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20/11/2015 10:47 CET | Aktualisiert 20/11/2016 06:12 CET

Die Selfie-Ära oder warum wir zu Web-Exhibitionisten wurden

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Das Selfie hat schon längst die ganze Welt erobert. Menschen verbringen Stunden damit, ihre „Schokoladenseite" perfekt in Szene zu setzen. Manche riskieren sogar ihr Leben für das perfekte Selbstporträt.

Unzählige Blogs und Artikel widmen sich dem Thema, wie man ein makelloses Bild mit seinem Smartphone schießt. Vom Präsidenten bis zum Oscar-Gewinner, alle tun es. Da wundert es auch keinen, dass „Selfie" von der Redaktion des Oxford Dictionary 2013 zum Wort des Jahres gekürt wurde. Instagram, Facebook, Pinterest, Twitter: Soziale Netzwerke leben gewissermaßen vom Exhibitionismus ihrer User.

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Und immer wenn ich meinen Facebook oder Instagram Account öffne, stelle ich mir dieselbe Frage. Warum tun es Menschen? Was macht das Selfie-Phänomen aus? Heute spiele ich mal die Hobbypsychologin und versuche in die Köpfe der Internet-Nutzer reinzuschauen, um das Modephänomen genauer unter die Lupe zu nehmen.

Selfies schießen, um sichtbar zu bleiben

Mein erster Gedanke auf der Suche nach den Antworten ist, dass Menschen möglicherweise einfach Angst haben, in der Fülle der Ereignisse unterzugehen - einfach unsichtbar zu werden. In dem Zeitalter, wo wir von Stimmen, Meinungen und Informationen nur so überflutet werden, könnte das Selfie eine Möglichkeit sein, sich auf dem großen Informationsmarkt einen Platz zu verschaffen, sich als Teil des Ganzen zu positionieren, um mehr Sichtbarkeit zu erlangen.

Dann frage ich mich, warum diese amateurhaften Selbstbilder immer nur das Positive zur Schau stellen. Warum trauen sich nur? Wenige posten ein Bild von sich, wenn sie mal einen Bad Hair Day haben?

„Selbstmarketing" heißt hier das Zauberwort, das uns glücklicher, schöner und erfolgreicher machen soll. Man wird dazu aufgefordert, die „Marke Ich" zu kreieren. Wie das geht, erklären unzählige Ratgeber-Bücher, Kurse, Seminare und Coaches, die sich dem Thema Selbstdarstellung widmen.

Könnten die Motive vielleicht doch viel tiefgründiger sein? Was wenn das Selfie ein Aufruf - oder besser gesagt - ein Schrei nach Kommunikation ist. Kommunikation in Bildern funktioniert bekanntlich viel einfacher und vermittelt schnell Informationen, die man nicht so leicht in Worte fassen kann.

Jeder war schon mal in der Situation, wo er seine Emotionen nicht beschreiben konnte. Ein bei Instagram veröffentlichtes Selfie würde da sicher mehr verraten. Bilder sind heutzutage in sämtlichen Bereichen gesellschaftlichen Lebens omnipräsent. Tatsache ist: Wir entwickeln uns von der verbalen zur visuellen Gesellschaft. „Visualität ist der neue Text", lautet der Slogan von morgen.

Wir sind einfach nur verliebt in unser Spiegelbild

Die einfachste Erklärung für das Phänomen wäre allerdings zu sagen, dass Selfies narzisstische Selbstporträts sind. In der griechischen Mythologie war der selbstsüchtige Narziss dazu verdammt, sich in sein Spiegelbild zu verlieben.

Heute hat das Selfie das Spiegelbild abgelöst und die Verdammten inszenieren sich so, wie sie sich selbst sehen möchten. Frei nach dem Motto „Ich poste, also bin ich", präsentieren wir uns der vermeintlich interessierten Welt in unseren besten Posen. Die Botschaften dieser Bildkultur sind denkbar simpel. Und die gesammelten Likes sollen dabei als Bestätigung dienen und den Coolness-Faktor erhöhen.

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Das Selfie-Phänomen lässt sich also nicht so leicht erklären. Anscheinend haben Menschen unterschiedliche Motive, warum sie sich der Welt auf diese oder jene Art und Weise präsentieren wollen.

Was allerdings klar ist, dass manche Leute in ihrem Alltag definitiv viel zu viel Zeit damit verbringen, ihr Leben in sozialen Netzwerken zu inszenieren, als es tatsächlich zu leben. Offenbar ist es für sie absolut wert, Tag für Tag ein makelloses Foto von sich bei Instagram hochzuladen, auf das es Likes regnen möge.

Diese Frau machte ein Selfie im Wohnzimmer. Plötzlich sieht sie, dass jemand hinter ihr stand

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