BLOG
15/03/2016 09:28 CET | Aktualisiert 17/03/2017 06:12 CET

Amerika stellt die Weichen

Joe Amon via Getty Images

Fast jede Generation von Deutschen erlebt ein eng mit Amerika verbundenes weltgeschichtliches Ereignis, das sie besonders politisiert. Meine Großmutter erzählte mir von ihrer ersten Schokolade nach dem Zweiten Weltkrieg, die sie als junges Mädchen von amerikanischen Soldaten geschenkt bekam.

Die Generation meiner Eltern wurde stark durch die Kontroverse um den Vietnam-Krieg geprägt. In meiner Generation waren es die Terroranschläge vom 11. September 2001. Fast jeder erinnert sich an den Ort, an dem er von den Anschlägen erfuhr.

Viele sahen den Einschlag des zweiten Flugzeugs in den Südturm des World Trade Centers sogar live im Fernsehen.

Nach einer anfänglichen Welle der Solidarität für die USA schlug die Stimmung um und richtete sich gegen die weitgehend unilaterale Politik des Präsidenten George W. Bush. Gegen seinen Irak-Krieg und Symbole der Missachtung des Völkerrechtes wie das Gefangenenlager Guantanamo demonstrierten viele junge Deutsche.

Auch Barack Obama brachte hierzulande viele Jugendliche auf die Straße. Mehr als 200.000 Menschen versammelten sich 2008 um die Berliner Siegessäule - allerdings, um den Hoffnungsträger sprechen zu hören. Damals war er noch Präsidentschaftskandidat.

Die Euphorie nach seiner Wahl wich bald der Ernüchterung. Auch Obama konnte keine Wunder vollbringen. Doch die Häme, mit der manche Kommentatoren „den gefallenen Messias" überziehen, wird seiner Bilanz nicht gerecht.

Obama hat mehr erreicht als viele seiner Vorgänger.

Innenpolitisch wird seine Gesundheitsreform in die Geschichte eingehen. Außenpolitisch hat er Amerikas Ruf in der Welt verbessert, indem er auf diplomatische statt militärische Lösungen setzte.

Sichtbare Zeichen dafür sind etwa der Atomdeal mit Iran und die Annäherung an Kuba. Doch auch die Enthüllungen über die NSA-Aktivitäten liegen in Obamas Amtszeit. Selten war das Amerikabild der Deutschen so schlecht. Nur noch sechs von zehn Bundesbürgern nehmen die Vereinigten Staaten positiv wahr.

Manchmal hilft eine Rückbesinnung auf die gemeinsame Geschichte, um nicht nur noch das Trennende, sondern wieder das Verbindende zu sehen. Wer heute jedoch auf die historischen Verdienste der USA um den Wiederaufbau Deutschlands, die Westbindung oder die Wiedervereinigung hinweist, wird nicht selten schief angesehen.

Ein Kollege fragte mich, über was Präsident George Bush senior mit mir gesprochen habe, als ich ihm 2014 anlässlich des 25. Jahrestages der Wiedervereinigung in Texas begegnete. „Ich erzählte ihm, dass der Vater meiner Frau in einem Kofferraum aus der DDR geflohen ist und seine erste Auslandsreise ihn nach Amerika führte.

Am Ende des Gesprächs habe ich Bush noch spontan für seine Verdienste um die Wiedervereinigung gedankt", antwortete ich. Der Kollege empörte sich: „Man dankt doch nicht einem amerikanischen Politiker!" Ein Dialog mit Symbolcharakter.

Auch Plädoyers für einen pragmatischeren Umgang mit den Vereinigten Staaten der Gegenwart verhallen immer öfter. Dabei sind die USA inzwischen unser wichtigster Exportpartner.

Amerika wird auf absehbare Zeit seine Spitzenposition als wirtschaftliche und militärische Supermacht halten.

