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20/03/2016 16:12 CET | Aktualisiert 12/04/2017 07:12 CEST

Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten

Laurence Dutton via Getty Images

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"Es ist leichter, einen Pudding an die Wand zu nageln, als dieses Kind zum Schlafen zu bringen!" Diesen Seufzer kennen wohl alle Eltern. Und schon hat das Thema Schlaf unseren Alltag im Griff, unsere Gedanken, unsere Gespräche, und unseren Feierabend auch. Über dem steht jetzt in großen Lettern: Schlafstress!

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Woher der Schlafstress kommt? Vom Kind, ja, natürlich. Es zahnt, es ist erkältet, es kämpft mit Dreimonatskoliken. Selten kann auch einmal ein echtes medizinisches Problem dahinter stehen, wie etwa eine Refluxkrankheit (»Sodbrennen« des Babys), eine Nahrungsmittelallergie, Verstopfung oder etwas anderes, das dem Baby Schmerzen macht, vom wunden Po bis zum eingewachsenen Zehennägelchen.

Oder das Stillen klappt noch nicht so richtig. Meist wackelt dann früher oder später auch der Schlaf. Oder die kleine Seele ist in Aufruhr, auch das verbaut dem Schlaf den Weg. Vielleicht steckt das Kind mitten in der »Fremdelphase«. Vielleicht ist ein Geschwisterkind geboren. Oder das Kind ist neu in eine Kita gekommen.

Oder es ist schon länger in einer Kita, wird dort aber zu oft mit Notrationen abgespeist. Denn wenn es um Beziehungen geht, sind die Kleinen ziemlich konsequent: Sobald es hier hapert, wird beim Kind das »Bindungssystem« aktiviert, dieses unsichtbare Gummiband, das uns auf Seite 13 begegnet ist.

Das Kind klammert, sucht Nähe und Rückversicherung. Und das gerne und mit ausdauernder Hingabe auch nachts. Ja, oft merken Mütter erst am Schlaf ihrer Kleinen, wie viel Trennung sie ihnen tagsüber zugemutet haben.

Umgekehrt ebnen »gute Tage« auch den »guten Nächten« den Weg. Alles, was tagsüber für Entspannung und gute Laune sorgt, lockt die Schlafengel. Kein Wunder, dass selbst Babys besser schlafen, wenn sie tagsüber viel draußen sind! Und sie schlafen besser, wenn sich der Stress im Haus in Grenzen hält.

Aber Schlafstress kann auch von uns Eltern selber ausgehen. Ja, gar nicht so selten entsteht der Stress direkt zwischen unseren Ohren!

Etwa, wenn wir selbst in Not sind, wenn wir uns klein und unzulänglich fühlen (zum Beispiel, weil wir offensichtlich auch in Sachen Babyschlaf so richtige Versager sind ...). So ist das nun einmal: Uns kann ein Königreich gehören, aber sobald Ängste ins Spiel kommen, sind wir Bettler. Und deshalb hat Schlafstress überraschend viel mit den Erwartungen zu tun, an denen wir uns gerade abarbeiten.

Es ist etwas anderes, ob wir abends ein Baby schlafen legen, über dessen Nähebedürfnis wir uns freuen, mit dem wir gerne kuscheln und das wir aus vollem Herzen »verwöhnen«! Dann sind wir Königinnen. Oder ob wir ein Baby schlafen legen, von dem wir nur eines erwarten: dass es endlich schläft, weil gleich der »Tatort « beginnt.

Oder gar ein Baby, dessen Nähebedürfnis uns in Aufruhr versetzt, weil wir fürchten, das Baby werde vielleicht »verwöhnt« oder es würde uns manipulieren, wenn wir nicht konsequent genug mit ihm umgehen. Dann sind wir allenfalls Nachtwächterinnen auf Patrouille in unserem Königreich. Was glauben Sie, wie sehr unsere Großeltern mitsamt ihrem Glauben an die Segnungen der frühen Sauberkeit unter »Ausscheidungsstress« standen?

Tatsächlich beginnt der größte Stress bei der Frage, was denn richtig und normal ist. Und das ist beim Schlaf nicht anders.

Acht Wahrheiten über Kinderschlaf

Vielleicht haben all die tollen Ratschläge zum Thema Schlaf ja deshalb so ein kurzes Verfallsdatum: Die besten Tipps der Welt helfen nichts, solange wir nicht zwischen den Ohren reinen Tisch machen. Unseren Ohren.

