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07/01/2017 07:25 CET | Aktualisiert 08/01/2018 06:12 CET

Der Anschlag in Istanbul hatte einen anderen Effekt als alle dachten

Dieses Mal spürten die Menschen in der Türkei, dass etwas anders war. Die Reaktion auf den Anschlag kam von einem vereinten Volk, nicht von einzelnen, zersplitterten Gruppen. Das ermutigte sie ein wenig vor dem Hintergrund dieses sinnlosen Blutbads.

YASIN AKGUL via Getty Images

Vielleicht können die Türkei und der Westen etwas von dieser Tragödie lernen: „Das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, sondern Gleichgültigkeit."

Türkischen Expats auf der ganzen Welt haben sich schon auf unheimliche Art und Weise dran gewöhnt: Das leise „Ping" der WhatsApp-Nachricht in der Nacht. Ein trauriges Emoji in der ersten Zeile der Nachricht. Ihre Hände zittern, wenn sie die Nachricht öffnen und den Rest lesen. Ein alles vernichtender Screenshot erscheint, üblicherweise von CNN Turk oder einer anderen News-Seite, und verkündet einen weiteren Terroranschlag in der Türkei.

Der Anschlag in der Silvesternacht in einem der für Türken und Ausländer beliebtesten Nachtclubs forderte 39 Leben, 69 weitere Menschen wurden verwundet.

Schon bald erhielt der Anschlag den Namen „Türkeis Bataclan", benannt nach dem Nachtclub in Paris, der im November 2015 von Terroristen heimgesucht wurde. Mein Zuhause in der Türkei ist nur fünf Minuten vom Club Reina entfernt. Ich bin jeden Tag daran vorbei gelaufen.

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Der Anschlag fand statt, als viele im Ausland lebende Türken - inklusive mir selbst - sich gerade zum Abendessen hinsetzten oder sich nach den Silvesterfeierlichkeiten schon zu Bett begeben hatten. Jeder hoffte auf ein besseres Jahr 2017 für die Türkei. Aber die furchtbare Nachricht traf sie erneut, die Hoffnung auf Normalität wurde wieder einmal zerschlagen.

Bei diesem Anschlag war etwas anders

Nur dieses Mal spürten sie vielleicht, dass etwas anders war. Die Reaktion auf den Anschlag kam von einem vereinten Volk, nicht von einzelnen, zersplitterten Gruppen. Das ermutigte sie ein wenig vor dem Hintergrund dieses sinnlosen Blutbads.

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Der wichtigste Kommentar nach dem Anschlag nach dem Anschlag kam eher unerwartet von einer Persönlichkeit, die niemand mit dem liberalen Charakter von Orten wie dem Club Reina verbunden hätte.

Mehmet Görmez, Türkeis oberster Geistlicher und Präsident des Diyanet İşleri Başkanlığı, also des Präsidiums für Religionsangelegenheiten, versicherte Liberalen und Konservativen gleichermaßen, dass es „egal ist, ob so ein barbarisches Attentat auf einem Bazar, einer Andachtsstätte oder einem Ort des Vergnügens stattfindet."

Das Präsidium für Religionsangelegenheiten ist normalerweise nicht die erste Anlaufstelle nach einem Terroranschlag. Aber in diesem Fall hat Görmez, noch bevor der Premierminister Binali Yıldırım oder selbst der Präsident Recep Tayyip Erdoğan sich äußern konnten, festgestellt, dass es „der einzige Sinn" des jüngsten Anschlags war, „das Volk zu entzweien und Menschen, die unterschiedliche Lebensstile propagieren, gegeneinander aufzustacheln."

Die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen

Verglichen mit vergangenen Anschlägen, die meist auf Sicherheitskräfte oder touristische Orte abzielten, wurde im Reina die säkulare Seite des Islams Ziel des Anschlags. Viele Türken interpretieren das als Angriff auf den demokratischen Islam, für den dieses Land steht.

Laut der Berichterstattung stammten die Opfer aus 14 verschiedenen Ländern. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle Nicht-Türken, die während dieses Anschlags starben, wahrscheinlich Muslime aus Ländern wie Marokko, Tunesien und Libanon.

Jeder von ihnen feierte das neue Jahr auf seine eigene Art und Weise und folgte dabei nicht unbedingt einer materialistischen Tradition. Sogar der Papst bekundete in seiner Neujahrsansprache in Rom sein Beileid für die Opfer und versicherte Solidarität mit den Überlebenden.

Ohne Zweifel liegt die Betonung in Görmez' Aussage auf „verschiedene Lebensstile". Das ist es, was diesen Anschlag - einen von vielen in meinem Heimatland - von anderen unterscheidet.

