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24/04/2015 06:30 CEST | Aktualisiert 24/06/2015 07:12 CEST

Mit diesen Psychotricks arbeitet die Polizei

thinkstock

Nirgendwo sonst werden so viele Verhöre durchgeführt wie bei der Polizei, es ist das täglich Brot von Polizisten in aller Welt. Weil Polizeiarbeit im Gegensatz zur Arbeit von Armee und Geheimdiensten relativ transparent ist, stehen uns dazu auch interessante Zahlen zur Verfügung: Etwa 40 bis 60 Prozent der Beschuldigten legen Geständnisse ab, die Zahlen variieren von Land zu Land nur leicht.10 Frauen gestehen jedenfalls deutlich häufiger (72 Prozent) als Männer (52 Prozent) - was eher bedauerlich ist, da knapp 85 Prozent der Festgenommenen männlich sind.

Man kann sich natürlich fragen, ob Verhöre in Zeiten von DNA-Analyse überhaupt noch notwendig sind. Wozu soll der moderne Polizist noch mit einem Schuldigen sprechen, wenn die Wahrheit ohnehin im Reagenzglas schwimmt?

Allerdings sind solche »Sachbeweise«, also am Tatort gewonnene Beweise wie Fingerabdrücke, DNA-Spuren oder Spuren der Tat beim Täter, anders als TV-Serien suggerieren, relativ selten. Tatsächlich gibt es solche eindeutigen Beweise nur bei etwa 10 Prozent aller Kriminalfälle! Insofern ist eine erfolgreiche Vernehmung nach wie vor das A und O der Verbrechensaufklärung.

Um aus Beschuldigten Geständige zu machen, stehen uns eine ganze Reihe von Verhörtechniken zur Verfügung. Die mit Abstand erfolgreichste ist diejenige, die, wie bereits erwähnt, auch vom FBI verwendet wird - und von Geheimdiensten, Armeen und Polizeibehörden in aller Welt: die Reid-Technik. Diese Methode ist so umstritten, dass ich beinahe einen Eklat auslöste, als ich auf der Tagung für Forensische Psychiatrie und Psychologie der Charité in Berlin im Sommer 2014 für sie eintrat. Weshalb?

Weil die Vortragenden - unter anderem der bekannte deutsche Rechtspsychologe Günter Köhnken, der die Reid-Methode als »eine Stufe vor Waterboarding« bezeichnet - befürchten, dass die Methode auch falsche Geständnisse hervorbringen kann. Aber dazu im Nachwort mehr.

Jedenfalls handelt es sich bei dieser Methode um die am weitesten verbreitete Verhörtechnik, die je entwickelt wurde. Sie verzichtet gänzlich auf Gewalt und vertraut allein auf psychologische Manipulation. Was hat es damit auf sich?

Der Vater der modernen Verhörmethodik

(...)

John E. Reid war ein Polizist irischer Abstammung. Ein bulliger Kerl, der in Studentenzeiten als Verteidiger im Footballteam der DePaul University gespielt hatte. Doch körperliche Gewalt und wüste Drohungen, wie sie für den damaligen Polizeialltag typisch waren, lagen ihm nicht:

Im Bundesstaat Mississippi zum Beispiel waren noch in diesen Zeiten drei Schwarze von Polizisten ausgepeitscht worden, bis sie den Mord an einem weißen Plantagenbesitzer gestanden; der Supreme Court stellte erst 1936 zu diesem Fall klar, dass Geständnisse, die durch Folter gewonnen wurden, vor Gericht keinen Wert besäßen.

Reid, der einen Bachelor-Abschluss in Jura in der Tasche hatte und sich brennend für kriminologische Arbeit interessierte, war der festen Überzeugung, dass man die besten Geständnisse durch kluge Verhörtechniken zutage fördern könnte.

Am SCDL spezialisierte er sich bald auf den Lügendetektor und stellte dazu auch eigene Experimente an; so bastelte er zum Beispiel aufblasbare Kissen, mit denen das nervöse Zittern der Befragten leichter erkannt werden konnte. Außerdem entwickelte er die sogenannte »Vergleichsfrage«, eine der zentralen Fragetechniken bei der Arbeit mit dem Lügendetektor, die Sie im nächsten Kapitel näher kennenlernen werden.