Erstens: Es geht ums Schlafen

Beim Schlafen ist es wie mit der Trotzphase der Kinder. Die wird erst dann richtig kompliziert, wenn wir in den Zornanfällen gleich den Untergang des Abendlandes sehen: Was, um Himmels willen, soll aus diesem Kind nur werden?

Tatsächlich lässt sich das Trotzkopfalter nur dann einigermaßen heil überstehen, wenn wir uns an der Kasse des Supermarktes immer wieder sagen: Es geht hier um einen Schokoriegel! Um einen Schokoriegel! Nicht um die Macht. Nicht um böse Absichten, nicht um das tragische Ende einer Liebesbeziehung (»blöde Mama«, das sitzt - aber die Liebe wird stärker sein als der Schokoriegel!).

Und so ist das auch mit dem Schlafen. Das Schlechtschlafalter lässt sich nur überleben, wenn wir uns immer wieder sagen: Da geht es ums Schlafen! Nicht um Charakterbildung, nicht um die spätere Selbstständigkeit, nicht um Verwöhnung. Und nicht einmal darum, ob wir gute Eltern sind oder schlechte.

Zweitens: Was ist normal?

Die Geschichte der Erziehung zeigt ganz klar: Immer wenn um »Erziehung« gerungen wird, wird es stressig. Nie haben Kinder mehr gelogen als zu Zeiten, in denen man die Ehrlichkeit in sie hineinpressen wollte. Nie gab es mehr Probleme mit der Sauberkeit als zu Zeiten, als Eltern genau dieses Ziel auf dem Zettel hatten (mit dem Vermerk „konsequent und früh!").

Nie gab es mehr Essprobleme als zu Zeiten, als die Kleinen ihren Spinat hinunterschlucken mussten. Immer wenn wir gegen natürliche Bedürfnisse kämpfen (unsere eigenen eingeschlossen), kommt Stress ins Spiel. Beziehungsstress.

Vielleicht ist deshalb das wichtigste »Schlafprogramm« tatsächlich das: dass wir die kindlichen Bedürfnisse besser verstehen. Dass wir begreifen, was normaler Teil der kindlichen Entwicklung ist und was vielleicht nur ein Ziel ist, das uns jemand anderes auf den Zettel schreiben will.

Drittens: Was ist denn unsere Rolle?

Wir Autoren sehen es so: Unsere Kinder werden so manche Aufgabe zu lösen haben, viele Ängste und Berge vor sich sehen, das ist Teil ihrer Entwicklung. Wir Eltern können das nicht für sie regeln, aber wir können einen sichernden Rahmen schaffen, eine „Beziehungsheimat". Das ist unser Job als Eltern. Wo wir uns als Trainer und Lehrer verstehen, werden die Ziele übermächtig.

Wer zugeben muss, dass sein Kind noch nicht durchschläft, steht genauso dumm da wie die Mutter, deren Kind ausgerechnet an der Supermarktkasse einen Zornanfall hinlegt. Überforderte Eltern, heißt es dann, oder: Ja man sollte doch einen Erziehungsführerschein einführen!

Das belastet unsere Beziehungen. Etwa mit Scham. Nicht wenige Eltern schämen sich für ihre Kinder. Eben weil sie die für sie vorgesehenen Ziele nicht erreichen. Sie schämen sich zum Beispiel dafür, dass ihre Kinder noch immer bei ihnen im Bett schlafen.

So wie Eltern früher nicht zugeben konnten, dass ihre Kinder noch ins Bett machen. Natürlich spielt da auch der Druck der Gesellschaft eine Rolle (»Eine Mutter mit ihrem Fünfjährigen im Bett, ja, verständlich, sie kann nicht loslassen, sie ist alleinerziehend«).

Aber da ist auch der Druck unserer eigenen Ziele. Aber werden Eltern, die sich für ihr Kind schämen, in der Lage sein, zu ihrem Kind zu stehen, wenn es drauf ankommt? Werden sie ihm Mut machen können? Eigentlich ist das doch unsere wichtigste Aufgabe. Sie kommt rasch ins Hintertreffen, wo wir uns als Esstrainer, Schlaftrainer oder Ausscheidungstrainer unserer Kinder definieren.

Viertens: Niemand ist schuld

Wenn etwas nicht so läuft, wie wir uns das vorstellen (und wann genau tut es das denn?), dann geht die Suche nach dem Schuldigen los. Warum tut Baby nicht, was ich von ihm will? Das kleine Geschöpf ist vielleicht nicht normal (das sind die Nachbarkinder). Es hat eine Schlafstörung. Es will verwöhnt werden, will nicht selbstständig werden.