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Was auch die Botschaft sein mag, säkulare Türken fürchten, dass der Anschlag jener Nacht zusätzlich ein Angriff auf ihren Lebensstil sei. Gerade deswegen war Görmez' toleranter Ansatz sowohl eine Überraschung als auch eine Erleichterung, bedenkt man die kurz zuvor gehaltene Predigt des Präsidiums für Religionsangelegenheiten, in der dem Volk dazu angeraten wurde, von „nicht-muslimischen" Aktivitäten, wie den Silvesterfeierlichkeiten, Abstand zu nehmen, da sie „ungesetzlich" wären.

Die Türkei ist ein wunderbar vielseitiges Land

Hier leben Menschen, die in unterschiedlichen Graden gläubig sind und dennoch Seite an Seite leben. Es ist das Land, in dem Sinem Uyanık, eine junge, moderne Club-Gängerin und Überlebende des Anschlags im Reina, dasselbe letzte Gebet wie eine muslimische Frau mit Kopftuch spricht, weil sie fest davon überzeugt ist, diese Nacht zu sterben.

Es ist das Land, in dem viele Mitglieder der LGBTQ-Community an den Rand der türkischen Gesellschaft gedrängt werden und an Ramadan dennoch genauso fasten wie ihre religiösen Freunde. Es ist auch das Land, in dem sich gleich neben dem Club Reina das Huqqa befindet, ein ebenso gehobenes Café.

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Im Huqqa, dass auch bekannt ist als „das Reina für Konservative", kann man Huqqa rauchen (auch bekannt als Shisha), nicht-alkoholische Getränke oder Halal-Gerichte bestellen. Ich habe lange Zeit in Bebek-Ortaköy gelebt und mochte den Vibe des Huqqa mit seinem konservativen Menü, da ich nicht trinke, in Verbindung mit dem Blick auf den Bosporus.

Vor diesem Hintergrund sind solche Kommentare wie der von Görmez notwendig, um eine zunehmend gespaltene Nation, in der Islamisten mit einer säkularen Armee nicht nur neuerdings um die Macht kämpfen, zu vereinen.

Die Türkei leidet schon lange unter den toxischen Nebeneffekten der wachsenden Polarisierung zwischen Säkularen und Konservativen. Und zwar so sehr, dass es dafür sogar einen eigenen Begriff gibt: Und zwar „ötekileştirme", oder „Andersartung". Gemeint ist damit die immer größer werdende Intoleranz gegenüber der jeweils anderen Seite und dessen Markierung als dem Anderen.

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Für die Säkularen waren die Konservativen immer die Rückständigen und Ungebildeten

Vor allem während der Gezi-Proteste 2013 wurde die jeweils andere Seite von Konservativen und Säkularen immer wieder provoziert. Für die Säkularen waren die Konservativen immer die Rückständigen und Ungebildeten, die die Modernisierungsversuche Mustafa Kemal Atatürks seit Gründung der türkischen Republik 1923 auch heute noch verhindern wollen.

Am Mittwoch wies Präsident Erdoğan, gerichtet an eine Gruppe Muhtar oder Dorfvorsteher, die das Herz der Türkei repräsentieren, auf die herrschende Doppelmoral hin und bekräftigte Menschen dazu, den Anschlag in Reina im städtischen Istanbul mit solchen wie dem Bombenattentat bei einer Hochzeit in Gaziantep im Südosten Anatoliens letzten Sommer zu vergleichen: „Wären die Reaktionen dieselben, wenn der Attentäter diesen Gewaltakt nicht an jenem Ort in jener Nacht, sondern am helllichten Tag auf einem Marktplatz ausgeführt hätte?"

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Er fügte hinzu: „In der Türkei muss sich niemand wegen seines Lebensstil systematisch bedroht fühlen, das würden wir nicht erlauben. [...] Genauso, wie es falsch wäre, den Gebetsruf eines Imam nicht zu tolerieren, wäre es falsch jemanden dafür unter Druck zu setzen, weil er keinen Namaz praktiziert [täglich fünf mal betet]."

Auf Grundlage dieser Aussagen und Erdoğans Missbilligung der Diskriminierung von Mädchen, die wegen ihrer Kopftücher eine Schule nicht betreten durften, wollen Säkulare, dass er die steigende Anzahl von Gewalttaten, ausgeführt von islamistischen Bürgerwehrsoldaten, die westliche Kunst- und Musikevents in großen Städten mit der Begründung stürmen, dass dort Alkohol konsumiert wird, nicht toleriert.

Angetrieben von konservativen Medien, stieg der religiöse Chauvinismus, der eigentlich eine Randerscheinung ist, je näher der Silvesterabend rückte.