Einer seiner engsten Mitarbeiter erinnert sich an Reids Umgang mit Befragten: »Es war fast wie bei einem Priester. Er hielt deine Hand und sagte: ›Du solltest Dir das wirklich von der Seele reden.‹« John E. Reid hat dazu beigetragen, knapp 300 Mordfälle zu lösen. Er hat über 5000 Dieben Geständnisse entrungen. Er, der als Mann der leisen Töne galt, führte unzählige Verhöre durch und ging sogar in die Gefängnisse, um Verurteilte nachträglich zu befragen, was sie zum Geständnis bewogen hatte.

Wenn Menschen dazu gebracht werden sollen, die Wahrheit zu sagen, treten laut Reid stets wiederkehrende Verhaltensmuster auf: »Es ist fast so, als ob jeder Verbrecher das gleiche Buch darüber gelesen hat, was man tun und sagen muss, um sich zu verraten.« Und so begann er, jene Fragemethoden zu entwickeln, die später als »Reid-Technik« berühmt werden sollten.

Die Reid-Technik

Wie funktioniert die Methode konkret? Die erste Phase besteht aus einem Interview, in dem beobachtet wird, ob der Verhörte Anzeichen einer Lüge zeigt. Geht man danach davon aus, dass er tatsächlich lügt, folgen drei weitere Phasen: Zuerst wird dem Beschuldigten klargemacht, dass man alle nötigen Beweise in den Händen hält, egal ob dies der Wahrheit entspricht oder nicht. Diesen Schritt bezeichnet man als »Maximierung« (»Wir wissen Bescheid!«).

Dann wird dem Beschuldigten Verständnis vorgegaukelt, um seine Schuld kleinzureden - die sogenannte »Minimierung« (»Jeder an Deiner Stelle hätte doch das Gleiche getan!«). Und zum Schluss schiebt man die letzten rationalen Bedenken gegen ein Geständnis beiseite, indem man es als bestmögliche Wahl zwischen zwei Alternativen präsentiert (»Hast Du das schon seit Jahren getan oder bist Du nur dieses eine Mal schwach geworden?«).

Bei der Reid-Technik handelt es sich also um eine geschickte Kombination psychologischer Techniken: Es ist klar, dass Menschen eher dazu neigen, zu gestehen, wenn sie glauben, dass man die Beweise ohnehin schon in den Händen halte; in der Folge werden dem Verhörten scheinbare Rechtfertigungen für sein Verhalten angeboten, um ihm eine goldene Brücke zu bauen; und zuletzt wird das menschliche Streben nach der günstigsten Alternative ausgenutzt.

»Und tatsächlich«, so beschreibt Reid selbst seine Methode, »sind die Prinzipien für den Haustürverkauf von Produkten den hier vorgestellten Techniken sehr ähnlich, in denen es darum geht, Geständnisse von kriminellen Verdächtigen zu bekommen. Das Produkt des Ermittlers ist die Wahrheit und der erfolgreiche Vernehmer verkauft es genauso, wie diese Jungs gelernt haben, Zeitungsabos zu verkaufen.«

John E. Reid und sein Mentor Fred Inbau systematisierten ihre Erkenntnisse immer weiter und veröffentlichten 1962, nach über 20 Jahren Erfahrung, das Buch Criminal Interrogation and Confessions, das schnell zu einem gigantischen Erfolg wurde und nicht selten als »Bibel der Verhörmethoden« bezeichnet wird. Die New York Times schreibt, das Buch definiere »seit über einem halben Jahrhundert die Kultur der Polizeiverhörtrainings«.

Die Techniken sind so wirksam, dass der Supreme Court der USA in seiner sogenannten Miranda-Entscheidung, mit der Polizisten dazu verpflichtet wurden, jedem Beschuldigten bei der Festnahme seine Rechte herunterzubeten (»Sie haben das Recht, zu schweigen ...«), die Reid-Technik explizit als Grund aufführte - um es dem Verdächtigen zu ermöglichen, sich vor dieser Wunderwaffe der Ermittler zu schützen! Auch wissenschaftliche Studien berichten von extrem hohen Erfolgsraten von bis zu 85 Prozent.

Der Ernstfall

Zurück zu unserem Ausgangsbeispiel: Ben. Stellen Sie sich nun vor, Sie sind Ben. Sie haben tatsächlich eine Bombe gelegt, weil Sie den Tod Ihrer unschuldigen Familie, Ihrer Frau und Ihrer drei Kinder rächen wollen. Ihr eigenes Leben bedeutet Ihnen nichts mehr. Sie sind auf jeden Schmerz dieser Welt eingestellt und seelisch vorbereitet, jedes weitere Opfer bringt Sie Ihrer grauenvoll ermordeten Familie näher. Mit anderen Worten: Sie freuen sich fast schon auf die Folter.