Will uns um den Finger wickeln, uns manipulieren, die Macht übernehmen, das volle Programm (lesen Sie die Bestseller zur Behandlung von Schlafstörungen, und Sie werden das unglaublich ausgebuffte Repertoire der kleinen Menschen schon kennenlernen!).

Andere beginnen mit der Suche nach der Schuld eher bei sich selber: Ich bin eine schlechte Mutter, ich bin zu gestresst, hätte ich damals doch ... und überhaupt. Nur selten schauen wir uns eine dritte Möglichkeit an: dass weder das Baby noch wir selbst Schuld tragen.

Vielleicht stimmen ja die Bedingungen nicht, unter denen wir uns begegnen? Daran lässt sich womöglich besser arbeiten, als wenn wir am Baby herumschrauben wollen oder uns selbst ans Kreuz nageln.

Dass der Kinderschlaf so oft im Tal der Tränen endet - daran ist niemand »schuld«. Auch daran, dass die Zornanfälle der Kinder oft so grausam nervig sind, ist niemand schuld. Dass die Kleinen eher zu Süßem neigen als zu Brokkoli, selbst das kann man niemandem vorwerfen.

Auch wenn wir Eltern alles richtig machen, wird es bei diesen Themen Stress geben. Entwicklung ist eine Unterabteilung des Lebens: Da bleibt immer etwas zu wünschen übrig!

Fünftens: Das Hier und Jetzt nicht verleugnen!

Manchmal wird einem als Eltern der Eindruck vermittelt, Erziehung bestünde darin, die Kinder schon früh mit Kummer zu konfrontieren, weil man die Kleinen nur so gegen späteren Kummer rüsten könne. Das Kind wachse sozusagen an der Überwindung von Kummer! Man dürfe deshalb die schwere Zukunft keineswegs auf die leichte Schulter nehmen!

Diese Haltung begegnet uns in nicht wenigen Schlafprogrammen (wir gehen darauf ab Seite 80 ein): Da soll dem Kind etwa der Trost seiner Eltern entzogen werden, damit es lernt, sich selbst zu trösten. Das sei gut für sein späteres Leben!

Entsprechend verzichten Tausende von Müttern darauf, ihr Kind an der Brust einschlafen zu lassen. Sie haben sich überzeugen lassen, dass diese »falsche Gewohnheit« später zur Last wird und den Kindern in ihrer Entwicklung in die Quere kommt.

Wir sind anderer Meinung. Wir glauben nicht daran, »dass man Kinder auf späteres Unglück vorbereiten kann, indem man sie schon früh Unglück erfahren lässt«, wie Alfie Kohn es einmal ausgedrückt hat.

Wir glauben nicht daran, dass sich Kinder auf zukünftige Härten und Anforderungen vorbereiten, indem sie sich schon früh an Härten und Anforderungen die Zähne schärfen.

Wir glauben an das Gegenteil: Das gelungene Hier und Jetzt macht Kinder stark. Kinder sammeln ihre Kraft, indem sie in ihrer Entwicklung das tun, was jetzt für sie ansteht. Sie werden mutig für den nächsten Schritt, indem sie die Aufgaben anpacken, die ihren jetzigen Fertigkeiten entsprechen.

Warum das Heute kleinreden? Haben wir als Eltern denn wirklich so viel Kraft, dass wir uns mit Lösungen beschäftigen, noch bevor überhaupt ein Problem da ist? Ja, es kann ja sein, dass das Einschlafen an der Brust einmal nervt und dann zum Thema wird.

Aber warum es schon jetzt zur »falschen Gewohnheit« erklären, wenn es Mama und Baby vielleicht beide genießen? Warum in unserem Königreich eine Diktatur des »Damit« einführen?

Sechstens: Was ist denn das Ziel?

Wenn es ums Schlafen geht, begegnen wir unseren Kindern oft mit Zetteln voller Zielen in der Tasche - wir haben davon geredet. Wie schnell leben wir uns da auseinander! Und sobald die Schlaffrage zur Machtfrage wird, haben alle verloren, auch das war Thema.

Vielleicht sollten wir unseren Kompass deshalb auf ein Minimalziel eichen: dass wir aus dieser im wahrsten Sinn des Wortes verrückten Phase allesamt irgendwie wieder heil herauskommen. Dass aus den „Schlafstörungen" keine „Beziehungsstörungen" werden. Dass wir diese schrecklich überladene Zeit überleben, ohne dass wir später darauf hoffen müssen, dass unsere groß gewordenen Kleinen ausgerechnet dann an diese Phase zurückdenken, wenn sie für uns das Altersheim aussuchen.

