleinen Leute sieht, gut für den sozialen Frieden der Stadt.

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