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05/02/2016 11:27 CET | Aktualisiert 05/02/2017 06:12 CET

Verschwörungstheorie: Das missbrauchte Kind

OLIVER BERG via Getty Images

11. Januar 2016, Berlin: Ein 13-jähriges Mädchen aus Marzahn ist für eine Nacht verschwunden. Russlanddeutsche und NPD-Anhänger demonstrieren gegen Asylsuchende. „Südländisch aussehende" Männer werden verdächtigt das Mädchen missbraucht zu haben. Der russische Außenminister wirft deutschen Behörden Vertuschung vor. Tatsächlich war das Mädchen von zu Hause ausgerissen und hatte die Nacht schadlos bei einem Bekannten verbracht.

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Laut Aussage der Polizeidirektion hat dieser Vorfall niemals stattgefunden

August 2015: Die Stuttgarter Nachrichten berichten über eine Behauptung auf einer Facebook-Seite. Demnach hätten etwa 50 Personen, die auf der Facebook-Seite als „Asylbetrüger" und „Verbrecher" bezeichnet worden seien, in Weilheim Autos angehalten und von den Fahrzeuginsassen Wertgegenstände gestohlen. Außerdem sei eine 14-Jährige von den Asylbewerbern angegangen worden. Laut Aussage der Polizeidirektion hat dieser Vorfall niemals stattgefunden.

19. April 1283, Bacharach: 26 Juden werden in Bacharach am Rhein wegen des Vorwurfs des Ritualmordes umgebracht.

5. April 1287, in der Nähe von Bacharach: Die Leiche des 16-jährigen Werner aus dem Nachbarort Oberwesel wird gefunden. Ermordet angeblich von Juden, um sein Blut für rituelle Zwecke zu verwenden. Die sich weiter ausbreitende Ritualmordlegende führte zu zahlreichen Morden an Juden in der näheren und weiteren Umgebung. Auch wenn König Rudolf (1218 - 1291) von der Unschuld der Juden überzeugt war, wurde 1293 zur Erinnerung an Werner die Werner-Kapelle geweiht.

Katholischer Volksheiliger

Der stattliche Bau ist noch heute in Bacharach zu besichtigen. Werner wurde als katholischer Volksheiliger verehrt. Erst 1963 wurde sein Name aus dem Heiligenverzeichnis gestrichen. Alle von der katholischen Kirche initiierten Untersuchungen über angebliche Ritualmorde durch Juden führten stets zum gleichen Ergebnis: Die Vorwürfe gegenüber den Juden sind haltlos.

Was haben die Ereignisse von heute mit denen von 1283 beziehungsweise 1287 gemeinsam?

Die angeblichen Täter sind Ausländer. Im Mittelalter waren die Juden als Ausländer „Geduldete". Sie wurden verachtet wegen des gegen sie erhobenen Vorwurfes, sie hätten Jesus getötet. Und auch, weil die als Geldverleiher arbeitenden Juden zwar wirtschaftlich erforderlich waren - zugleich aber häufig von den Schuldnern gehasst wurden.

Sexuell triebhaft und lüstern

Gewiss trugen auch die den Nichtjuden unverständlichen Rituale zur Ausgrenzung bei. Und, da das Unbekannte besonders geeignet ist für Verdächtigungen, wurden die Juden für Vieles verantwortlich gemacht: Neben dem Mord an Jesus, waren sie unter anderem verantwortlich für vergiftete Brunnen, für die Schändung von Hostien, für Morde an verschwundenen Kindern. „Die Juden wurden als sexuell triebhaft und lüstern dargestellt, wovor sich die ‚arischen' Frauen hüten sollten."

Prof. Treitschke fasste dann 1879 die Ressentiments gegenüber Juden zusammen: „Die Juden sind unser Unglück." Wohin der deutsche Antisemitismus führte, ist hinreichend bekannt.

Wenn ich heute die Reden bei Pegida von den kriminellen Ausländern höre, die pauschalen Verdächtigungen von Asylsuchenden, die Furcht vor der Islamisierung und dem Verlust der eigenen Identität - dann erinnert mich das stark an die Geschichte der Juden in Deutschland. Nicht wegen der vordergründigen Parallelität, sondern wegen ähnlicher Mechanismen. Und das besorgt mich sehr.

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