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07/12/2015 12:30 CET | Aktualisiert 07/12/2016 06:12 CET

Warum Konservative Deutschland nie verstehen werden

dpa

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Konservative haben ein Problem: Sie können nur konservieren, was Progresssive erträumt und erkämpft haben. Wenn die Gegenwart aus den Fugen, der Status quo ins Rutschen gerät, klammern sie sich an eine verklärte Gegenwart, die es so nie gab. Auch in der Flüchtlingsdebatte wird ein goldenes Zeitalter konstruiert.

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Hierfür ist der Osteuropahistoriker Jörg Baberowski ein Paradebeispiel. In der jüngsten einer Reihe von Einlassungen sprach er am 7. Dezember auf „HuffPost" vom Verschwinden des Deutschland, „das auf einem christlichen Wertefundament beruht. All das, was uns lieb und teuer war, womit wir unserem Leben bislang einen Halt gegeben haben, muss sich ändern, weil Menschen aus einem anderen Kulturkreis kommen und auch andere Vorstellungen davon haben, wie wir leben sollen".

Am 23. November warnte er in der „Ostthüringer Zeitung", „wenn Jahr für Jahr Millionen Menschen nach Deutschland einwandern" wird „das Fundament, das unsere Gesellschaft einmal zusammengehalten hat, erodieren". Seine erste Einmischung in die Flüchtlingsdiskussion kam im September, als er in der „FAZ" schrieb:

„Die Integration von mehreren Millionen Menschen in nur kurzer Zeit unterbricht den Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht". Und: „Gemeinsam Erlebtes, Gelesenes und Gesehenes - das war der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft einmal zusammengehalten hat".

Millionen von Einwanderern


Diese Art der Konsistenz hat es im hetorogenen, kleinstaatlichen Deutschland nie gegeben, weder nach der Reichsgründung 1871, noch in der Zwischenkriegszeit, noch nach dem Zweiten Weltkrieg, als von 1944-50 zwölf Millionen Vertriebene einwanderten. Allenfalls hat es sie zu Beginn der beiden Weltkriege gegeben - mit verheerenden Folgen.

Aus Baberowskis Zitaten spricht die Sehnsucht nach einer homogenen Dorfgemeinschaft im Sinne des Soziologen Ferdinand Tönnies - nur handelt es sich bei dem Gegensatz Gemeinschaft versus plurale Gesellschaft um Idealtypen, die so in der Wirklichkeit nicht vorkommen, wie Tönnies, als er die Begriffe Ende des 19. Jahrhunderts schuf, nicht müde wurde zu betonen.

Ahnte Baberowski, auf welch unsicherem historischen Boden er sich bewegte? Der „Basler Zeitung" teilte er mit: „In den USA hat die Einwanderergesellschaft funktioniert, weil Generationen von Einwanderern durch diese amerikanische Zivilisierungsmaschine durchgegangen sind: durch das Baseballteam, durch die amerikanische Schule, durch gelebten Patriotismus.

Die Amerikaner sind stolz auf ihre Nation, und sie bieten ihren Einwanderern positive Identifikationssymbole an". Hatte Baberowski also zuerst behauptet, es bräuchte eine Gemeinsamkeit der Sozialisierung und Kultur, so sagte er nun, es ginge auch, indem man Einwanderern nachträglich Identifikationsangebote macht. Dieser Unterschied ist gewaltig.

Individuelle und kollektive Identität


Aber seine Beschreibung der USA ist selbst eine Halbwahrheit. Baberowski erweckt den Eindruck, als assimilierten die USA und zwängen die Einwanderer, ihre mitgebrachte Kultur aufzugeben. Dieses Schmelztiegelmodell gilt schon seit den 1960ern nicht mehr. Heute herrscht das Salatschüsselmodell:

Die Herkunftskultur wird gepflegt, und dann gibt es noch die Schüssel, die den bunten Salat zusammenhält: die englische Sprache, die nationalen Rituale, das Lächeln, das „How are you?". Während bei Baberowski immer nur eine Kultur geht, geht dort beides: individuelle und kollektive Identität, das Partikulare und das Gemeinsame.