Doch der Vernehmer setzt sich neben Sie. Er lässt Ihnen die Handschellen abnehmen und bietet Ihnen etwas zu trinken an. Er teilt Ihnen mit, dass man längst genügend Beweise gegen Sie gesammelt hätte - und im nächsten Moment verblüfft er Sie noch mehr: Er spricht über das Leid Ihres Volkes, über die vielen Ungerechtigkeiten der letzten Jahre. Jeder könne Ihren Zorn, Ihre Ohnmacht verstehen. »Aber ...« Er rückt noch etwas näher an Sie heran. »Aber sind Sie denn ein kaltblütiger Killer? Oder ein Mann, der aus Verzweiflung gehandelt hat, weil er einfach nicht mehr weiterwusste?«

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Sie jetzt auspacken?

Die Frage, ob man foltern sollte oder nicht, muss gar nicht unter ethischen Gesichtspunkten beantwortet werden. Ganz egal, was Ihr moralischer Kompass sagt: Viel effektiver als körperlicher Zwang sind psychologische Techniken - die selbstverständlich geschickt angewandt werden müssen.

Und nun stellen Sie sich vor, Sie beherrschen die effektivste Verhörmethode der Welt.

Stellen Sie sich vor, Sie führen eine Bank - und jemand hat 2000 Euro von dem Konto eines Kunden abgehoben. Es kann sich nur um eine bestimmte Angestellte handeln, niemand sonst hatte Zugriff auf die Kasse. Sie befragen die Verdächtige, eine langjährige und immer zuverlässige Mitarbeiterin, in Ihrem Büro. Wie gehen Sie vor?

Ein miserabler Vernehmer würde sie anbrüllen, um ihr Angst zu machen. Ein mittelmäßiger würde versuchen, sie über Stunden hinweg mürbe zu machen. Der beste Vernehmer aber setzt sich zu ihr, bietet ihr eine Tasse Kaffee an und plaudert mit ihr. Und genauso beginnen Sie das Gespräch. Sie lassen die Angestellte möglichst viel erzählen, von ihrem Berufs-, aber auch von ihrem Privatleben.

Dabei hören Sie genau zu und achten auf ein mögliches Motiv für ihre Tat. Hat sie Geldsorgen? Kann sie ihren direkten Vorgesetzten nicht ausstehen? Schließlich schauen Sie ihr in die Augen und sagen mit klarer und fester Stimme: »Sie haben das Geld genommen.« Natürlich will die Beschuldigte widersprechen. »Halt, hören Sie mir bitte zu«, fallen Sie ihr ins Wort, nachdem Sie Ihren Arm leicht gehoben haben, um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

»Wir warten nur noch auf den Hausmeister, der jemanden an der Kasse gesehen hat, danach ist sowieso alles klar. Sie waren immer zuverlässig und haben hervorragende Arbeit geleistet. Aber ich kenne auch Ihre Kollegen und ich weiß, wie Sie von ihnen behandelt werden. Insofern kann ich Sie gut verstehen - ich glaube, eine solche Gelegenheit hätte jeder genutzt. Ich sagen Ihnen jetzt etwas: Eigentlich könnten wir uns dieses Gespräch sparen, die Beweise sprechen schließlich für sich.

Aber ich würde mich freuen, wenn Sie die Gelegenheit nutzen, um die Angelegenheit aus Ihrer persönlichen Sicht darzustellen, damit wir uns nicht nur an die kalten Fakten halten müssen. Daher: Haben Sie das Geld genommen, weil Sie eine Diebin sind und seit Jahren stehlen? Oder haben Sie bloß eine einmalige Gelegen- heit genutzt, weil Sie sich ungerecht behandelt fühlen?«

Bekommen Sie nun todsicher die ganze Wahrheit zu hören? Nein. Aber wenn es überhaupt einen Weg gibt, an die Wahrheit zu gelan- gen, dann ist es dieser.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Entlarvt! Wie Sie in jedem Gespräch an die ganze Wahrheit kommen"

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Campus Verlag

ISBN 978-3-593-50126-0


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