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18/03/2016 10:09 CET | Aktualisiert 19/03/2017 06:12 CET

WegE

Wesley Hitt via Getty Images

Das bin ja ich, wie ich in mein Auto steige!? Kaum ist die Türe zu, setzt mein Wagen die Auffahrt vor meinem Haus rückwärts zurück auf die Straße und fährt los. Ich folge ihm, wie ganz selbstverständlich, aus der Vogelperspektive.

Alles erscheint wie ein ganz normaler Werktag-Morgen. Doch während der Wartezeit an der ersten roten Ampel überkommt mich ganz kurz ein merkwürdiges Gefühl, so als würde eine Millisekunde das Bild flackern und noch etwas ganz anderes hinter dem eigentlichen Bild durchbrechen wollen.

Grün: Es geht weiter auf der Hauptstraße. In einiger Entfernung kann ich bereits die Auffahrt auf den Highway zu meiner Arbeitsstelle in der City erkennen, die ich Woche um Woche, Montag bis Freitag immer frühmorgens nehme. Doch anders als von mir wie selbstverständlich angenommen, lässt mein Auto die Auffahrt rechts liegen. Fährt einfach daran vorbei. Unter dem Highway hindurch und weiter die Straße entlang.

Wo will ich nur hin? Wo liegt das Ziel dieser Ausfahrt? Ich überlege, was auf dieser Strecke liegt und stelle mit Erstaunen fest, dass ich die Hauptstraße noch niemals weiter als bis zur meiner Auffahrt auf den Highway gefahren bin - und das, obwohl ich schon so viele Jahre hier lebe.

Die frische, kühle Morgenluft eines noch ganz jungen Sommertages weht durch die offenen Fenster meines Wagens. Die Musikauswahl ist perfekt. Ich fühle es, auch wenn ich sie nicht wirklich erkennen kann. Ich nehme alles wie durch einen Schleier auf und werde wie eine Marionette in meinem Tun bewegt.

Die Fahrt geht vorbei an grünen Feldern, durch dichte, alte Wälder und über unzählige Brücken und dauert gefühlt schon ewig. Ich genieße jede Sekunde und die sich abwechselnde Umgebung. Und ich fühle mich unbeschreiblich frei. Gleichzeitig aber auch aufgeregt wie ein kleines Kind.

Was kommt wohl hinter der nächsten Biegung? Was liegt hinter dem nächsten Hügel? Was auf der gegenüberliegenden Seite der nächsten Brücke? Wie lange habe ich nicht mehr so intensiv gefühlt und verdammt nochmal: Warum nicht?

Eine Erinnerung aus Kindertagen ist plötzlich präsent. Das damit auf ewig verbundene Gefühl aus diesem längst vergangenen Ereignis dominiert meine Erinnerung, und ist gleichzeitig der Grund für diese, genau jetzt aufkommende, längst vergessen geglaubte Erinnerung.

Wo will ich nur hin? Wo liegt das Ziel dieser Ausfahrt?

In einer vorabendlichen Fernsehreportage, die ich damals zusammen mit meinem kürzlich verstorbenen Opa sah, erfuhr ich, dass Rotwild im Februar jeden Jahres sein Geweih abwirft. Es war damals - oh was für ein Glück - Ende Februar und ich wusste von einem Wald welcher ungefähr vier Kilometer von meinem damaligen Zuhause in Bayern entfernt lag und, dass es da Rehe gab und somit auch Hirsche geben musste.

Ergo: Im ganzen Wald müssten grad unzählige Geweihe rumliegen. Ich war sofort Feuer und Flamme und wollte unbedingt solch ein Geweih finden und besitzen. Nichts wollte ich in diesem Augenblick mehr und sofort bekniete ich meinen Opa, am nächsten Tag mit mir dorthin zu wandern. Er vertröstete mich damit, erst mal das morgige Wetter abzuwarten.

Sofort ging ich voller freudigem Eifer in mein Zimmer und packte meinen Rucksack für unser morgiges großes Abenteuer. Vor Aufregung konnte ich in dieser Nacht sehr lange kein Auge zutun, zählte im Bett liegend die Stunden bis zum nächsten Tag bis dann irgendwann, wahrscheinlich kurz vor Morgengrauen, ein noch tagelang anhaltender starker Regen einsetzte.

