BLOG
02/02/2014 06:19 CET | Aktualisiert 04/04/2014 07:12 CEST

Der Tag, an dem ich glücklich werden sollte - und es nicht wurde

Am Tag, an dem mein Sohn geboren wurde, haben mir viele Leute viel Glück gewünscht. Sie versprachen: "Jetzt wirst du glücklich. Vergiss' alles, was dich bisher in deinem Leben beschäftigt hat. Das war nichts gegen das, was nun kommt: das pure Glück."

Ich habe zurzeit ziemlich viel um die Ohren. Mache ich mich selbstständig? Ist eine neue Festanstellung die bessere Wahl? Vergangenen Oktober habe ich meine Zeitung verlassen. Raus aus dem unbefristeten Vertrag, raus aus 20 Jahren hartem, schnellem Journalismus. Und wie wenn das nicht genug wäre, ist mein Sohn im Dezember zur Welt gekommen. Das ist ziemlich viel Leben in ein paar Monaten.

Um es gleich vorwegzunehmen: Es waren gute, schöne Ereignisse. Mein Sohn ist ein ziemlich lässiger Typ. Er schreit nur, wenn er Hunger hat oder müde ist. Hat er gute Laune, führt er mir seine neuen Geräusche vor, von Juchzen über Fiepen bis zu Gurren. Hat er schlechte Laune, schaut er mich skeptisch an, kräuselt seine Stirn und zieht seine rechte Augenbraue nach oben.

Am Tag, an dem mein Sohn geboren wurde, haben mir viele Leute viel Glück gewünscht. Sie versprachen: "Jetzt wirst du glücklich. Vergiss' alles, was dich bisher in deinem Leben beschäftigt hat. Das war nichts gegen das, was nun kommt: das pure Glück."

Als meine Freundin und ich das erste Mal mit dem Kinderwagen unterwegs waren, haben uns die anderen Menschen im Park bewundernd angehimmelt: "Mein Gott, schaut nur, wie glücklich sie sein müssen", sagten ihre Blicke. Als wir heimgekommen waren, setzte ich mich wieder an den Schreibtisch und arbeitete weiter an meinen Thesen zur Zukunft des Journalismus und wie diese meine eigene berufliche Zukunft beeinflussen könnten. Meine Hoffnungen, aber auch meine Befürchtungen tippte ich in den Computer. Zwischendurch klingelte das Telefon. Nette Menschen riefen an, um mir zum Kind zu gratulieren. Auch sie versprachen: "Jetzt wirst du endlich richtig glücklich." Ich setzte mich wieder an den Computer und packte meine Sorgen und Ängste in schöne Sätze. An den Thesen arbeite ich heute noch. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt damit fertig werde.

Bis dahin geht das Leben weiter. Es muss. Mit allen seinen Herausforderungen und Unsicherheiten. Vielleicht müsste ich mich dabei einfach glücklich fühlen. So wie es mir die vielen netten Leute raten. So wie es die Mama-Bloggerin Rachel Macy Stafford beschreibt, regelmäßig auch in der Huffington Post. "Der Tag, an dem ich aufhörte 'Beeil Dich' zu sagen" lautet ihr jüngster Artikel. Ein toller Artikel. Er handelt davon, wie Rachel Macy Stafford ein besserer Mensch wurde durch ihre beiden Töchter. Wie sie auf ihre Töchter hörte und von ihnen die Weisheiten des Lebens lernte. Ich beneide Rachel Macy Stafford dafür ein bisschen. Das einzige, was ich bisher von meinen Sohn gelernt habe, ist, dass ich seine Mama rufen muss, wenn er schreit, und dass ich leise sein sollte, wenn er eingeschlafen ist.

Ein Bekannter, den ich nach langer Zeit mal wieder in der Stadt traf, meinte es besonders gut mit mir. Er riet mir, die kommenden Monate intensiv zu genießen, so eine Zeit wie diese würde nie wiederkommen. Ich bedankte mich artig für den Ratschlag und fragte mich, ob ich vielleicht vergessen hatte mein bisheriges Leben intensiv zu genießen. Die Zeit, als ich meine jetzige Freundin kennenlernte. Die Zeit, als ich mein Studium beendete und einen Vertrag bei der Zeitung unterschrieb. Die Zeit, als ich mein Abiturzeugnis in den Händen hielt und mich auf die große, weite Welt freute.

Das waren wichtige Bausteine meine Lebens, die ich natürlich genauso genossen hatte. Nur anders als jetzt. Wenn man das Leben wie einen großen Baukasten versteht, dann habe ich bisher versucht, viele eckige, sperrige und gesplitterte Konstrukte zu einem großen Ganzen zusammenzubauen. Es war mir nie so richtig gelungen. Erst seit ich meine eigene kleine Familie habe - meine Freundin, meinen Sohn und ich - fühlt sich alles rund an. Alles passt. Alles gut.

Vielleicht nicht alles. Das Ungewisse meiner beruflichen Zukunft ist geblieben. Die Sorgen und Hoffnungen. Mit Kind ist also nicht alles besser. Aber vieles.