BLOG
27/10/2015 13:38 CET | Aktualisiert 27/10/2016 07:12 CEST

Warum wir Vorfreude nicht verlernen dürfen

Jose Luis Pelaez Inc via Getty Images

Kürzlich in der Warteschlange: Die Schlange ist nicht besonders lang, man kann die Kassa bereits sehen, aber das macht es nur noch schlimmer. Man sieht mit eigenen Augen, wie jemand nach dem Bezahlen quälend langsam einpackt.

Man sieht genervt, wie ein anderer scheinbar den halben Supermarkt auf das Laufband legt. Und jetzt kommt auch noch eine Kundin mit einem Umtausch. Man blickt auf die Uhr, der nächste Termin drängt, und hier geht nichts weiter. Da ist man extra früher aus der Firma weggegangen, um sich Zeit zu ersparen, und dann ist der ganze Vorsprung erst wieder beim Teufel.

Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Wer Zeit sparen will, möchte die Dinge möglichst schnell erledigen. Wer aber beim Warten gelassen bleiben will, der sollte möglichst nicht ans Zeitsparen denken.

Warten, Pause machen, geduldig sein - all das gehört eindeutig nicht zum Anforderungsprofil der Zeitoptimierer. Wer ständig auf die Uhr schaut, sieht, wie die Zeit verfliegt. Die Wartezeit, die ungenutzt verstreicht, wird zur „verlorenen" Zeit.

Ist also die Uhr das Problem? Ab den 1960er-Jahren führte der deutsche Psychologe und Schlafforscher Jürgen Zulley in Andechs ein aufschlussreiches Zeitexperiment durch. Menschen ließen sich einzeln in unterirdische Räume sperren und hatten wenig, womit sie sich beschäftigen konnten.

Die Menschen wurden also, wenn man so will, zum Warten, zum Innehalten und zur Muße gezwungen. Es gab keine Uhren, keine Fernseher oder Radiogeräte und kein Telefon. Nur Zeit, viel Zeit. Die Versuchspersonen entdeckten nach und nach, welche Qualität diese Zeit hatte. Manche schrieben ihr bisheriges Leben auf, andere lernten ein Instrument. Und einige wollten gar nicht mehr in ihr normales Leben zurück.

Diese Menschen durften erleben, was den meisten von uns nicht vergönnt ist, sie lernten eine neue „Zeitsprache" kennen. Der Anthropologe Edward Hall stellte fest, dass es überall auf der Welt andere Zeit-Regeln gibt und nannte dies eine „stumme Sprache". Kinder lernen automatisch, was in ihrer Kultur „früh" und was „spät" bedeutet, welche Rolle die Uhrzeit spielt, wann man wartet, und wann man sich beeilt.

Jeder, der in ein Land mit einer anderen Zeitkultur fährt, etwa nach Südamerika oder nach Afrika, spürt sofort die andere „Zeitsprache". Dies gilt sogar für Warteschlangen: Ein Brite reiht sich an der Haltestelle artig in die Schlange ein, während sich Israelis beharrlich weigern, Schlangen zu bilden. Dennoch scheinen sie versteckte Regeln zu kennen, da auch sie fast immer in der Reihenfolge ihres Eintreffens den Bus besteigen.

In der Warteschlange leiden wir - in den meisten Fällen - unter dem Nichts-tun-Dürfen. Im Andechser Experiment entdeckten die Menschen die Muße, das Nichts-tun-Müssen. Es gibt noch eine andere Art des Wartens, für das es im Spanischen und Portugiesischen das Wort esperar gibt. Es bedeutet zugleich warten und hoffen. Wer sich etwas er-wartet oder er-hofft, nimmt eine vollkommen andere Haltung ein als der Wartende in der Warteschlange. Er übt - nämlich Geduld, und er vertraut - auf das Kommende.