Wir selbst dagegen werden diese Zeit da schon längst vergessen haben. Man erinnert sich nämlich an den Stress rund um den Schlaf der Kleinen später nur noch vage, so akut er heute auch erscheinen mag. Man erinnert die magischen Momente. Schauen wir also, dass wir so viele davon erhaschen können wie möglich!

Der Teufelskreis zur Ohnmacht

Oft beginnt es mit dem "Muss". Das Baby müsste doch jetzt ...Oder: Ich muss doch dafür sorgen, dass ... Wenn dann das, was man angeblich "muss", nicht erreicht wird, beginnt die eigene Entwertung: Man beginnt, an sich selbst zu zweifeln. Man versorgt sich bei den "erfolgreichen" Eltern mit Tipps. Wenn auch deren "Lösungen" nicht klappen, sind viele Eltern überzeugt, sie hätten ein Kind mit einer "Schlafstörung". Oder sie seien mangels Kompetenz selbst schuld an den Schlafproblemen ihrer Kinder. Dort, wo andere ganz offensichtlich erfolgreich sind, haben sie versagt. Sie fühlen sich nicht nur den anderen Eltern unterlegen, sie fühlen sich ohnmächtig. Die Hoffnung richtet sich jetzt auf eine Therapie durch "Experten ". Statt auf ihre - offensichtlich falsche - Intuition vertrauen die Eltern lieber auf ein Programm und dessen Schema. Viele Eltern empfinden die Abgabe von Verantwortung zeitweilig als Erleichterung - und in verzweifelten Fällen mag das auch tatsächlich der richtige Weg sein, das wollen wir nicht in Abrede stellen. Für andere Eltern schließt sich damit ein weiteres Glied in der Ohnmachtskette. Deshalb die Frage: Was "müssen" wir als Eltern eigentlich? Was "muss" das Baby? Das Einzige, was wir "müssen" ist doch das, dass wir - so gut wir können - dafür sorgen, dass unser Kind in Sicherheit leben kann. In emotionaler und körperlicher Sicherheit, voller Vertrauen in eine gute Welt.

Siebtens: Braucht es wirklich so viel Material?

Für einen guten Schlaf braucht es vor allem das: ein müdes, tagsüber nett behandeltes Baby. Und präsente, tagsüber nicht allzu malträtierte Eltern. Das heißt nicht, dass dann alles läuft, aber wenigstens stimmen die Voraussetzungen.

Eltern setzen stattdessen oft auf die richtige Ausrüstung, das superduper komfortable Bett, den zum fahrbaren Kinderzimmer ausgebauten Kinderwagen, das faltbare Reisebett. Wir glauben, dass die Simplify-Welle auch den Familien Gutes tun kann.

Schlafplätze zum Beispiel bekommen für Babys ihre Qualität dadurch, dass sie dort entspannen können, und dazu brauchen die meisten Kleinen ja dann doch eher ihre Großen.

Ob das »Bett« dann eine Matratze auf dem Boden vor dem Fernseher ist (warum nicht) oder ob das Kleine im Tragetuch beim Tanzen auf einem Konzert einschläft, mit schützenden Kopfhörern über dem kahlen Schädel, das ist zweitrangig.

Wenn Babys wirklich die ganzen Kataloge und Internetportale bräuchten, die sie angeblich mit einer »Grundausstattung« versorgen, dann wären wir als Menschheit wohl schon längst auf der Strecke geblieben. Wenn wir groben Unfug vermeiden (zu viel Alkohol, zu viel Stress), ist alles gut.

Achtens: Alles auf unsere Art

Und das vielleicht als letzte Stärkung mit ins Gepäck: Der Weg in den Schlaf ist schon schwer genug. Wir müssen ihn nicht auch noch nach Art der Anderen wandern. Vielleicht laufen wir ja lieber mit Turnschuhen statt mit Bergstiefeln, vielleicht machen wir lieber jetzt schon eine Pause und nicht erst auf dem Gipfel. Spricht das gegen Reiseführer?

Überhaupt nicht, wir haben ja selbst einen geschrieben. Und auch bestimmte Methoden mit ihren klar umrissenen fünf Schritten zum Erfolg können manchmal für mehr Ruhe und mehr Schlaf sorgen. Nur darf uns eben nicht passieren, dass wir nachher das Handbuch besser kennen als unser Kind.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Schlaf gut, Baby! Der sanfte Weg zu ruhigen Nächten von Herbert Renz-Polster und Nora Imlau

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