Derweil ist der Mörder so vieler unschuldiger Menschen im Reina immer noch auf der Flucht

Meine Freunde, die sich für die kommenden Tage verabredet haben, suchen nach einem Treffpunkt, an dem der Attentäter sie nicht finden könnte, ein Ort, an dem sie sich verstecken könnten, sollte er wieder zuschlagen.

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Die einzige Möglichkeit für viele Menschen in der Türkei ist es nun, diese Ängste zur Seite zu schieben, um weiterhin ein normales Leben führen zu können. Eine bittere Wahrheit, die der Anschlag im Reina ans Licht gebracht hat, ist jedoch folgende, die eine Freundin von mir und IT-Spezialistin auf ihrem LinkedIn-Profil veröffentlicht hat:

„Meine Freunde vom anderen Ende der Welt haben mich gefragt, ob ich nach dem Anschlag in der Türkei in Ordnung sei. Ich war enttäuscht, als mir bewusst wurde, dass sie nach den letzten drei Anschlägen nicht gefragt haben..."

Es verletzt sie sehr, dass ihre Freunde im Ausland „sich an diese (deren Ansicht nach) eigenartigen und tödlichen Anschläge in Istanbul gewöhnt haben." Sie erschauert bei dem Gedanken daran, dass in Istanbul ein ähnliches Kriegsszenario entstehen könnte wie im einst wunderschönen Beirut, aus dem einige der Opfer stammten.

„Das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, sondern Gleichgültigkeit", sagte einst Holocaust-Überlebender und Menschenrechtsaktivist Elie Wiesel.

Vielleicht traf der Anschlag im Reina Nicht-Türken stärker als andere Anschläge in der Türkei

Der Anschlag erhielt nicht nur deswegen große Aufmerksamkeit, weil die Opfer aus so vielen verschiedenen Ländern stammten, sondern auch, weil er hätte in jedem Club dieser Welt stattfinden können, nicht nur in einem Land mit muslimischer Mehrheit.

Unsere Freunde im Ausland verfolgen die Berichterstattung und fragen uns, Liberale und Konservative, worum es bei diesem jüngsten Chaos in der Türkei überhaupt geht. Die meisten von uns in und außerhalb der Türkei beobachten diese Anschläge in unserem Land mit wachsender Sorge. Genauso wie unsere Freunde verstehen wir diese verrückte Zeit nicht.

Die, die noch in der Türkei leben, werden eines Tage sagen, dass alles besser sein wird, ähnlich wie diese Art von Leute, die ein Liedchen pfeifen, während sie nachts über den Friedhof spazieren. Sie stehen unter unglaublichem Druck, verursacht von den Traumata, die ein Terroranschlag nach dem anderen, ein erfolgloser Staatsstreich und die Flüchtlingskrise erzeugten.

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Der Westen muss verstehen, dass in der Türkei, ein Mitglied der NATO, in den letzten Jahren mehr Menschen ihr Leben verloren haben als „in Frankreich, Belgien, Deutschland und den USA", so der Guardian - und das alles ungeachtet dessen, was Erdoğan getan oder nicht getan hat, um diese Traumata zu überwinden.

Die Menschen in der Türkei brauchen nicht das Mitleid des Westens

Stattdesen brauchen sie aktive Unterstützung und Aufmerksamkeit, und zwar nicht nur, wenn ein Anschlag in einem Nachtclub stattfindet. Dieselbe selektive Attitüde gilt für den gesamten Nahen Osten: Am selben Tag des Anschlags im Reina tötete eine Explosion auf einem Markt in Bagdad mindestens 28 Menschen und verletzte 50 weitere. Aber über diesen Anschlag wurde in den Medien kaum berichtet.

Mein Volk hat Angst davor, dass der Westen ihnen gegenüber bald genauso unempfindlich wird wie gegenüber Bagdad. Istanbul wird zur Kriegszone degradiert. Kurz: Istanbul braucht seine Verbündete und Freunde in London, Berlin und sonst wo, nur, damit sie ihre Solidarität bekunden.

Da ich nicht trinke, teile ich Präsident Erdoğans tolerante Ansicht, dass selbst wenn diese Menschen getrunken und nicht gebetet haben, sie sich nicht unsicher fühlen sollten. In diesem Sinne könnte dieser schreckliche Anschlag, der das religiös-pluralistische Herz der Türkei getroffen hat, wenigstens dabei helfen, die Kluft innerhalb des Landes zu schließen.

Nur so können wir diesen „Pings" und die traurigen Emojis den Garaus machen, die uns mitten in der Nacht aufwecken.

Der Beitrag wurde aus dem Englischen übersetzt.

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