Dünenlandschaft. Büsche und Gräser statt Bäume. Um mich herum hat sich die Vegetation seit meiner letzten bewussten Wahrnehmung deutlich verändert. Wie lange bin ich schon unterwegs? Ich fühle, die Temperatur ist gestiegen und rieche Salz in der Luft. Ich muss mich mittlerweile in der Nähe des Meeres befinden. Wie geil ist das denn? Ich liebe das Meer und ich fiebere jedes Mal auf den Moment hin, wo ich das Meer zum ersten mal sehen kann, wenn ich hin fahre.

Meine Vorfreude und Begeisterung steigert sich in sehr lange nicht mehr erreichte Höhen. Ich glaube, ich kann das Meer bereits fühlen. Wann werde ich es zu Gesicht bekommen? Hinter dem nächsten Hügel, vielleicht schon hinter der nächsten Kurve?

07:20 in neon-blauen, digitalen Lettern zeigt der grässlich-lärmende Kasten an. Zweite Snooze-Phase vorbei und bereits 20 Minuten zu spät erkenne ich mit Schrecken. WOW! Ich muss wohl echt tief geschlafen haben. Aufgescheuchtes Aufstehen. Selbstbeschleunigtes, gehetztes Morgenritual in Bade- und Ankleidezimmer und mit der allmorgendlichen gewohnt-beschissenen Stimmung geht es, der Verspätung geschuldet, heute ohne Kaffee los.

Als ich mein Haus verlasse und vor meinem Wagen stehe, halte ich kurz inne. Déja Vu. Und die Erinnerung an meinen Traum überkommt mich. Und da war doch auch noch dieses schöne Gefühl!?

Ich bin schon viel zu spät dran. Ich muss mich beeilen und steige schnell ein. Starte den Motor. Setze den Wagen zurück und gebe Gas. Hoffentlich gibt's heute keinen Stau. Mein heutiger Terminplan ploppt in meinem Kopf auf. Die Kopfmaschine startet ihren alltäglichen Dienst und überzieht meinen Geist mit immer mehr dunklen, erdrückenden To-Do-Wolken. Mein Telefon klingelt. Es ist meine Sekretärin.

Die Ampel springt auf Rot und reißt mich aus meinen Gedanken

Rot! Die Ampel springt auf Rot und reißt mich aus meinen Gedanken an den vor mir liegenden Arbeitstag. Mein Telefon klingelt immer noch. Ich halte an der selben Stelle, wie in meinem Traum. Ich stehe nun genau da, wo mich dieses komische, surreale Gefühl überkam und plötzlich sind alle schönen Emotionen aus meinem Traum wieder da. Hier in der Realität. RING-RING.

Sie breiten sich in mir aus. Erhellen und klaren meine düstere Tagesprognose auf. Ich höre ihren Schrei nach bewusstem und intensivem Leben und den schönen, damit verbundenen Gefühlen, und ich spüre ihren unbändigen Willen, stetig davon genährt zu werden. RING-RING.

Die Ampel springt auf Grün. Ich drücke die rote Taste auf meinem Handy und gebe beherzt Gas. Der Motor dreht hoch. Ich spüre die angenehme Vibration beim beschleunigen so intensiv wie noch nie zuvor. Die kühle Morgenluft drückt mit steigender Geschwindigkeit immer stärker und stärker durch meine offenen Fenster.

Mein Puls beschleunigt ebenfalls. Ein kurzer Schauer der Aufregung fährt zitternd an mir hoch. Ich bin jetzt vollkommen wach. Meine Sicht ist plötzlich ganz klar. Ich weiß, was zu tun ist. Mut steigt in mir auf. Ich fühle mich beschwingt und gebe noch mehr Gas. Euphorie überkommt mich und mit vollständig durchgedrücktem Gaspedal fahre ich an der Highway-Auffahrt vorbei.

Erstmals erschienen im März 2016 auf www.keinervoneuch.de

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