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01/06/2014 07:07 CEST | Aktualisiert 01/08/2014 07:12 CEST

Self-Publishing: Wie unabhängig sind die Indies wirklich?

Self-Publishing ist in der Buchbranche das Wort der Stunde - viele Autoren, die ihre Texte als eBooks selbstveröffentlichen, verdienen mittlerweile gute Monatsgehälter und einige kann man mit 100.000 und mehr verkauften eBooks getrost als Bestsellerautoren bezeichnen.

Self-publisher, das sind Autoren, die ihre Werke weitestgehend selbständig und insbesondere unabhängig von Verlagen veröffentlichen. Deshalb fällt oft auch der Begriff „Indie-Autoren", wenn von Autoren die Rede ist, die ihre Werke von A bis Z selbst erstellen und über Distributoren wie neobooks, Bookrix, Smashwords oder epubli an die E-Book-Händler wie Thalia, ebook.de, Hugendubel, Apple und Co. vertreiben lassen oder direkt bei Händlern wie Amazon einstellen.

Aber wie „Indie" sind die Self-Publisher tatsächlich?

Zwar sind die E-Book-Erstellung sowie Marketing und PR in den Händen der Autoren, der Verkaufserfolg der Self-Publisher wäre jedoch ohne die E-Book-Händler nicht möglich: Sie bieten die Handelsplattform und vor allem schaffen sie die Aufmerksamkeit für die digitalen Produkte. Zusätzlich sind im E-Book-Geschäft viele Kunden beim E-Book-Kauf auch mittels ihres Lesegerätes an einen Händler gebunden, was zusätzlich Abhängigkeiten schafft.

Das One-Stop-Shop-Prinzip ist für Kunden aber auch deutlich angenehmer als die Suche nach einer Autorenhomepage und deshalb wird der Direktvertrieb vom Autor zum Leser vermutlich auch weiterhin nur marginal zu den Verkaufszahlen beitragen.

Vom Wohlwollen der Händler sind die Autoren also durchaus abhängig:

Während einige Händler die Selfpublisher zwar in den Katalog aufnehmen, sie aber sonst weitestgehend ignorieren, sind andere E-Book-Händler sehr aktiv, wenn es um die Bewerbung der (meist sehr günstigen) eBooks von Self-Publishern geht.

Vor wenigen Tagen gelang es den verlagsunabhängigen Autoren bei Amazon sogar zum ersten Mal, die Verlagsautoren komplett aus den Top10 der bestverkauften eBooks zu verdrängen.

Mit kdp war Amazon beispielsweise unter den Vorreitern im E-Book-Self-Publishing.

Self-Publisher sind dort - auch dank hauseigener Marketingmittel - sehr erfolgreich.

Wer jedoch in den Genuss der Marketinginstrumente kommen will, muss sich exklusiv bei Amazon verpflichten. Damit muss das Buch aus den anderen Internetshops verschwinden, und zwar schnell - denn findet die hauseigene Suchmaschine im Netz das Buch noch bei anderen Händlern, fliegt der Titel aus dem Programm.

Der Autor muss außerdem auf den Aufbau einer breiten Fanbase verzichten, denn für den Leser bedeutet das, das er manche Titel gar nicht oder erst verspätet in den anderen Shops erhält. Da ist mancher E-Book-Leser, der einen Sony, tolino oder ipad besitzt dann not amused und greift lieber zu einem anderen E-Book, statt monatelang zu warten.

Zudem macht sich Autor komplett von einem Händler abhängig.

Das kann gefährlich werden - wie das jüngste Beispiel von audible zeigt: Das Unternehmen ist marktbeherrschend im Hörbuchmarkt und änderte vor kurzem die Konditionen: Bis über 50% weniger Umsatzbeteiligung bedeuteten die Änderungen für viele Autoren, die ihre Werke über die Plattform ausliefern lassen. Wehren kann der Autor sich nur, in dem er dem Vertriebspartner den Rücken kehrt - und sich damit ins eigene Fleisch schneidet.

Keine echte Bestsellerliste

Auch existiert für die Indies bisher keine tatsächliche, unabhängige Bestsellerliste von Selfpublishern, so dass man sich nur auf Verkaufslisten einzelner Händler berufen kann. Auch hier steht die Bestsellerliste von Amazon im Zentrum der Aufmerksamkeit, auch wenn sie nur einen Teil des Marktes abbildet und zudem nicht nur tatsächliche Sales abbildet (sondern vermutlich auch die Leihvorgänge).

In den USA ist man hier schon weiter: Guardian und New York Times melden die Self-Publishing-Titel ganz selbstverständlich in den E-Book-Bestsellercharts - und tragen so zu mehr Sichtbarkeit von echt unabhängigen Autoren bei.

Im Moment ist die „Indie"-Publisher Szene also weniger independent, als sie sich das vielleicht wünschen würde - und das spielt eindeutig in die Hände eines großen, hoffentlich nicht übermächtig werdenden Konzerns.

Am einfachsten ändern könnten das tatsächlich am besten die anderen Händler: Indem sie Self-Publishern die verdiente Aufmerksamkeit zu teil werden lassen und eine gemeinsame Bestsellerliste ermöglichen.