Düstere Prophezeiungen vom Niedergang Amerikas ignorieren die Fakten.

Außenpolitische Herausforderungen von der Ukraine-Krise bis zum sogenannten „Islamischen Staat" können wohl nur gemeinsam gelöst werden. Man muss sich nicht lieben, aber man braucht sich. Selbst diese einfache Wahrheit wollen manche Deutsche einfach nicht wahrhaben.

Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 scheint es nicht besser zu werden. Durch den Aufstieg des Milliardärs und Reality-TV-Stars Donald Trump auf die größte politische Bühne der Welt fühlen sich Kulturpessimisten in ihren anti-amerikanistischen Vorurteilen bestätigt.

Ein Volk, das zu Tausenden einem toupierten Tölpel hinterherläuft, der nach Herzenslust gegen Mexikaner, Moslems und manchmal auch Frauen hetzt, könne ja nur ungebildet und unzivilisiert sein, so eine gängige Lesart.

Angst vor sozialem Abstieg und Wut auf das Establishment funktionieren aber nicht nur in Amerika als Brandbeschleuniger.

Auch in Deutschland und vielen anderen Teilen Europas haben die Rechts- und Linkspopulisten Rückenwind.

Es braucht auch nicht immer rassistisches Gepolter und ein protziges Auftreten,

um die angeblich so oberflächlichen US-Wähler zu verführen.

Das beweist Bernie Sanders. Der Mittsiebziger begeistert vor allem Amerikas Jugend mit einem Programm das, wenn auch stark zugespitzt, der wachsenden sozialen Ungleichheit den Kampf angesagt hat.

Obwohl er weder über ein so mächtiges Netzwerk noch über eine mit so vielen Millionen gefüllte Wahlkampfkasse verfügt wie Hillary Clinton, gelingt es ihm im Vorwahlkampf, seine Rivalin ernsthaft herauszufordern - ein Beleg für die Vitalität der Bürgerbeteiligung an der Kandidatenkür.

Und sollte am Ende doch die Favoritin Hillary Clinton das Rennen machen, hätte nur acht Jahre nach der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten auch das Wahljahr 2016 eine historische Dimension: Die erste Präsidentin im Weißen Haus könnte Frauen auf der ganzen Welt inspirieren.

Diese Präsidentschaftswahl kann mehr werden als nur eine große Show, bei der sich die Helden der Wutbürger in den Mittelpunkt drängen. Die amerikanische Demokratie kann beweisen, dass sie auch diejenigen aushält, die ihre Werte auf die Probe stellen.

Wenn das Getöse des Vorwahlkampfes verklungen ist, könnte Raum sein für die Frage, ob der amerikanische Traum noch lebt. Viel steht auf dem Spiel. Amerika stellt die Weichen.

Dieser Text ist das Nachwort des Buches „Amerika stellt die Weichen" von Jan Philipp Burgard und Bodo Hombach, das im März 2016 im Lingen Verlag erschienen ist. Es enthält Beiträge von deutschen und amerikanischen Autoren aus Journalismus, Wissenschaft und Politik wie Frank-Walter Steinmeier, Friedrich Merz, Tom Buhrow, John B. Emerson oder John Kornblum.

2016-03-16-1458137498-6950790-AmerikastelltdieWeichen_Cover.jpg

Dr. Jan Philipp Burgard erlebte als Producer im ARD Studio Washington den Präsidentschaftswahlkampf von Barack Obama hautnah. Nach Stationen als Reporter für den NDR und das ZDF arbeitet er seit 2013 für den WDR. Er berichtet aus dem In- und Ausland für Sendungen wie Tagesschau, Tagesthemen oder den ARD Weltspiegel. Burgard ist Herausgeber des Buches „Amerika stellt die Weichen". Es erschien 2016 beim Lingen Verlag.

Auch auf HuffPost:

Was ist das? Amerikaner entdeckt gruselige Kreatur in Garten

Lesenswert: