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01/04/2015 06:00 CEST | Aktualisiert 01/06/2015 07:12 CEST

Ich trage ein Kopftuch – und das hier möchte ich allen Deutschen sagen

privat

Ich bin in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Was mich dazu bewegt zu schreiben, ist, dass über mich in den Medien geschrieben wird, über mich geurteilt wird. Kennst du mich?

Meine Eltern sind vor 40 Jahren nach Deutschland gezogen, mein Vater ist als Gastarbeiter seiner Arbeit nachgegangen. Meine Mutter, eine warme und herzliche Person, für mich in allen Lebenswegen ein Vorbild, beschloss, dass ich mit 8 Jahren das Kopftuch zu tragen hatte.

Als Kind noch unerfahren, wohl behütet aufgewachsen, wusste ich nicht, das meine Entscheidung auf Missverständnis stößt. Mein Grundschullehrer empfand es als störend, was er mir deutlich zu spüren gab.

Ich denke ungern an das kleine 8-jährige Mädchen zurück, leise und still auf der Schulbank sitzend.

Die Schulbänke in U-Form gestellt; mein Lehrer am Vorbeilaufen, ich duckte mich aus Reflex vor ihm, um nicht wieder eins auf den Kopf geklopft zu bekommen. Aber da war er wieder, dieser warme, stechende Schmerz. Kurz anhaltend. Beim Elterngespräch konnte meine Mutter nichts dagegen unternehmen. Ich sehnte mich nach dem Ende des Schuljahres. Endlich, in der dritten Klasse verschwand er aus meinem Leben.

Die darauf folgenden Jahre liefen in meiner Schullaufbahn problemlos. Bei den Lehrern und Klassenfreunden war ich eine beliebte Schülerin.

Diese Erfahrung hat mich geprägt, sie hat mich stark und selbstbewusst gemacht und mich gelehrt, zu meiner Entscheidung zu stehen. Es hat mir ebenfalls gezeigt, dass es nicht auf das ankommt, was man auf dem Kopf trägt, ob bunt oder eintönig, sondern was man im Kopf hat.

Zu Hause habe ich eine liebevolle und warme Erziehung genossen, der Islam stets im Mittelpunkt. Heute ist der Islam mein Leben, er lehrt mich und erzieht mich. Er hält mich von schlechtem Einfluss und irreführendem Weg ab. Mein Kopftuch setzt Grenzen und hält mich von Schaden fern.

Mein Kopftuch hindert mich nicht daran, Elternsprecherin zu werden.

Mein Kopftuch hindert mich nicht daran, Einsatz in der Schulbibliothek und im Schulcafe zu leisten.

Mein Kopftuch hindert mich nicht daran, einen quietschbunten Freundeskreis zu haben.

Mein Kopftuch hindert mich nicht daran, heute als Prophylaxe-Assistentin zu arbeiten.

Ich bin nicht Aischa, ich trage nicht meinem Mann die Einkaufstüten nach Hause und Nein, ich rede nicht gebrochen Deutsch.

Meine Name ist Hidaya Dag. Ich bin 34 Jahre alt, tanze, summe und singe glücklich und zufrieden durch die Stuttgarter Straßen. Ich strecke dir meine Hand aus und lade dich in eine Welt ein, in meine Welt.


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