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19/08/2015 11:22 CEST | Aktualisiert 19/08/2016 07:12 CEST

Flüchtlingsdebatte: Wir müssen nach dem Warum fragen

AP

Es macht wohl wenig Sinn, jetzt noch einmal einen Artikel zu schreiben, in dem es darum geht, Flüchtlingsgegner zu kritisieren. Davon gibt es genug und ich bin mir sicher, es werden auch noch weitere folgen. Ich springe nicht gerne auf Züge auf, die bereits von Unzähligen bereist werden.

Meine Intention ist es, da hin zu schauen, wo sonst kaum einer hin sieht.

Denn genau darüber mache ich mir Gedanken. So auch über Extreme, die ich immer hinterfrage, egal, in welcher Form. Ein Extrem ist ein unnatürlicher, teils auch ungesunder Zustand. Oder anders: Überall, wo man ein „ZU" davor setzen kann, beginnt laut Psychologie eine Störung.

Im Moment löst ein Extrem das andere ab. Vielleicht reichen sich aber auch gerade zwei Extreme die Hand. 1000 Stimmen gegen Flüchtlinge und 1000 Stimmen für die Flüchtlinge. Dazwischen gibt es nichts. Es gibt kein Wenn, es gibt kein Aber. Es gibt keine Differenzierung, es gibt kein Analysieren.

Die einen schreien ihren Hass und ihre Wut gegen die Flüchtlinge frei heraus. Die anderen halten nicht minder wütend dagegen.

Ein vernünftiges Gespräch, wo es um Ursachenforschung und Lösungssuche geht, findet nicht statt. Für mich ist das ein sehr bedenklicher Zustand, in dem es nur um einen Machtkampf, nicht aber um eine Lösung geht.

Fragen tauchen auf, wie: Wer geht als Sieger hervor? Wer schafft es, die Gefühle der anderen Fraktion mit Gewalt zu unterdrücken? Wer ist lauter? Wer behält Recht? Aufgeteilt wird nur in Gut und Böse.

Die eine Fraktion wird nur noch als Nazi gesehen, die andere als „verblendetes Volk".

Es fallen Beleidigungen und Ausdrücke, die man nicht mit Inhalten füllt. Leere Worthülsen, die man sich an den Kopf wirft. Und all das auf dem Rücken der Flüchtlinge.

Gesund und souverän ist anders. Souverän wäre, sich zuallererst die Frage zu stellen: WARUM? Mit einer Ausnahme, und da beginnt die Differenzierung. Über tatsächliche Nazis, die das Problem benutzen, um den Ausländerhass zu schüren, müssen wir hier nicht debattieren.

Aber(!) ich behaupte mal, dass nur ein geringer Bevölkerungsanteil wirklich zu den Nazis gehört.

Was ist mit all den anderen, die wütend aufgrund der Flüchtlingswelle reagieren? Ist es nicht ein bisschen zu einfach und zu kurz gedacht, - ja, ZU undifferenziert - alle als Nazis zu bezeichnen, die den Flüchtlingen abwehrend entgegen schauen?

Unterdrückt man mit der Bezeichnung „Nazi" nicht auch die Sorgen und Nöte, gar Ängste in unserem Land. Ist es nicht auch ein Totschlagargument, wenn einige teils berechtigten Ärger äußern?

Ja, auch diesen gibt es. Auch mich selbst erwische ich dabei, wie ich mich manchmal über bestimmte Verhaltensweisen ausländischer Landsleute ärgere, genauso, wie ich es bei den deutschen Landsleuten tue. Nur während man bei den deutschen Mitmenschen seinen Ärger frei heraus lassen und als Kritik bezeichnen kann, muss man sich bei den ausländischen Mitmenschen auf die Zunge beißen, weil man sonst als Nazi gilt.

Nun bin ich jemand ohne Sorgen, ohne Angst und Not. Ich bin nur jemand, der Missstände sieht, und sie gerne benennen möchte, OHNE darauf zu achten, welche Nationalität gerade vor mir steht. Wie mag es denen gehen, die voller Angst in die Zukunft schauen?

Was passiert - rein psychologisch - wenn man Angst unterdrückt und verbietet? Richtig! Sie wandelt sich um in Hass und in destruktive Aggression!

Diesen Vorgang, der zurzeit stattfindet, kann man mit Nachdruck *pathologisch* nennen.... mit ungeahnten Folgen.

Angst gibt es aber auch auf der anderen Seite. Auch die, die die Flüchtlinge *Willkommen- heißen*, machen sich Sorgen. Zu nah ist noch immer die Zeit der Judenvernichtung, und zu viel von dem, was gerade passiert, erinnert daran. Hier vermischt sich nicht Angst und Wut, so, wie bei den Flüchtlingsgegnern, sondern Angst und Empathie.

Man fühlt sich hinein in das unsagbare Leid der Flüchtlinge und möchte ihnen gerne mit offener Hand begegnen, was viele andere Menschen versuchen zu verhindern, was wiederum - auch bei den Flüchtlingshelfern - Wut erzeugt.

Und während sich das Volk streitet und voller Wut begegnet, passiert bei unserer Frau Kanzlerin, welche ich hier mal stellvertretend für das gesamte Politikum nenne, ... nichts. Und es wird auch nichts passieren! Es wird keiner da sein, und auf die tatsächlichen Sorgen zu sprechen kommen, die die Menschen in unserem Land bewegen. Es wird keiner mit Lösungsvorschlägen kommen, und es wird auch keiner der Verantwortlichen einen Hauch Verständnis zeigen.

Wir ganz alleine müssen uns bemühen, uns zu besinnen.

Eine Lösung habe ich nicht parat, - wie auch, als ganz einfacher Bürger unseres Landes. Vielleicht kann ich aber mit diesem Artikel den einen oder anderen dazu bewegen, mit der Differenzierung zu beginnen.

Vielleicht können die einen anfangen, zu unterscheiden zwischen Nazi und sorgenvollen Bürger, und die anderen können unterscheiden zwischen Ausländer, die, genauso wie viele Deutsche, Verhaltensfehler zeigen, und Flüchtlinge, die ohne Zögern unsere Hilfe benötigen.

Alleine diese Differenzierung würde ungemein viel bewegen...

... so man es denn will!

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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Video: Studie zeigt: Das ist das ausländerfeindlichste Bundesland Deutschlands