Viele deutsche Progressive bewegen sich inzwischen auf ein amerikanisches Modell zu. Dabei ist das Spektrum der Progressiven weit - von Wirtschaftsliberalen, die auf die absolute Freizügigkeit pochen im Sinne der Gewinnmaximierung hochmobiler „rational choice"-Akteure, bis hin zu linken Basisgruppen, die sich seit den 1980ern in der Flüchtlingsarbeit engagieren.

Progressive haben in Deutschland ein Umdenken für ein neues Miteinander in einer veränderten Gesellschaft eingeleitet: Im Kern geht es nämlich um Zukunftsvorstellungen. Seit der Flüchtlingsdebatte scheint die Alternative nicht mehr nur „Multikulti" (gescheitert, Angela Merkel) oder die Aufgabe des Partikularen zugunsten der „Leitkultur" (Friedrich Merz) zu sein.

Nicht mehr nur bunter Salat, der von keiner Schüssel zusammengehalten wird, oder Schmelztiegel. Es wird das Salatschüsselmodell denkbar: die Pflege der syrischen Herkunftskultur und der arabischen Sprache bei gleichzeitiger Identifikation mit einer deutschen Dachidentität. Wie nun diese Dachidentität definiert wird - das ist die eigentliche Frage.

Die symbolische Dimension des Nationalen


Welche Inhalte? Welche Symbole, welche Lieder etwa bei einer Einbürgerungszeremonie im Fußballstadion? Diesen Sommer haben sich auch Linke eingeschaltet, nachdem sie davor die symbolische Dimension des Nationalen wegen der Kontamination durch den Nationalsozialismus rundheraus ablehnten - mit dem Nebeneffekt, dass die Ewiggestrigen die Definitionshoheit auf dem Silbertablett serviert bekamen.

Einwürfe von Jakob Augstein und Raed Saleh zur Leitkultur waren Signale, dass Linke jetzt mitdefinieren wollen. Dieses Mitdefinieren durch alle gesellschaftlichen Gruppen ist dringend erforderlich. Uns fehlt Elementares - angefangen bei den Worten. „Migrationshintergrund" war ein Fortschritt, aber wir sprechen immer noch von „Ausländern" und „Deutschtürken" statt „Türkendeutschen".

Wandert Baberowski in die USA aus, wird er nicht „American German" sondern „German American". Seine Frau ist nicht „Iranerin", wie sie der Interviewer der „Basler Zeitung" bezeichnete. Sie ist auch keine Deutschiranerin. Sie besitzt einen deutschen Pass, sie ist Irandeutsche. Meist fällt das Partikulare („Iran") irgendwann weg. So wie bei den vielen „Ruhrpolen" des 19. Jahrhunderts: den Kuzorras, Littbarskis und vermutlich auch den Baberowskis.

„Ich interessiere mich für Argumente", sagte Baberowski der „FAZ" in einem Interview. Statt aber Argumente zu liefern, etwa aus der Migrationsforschung oder der Geschichte, bemüht er das Anekdotische aus dem Alltag - seine bei der Bahnhofsmission tätige Frau, die „Menschen auf der Straße", mit denen er spricht, seine „Coiffeuse" mit ihren Nöten.

Anekdoten sind keine Argumente. Und die Summe von Anekdoten bildet keine öffentliche Meinung, schon gar keine unterdrückte, für die Baberowski wider „Schweigespirale" und „Tugendwächter" zu sprechen vorgibt. Dafür gibt es Demoskopie. In der Flüchtlingsdebatte offenbart sich wieder einmal die Schwäche des konservativen Arguments: Was nur würden Konservative konservieren, wenn Progressive es für sie nicht erträumten und erkämpften?

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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