Genau in diesem Sinn wurde früher wahrlich genug gewartet: auf gutes Wetter, auf den rechten Zeitpunkt für die Ernte, auf die erste Fleischmahlzeit nach der Fastenzeit, auf den Frühling nach dem Winter, auf die Almfahrt, auf den Kirtag, auf das Weihnachtsessen, ja sogar auf den ersten grünen Salat nach der langen Winterszeit, in der man nur von den Vorräten gelebt hat.

Nehmen wir den frischen Salat. Wer verstehen will, wie sehnsüchtig im Frühjahr das erste Grün erwartet wurde, der muss sich in folgende Situation hineinversetzen: Es ist Anfang März, und man hat seit vielen Wochen kein grünes Salatblatt mehr gesehen. Die eingelagerten Sorten wie Zuckerhut und Endivie haben vielleicht bis Anfang Jänner gereicht.

Danach gab es nur mehr Bohnen, Rüben, Kraut und Erdäpfel. Der Hunger nach ein bisschen Blattgrün war so groß, dass man sogar von den ausgetriebenen Rüben im Keller ein paar Blätter abzwickte und sie unter den Erdäpfelsalat mischte.

Bis der erste Salat im Garten geerntet werden könnte, würden noch Monate vergehen. Aber nach der Schneeschmelze war es dann so weit: an den Bachufern wuchs die Brunnenkresse. Das erste Grün, der erste richtige Salat nach vielen Monaten! Die zarten würzig-scharfen Blätter schmeckten unvergleichlich gut - weil man sie so lange hatte entbehren müssen.

Nun ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, die Menschen hätten sich die monatelange Wartezeit ersparen können. Sie hätten, so wie wir, die Möglichkeit gehabt, ihr Bedürfnis nach frischem Salat jederzeit zu stillen. Der Vergleich ist einfach und das Ergebnis liegt auf der Hand: Wer von uns empfindet noch Vorfreude, wenn er im Supermarkt ein Stück Kopfsalat kauft? Es ist eine simple Wahrheit, dass, wer nicht warten kann, sich um die Erwartung bringt.

Eine US-Studie untersuchte, wie Vorfreude entsteht. Freiwillige wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die einen sollten sich vorstellen, Geld für ein Erlebnis auszugeben, etwa eine Reise oder ein Konzert. Die anderen sollten an den Kauf eines Produktes denken, an ein Kleidungsstück oder ein neues Smartphone, beispielsweise. Es stellte sich heraus, dass die Vorfreude bei der ersten Gruppe viel stärker war als bei der zweiten.

Denn, Vorfreude ist nicht gleich Vorfreude. Wer sich auf ein Erlebnis freut, freut sich ungleich stärker und intensiver als jemand, der nur ein Produkt erwartet. Ein Smartphone ist ein Smartphone und eine Hose ist eine Hose. Wer aber auf ein Erlebnis wartet, wartet im Sinne von esperar. Man hofft, wartet und erwartet zugleich. Man malt sich aus, wir gut der frische Salat schmecken wird, wie süß die Kirschen sein werden und wie knackig die ersten Äpfel im Herbst.

Rein theoretisch könnten wir uns diesen Genuss erarbeiten und er-warten. Aber wenn wir doch die viel zitierten Erdbeeren in entsprechend sortierten Geschäften das ganze Jahr über zu kaufen bekommen... ! Also wozu warten, wenn man alles sofort haben kann?

Dieser Beitrag basiert auf dem Buch Was sich bewährt hat. Begegnung mit alter Lebensweisheit, das im August 2015 erschienen ist.

2015-10-27-1445963314-3258776-9783222135224_Cover_300dpi_NEU.jpg

Hardcover, 176 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

nur Text

ISBN: 978-3-222-13522-4

Preis: €19,90

Video: Endlich kann sie wieder hören: Mädchen weint Freudentränen

2015-10-29-1446111691-9101179-Gluck2.png

Mehr Dinge, die glücklich machen, gibt es hier.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite