BLOG
03/09/2014 07:42 CEST | Aktualisiert 03/11/2014 06:12 CET

Fünf Dinge, die sie wissen müssen, um zu verstehen, warum ein Mensch sexuelle Gewalt ausübt

Ich war sehr erstaunt, als ich mithilfe wissenschaftlicher Untersuchungen und Erfahrungsberichte besser verstehen konnte, was mir vorher unbegreiflich war. Warum Menschen hilflosen Kindern Gewalt antun.

Weil er/sie als Kind körperliche Gewalt erlebt hat

Stellen Sie sich vor, sie sind ein kleines Kind, Sie werden immer wieder von einem vertrauten Menschen geschlagen, gleichzeitig brauchen sie seine Fürsorge, um zu überleben. Er sichert ihr Überleben, deshalb kann er nicht böse sein.

Um nicht in Todesangst zu geraten, müssen sie sich selbst die Schuld geben. Der andere ist gut, Sie müssen schrecklich sein, man kann Sie nur schlagen. Diese Abspaltung macht Ihr Weiterleben möglich.

Was würden Sie als Kind tun um zu überleben?

Gewaltfantasien entwickeln. Sie sind Super-Man und haben alles im Griff.

In Ihrem ganzen Leben werden Sie aufpassen, dass Sie nie wieder die Kontrolle verlieren. Sie treten großspurig auf, spielen schon im Kindergarten den großen Macker, damit nur niemand merkt, wie viel Angst Sie haben. Weil Sie mit ihrem „Auftritt" so beschäftigt sind, können Sie sich in der Schule nicht richtig aufs Lernen konzentrieren, Sie können nichts üben, weil Sie alles gleich können müssen. Sie werden nicht mit Leistungen glänzen.

Damit das nicht auffällt, sind Sie frech zu Lehrern und gemein zu Mitschülern, sie versetzen jetzt andere in Hilflosigkeit und sind heilfroh nie wieder die alte bodenlose Ohnmacht ihrer frühen Kindheit erleben zu müssen.

Weil die Mutter und Geschwister geschlagen wurden und er/sie nicht helfen konnte

Fast noch schlimmere Ohnmachtserlebnisse haben Kinder, die hilflos zuschauen müssen, wie geliebte Menschen geschlagen werden und sie zu schwach sind, ihnen zu helfen.Alles entwickelt sich, wie bereits ausgeführt, aber noch extremer.

Weil er/sie sexuelle Gewalt ertragen hat

Diese Gewalt kommt zumindest in der ersten Phase oft sanft daher, der Täter kriecht ihnen regelrecht unter die Haut. Sie können sich gar nicht mehr gegen ihn abgrenzen, er hat sie „besetzt". Täter und Opfer werden wie eine Person. Sie erleben, dass immer der Wille des Täters geschieht, sie müssen immer zu Diensten sein, aber ihnen wird eingeredet, dass sie es auch wollen. Sie vertrauen ihren eigenen Gefühlen nicht mehr.

Fühlen sich schuldig, beschämt und schmutzig. Auch diese Kinder retten sich in Gewaltfantasien oder durch stumme Akzeptanz ihrer Opferrolle.

Weil er/sie die Hoffnung aufgegeben hat, liebenswert zu sein

Als Jugendliche haben sie immer wieder erlebt als dumm, hässlich und abartig abgelehnt zu werden. Alle haben geknutscht, nur sie hatten niemand. Sie hatten keine Chance. Sie haben jede Hoffnung aufgegeben, für jemanden liebenswert zu sein. Sie meinen sie müssen sich mit Manipulation und Gewalt schwächere verfügbar machen.

Weil sie sexuell nur durch Kinder angezogen werden, wie andere Erwachsene durch Frauen oder Männer

Ich durfte Interviews lesen, in denen Menschen mit Unterstützung von Fachleuten einen Weg suchen, trotz Ihrer Neigung kein Täter zu werden. Ich musste dieses Wissen erst mal verdauen: es gibt Menschen die sind nur durch Kinder erregt. Sie können ihre Sexualität nicht leben, ohne Kindern Schaden zu zufügen. Sie müssen vermeiden, mit einem Kind allein zu sein. Sie müssen manchmal ihre Erregung durch Medikamente dämpfen.

Menschen, die immer wieder Täter werden, reden sich ein, Kindern mit geschickt manipulierten sexuellen Übergriffen in keinster Weise zu schaden. Sie behaupten, die Kinder würden es auch wollen, sie würden sie in die Erwachsenen-Sexualität einführen, ja, es wäre nur zu ihrem Vorteil. Sie haben, trotz vieler Berichte ehemaliger Opfer, keine Schuldgefühle und erleben sich selber als Opfer einer prüden Gesellschaft.

Wie geht die Entwicklung der kindlichen Opfer weiter?

Opfer bleibt Opfer, Opfer wird Täter, Opfer tut sich selber Gewalt an oder Opfer schafft es mit Unterstützung ein neues Leben zu beginnen

Zu einer Identifikation als Mann gehört es nicht Opfer zu sein, es ist gesellschaftlich naheliegender sich als kraftvoller Täter zu inszenieren Haben Jungen zu viel Ohnmacht als Kind erlebt und sich in Gewaltfantasien geflüchtet, setzen sie sie in der Pubertät um. Beginnende sexuelle Fantasien mischen sich mit den Gewaltfantasien und sie brauchen handfeste Unterstützung, um nicht zum Täter der nächsten Generation zu werden.

Für Frauen ist es gesellschaftlich näher liegend, in der Opferrolle zu bleiben. Bekommen sie ein Kind, erleben sie nach der Geburt, wie sie rund um die Uhr den Willen eines Anderen erfüllen sollen. Es erinnert sie stark an ihre Kindheit, ihr altes Trauma wird wach: Sie sind wieder klein und das Baby wird zum vermeintlichen Täter.

Sie schrumpfen zum hilflosen Kleinkind und das Baby wird übermächtig. Bekommt diese Mutter in diesem Moment keine Hilfe, beginnt die Spirale der Gewalt in der nächsten Generation. Dazu kommt, dass Frauen, die in der Opferrolle bleiben, wieder potentielle Gewalttäter anziehen. Das Baby ist in großer Gefahr.

Ein anderer vermeintlicher Lösungsversuch ist, die Gewalt gegen sich Selber zu richten, durch Selbstmord, Drogenabhängigkeit oder Alkoholsucht. Schuld- und Schamgefühle treiben die ehemaligen Opfer in den Tod.

Jugendliche, die nicht in eine einvernehmliche, partnerschaftliche Sexualität finden, brauchen unterstützende Gespräche und manchmal Sexualassistenz, um diesen Entwicklungsschritt machen zu können. Ansonsten halten sie Pornografie für die übliche Wirklichkeit und Demütigung von Frauen und Kindern für angesagt.

Viele schaffen den Ausstieg aus der Gewaltspirale. Es gilt keinesfalls, „wenn Du das erlebt hast, wirst du dich so verhalten". Jeder Erwachsene hat mehrmals die Chance, aus diesem Teufelskreis auszusteigen und ein selbst bestimmtes Leben zu führen.

Die Autorin arbeitet seit 40 Jahren als Elterncoach, ingrid.ruhrmann@bli-hamburg.de