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29/12/2015 08:54 CET | Aktualisiert 29/12/2016 06:12 CET

Herr Todenhöfer, haben Ihre IS-Freunde Ihnen das falsche Zeug zum Rauchen gegeben?

Anadolu Agency via Getty Images

19. Januar

Liebes Tagebuch!

Im Juli 1980 veröffentlichte der Historiker Ernst Nolte einen Artikel, in dem er den Holocaust als Reaktion auf das Gulag-System der Sowjets darstellte. Er löste damit eine jahrelange Debatte darüber aus, ob der Archipel Gulag nicht »ursprünglicher« war als Auschwitz, ob es also nicht die Russen waren, die Hitler zu seinen Taten inspiriert hatten.

Was unter dem Begriff »Historikerstreit« in die Geschichte eingegangen ist, war eine Wiederauflage der Frage aller Fragen: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei?

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Nun hat der Ex-Politiker (CDU), Ex-Verlagsmanager (Burda) und Weltenbummler Jürgen Todenhöfer den Faden wieder aufgenommen. Er war neulich beim »Islamischen Staat« zu Besuch und hat mit mindestens einem Kämpfer ein intensives Gespräch geführt, das auf Video aufgenommen wurde. Vermutlich bei dieser Gelegenheit lernte er auch einen zehn bis zwölf Jahre alten Jungen kennen, der sich von dem Gast aus Deutschland fotografieren ließ, ein Maschinengewehr im Arm.

Das Foto steht nun auf der Facebookseite von Jürgen Todenhöfer, daneben heißt es: »Der ›IS‹ ist kein Kind des Islam, sondern des Irak-Krieges. Unsere Kriege sind Terror-Zucht-Programme.« Es folgt eine Erklärung zum Zusammenhang von Ursache und Wirkung beziehungsweise dazu, was früher da war, die Henne oder das Ei:

»Liebe Freunde, Bundeskanzlerin Merkel hat am Freitag die ›muslimische Geistlichkeit‹ aufgefordert, endlich das Verhältnis des Islam zur Gewalt zu klären. Aber müsste nicht zuerst der christliche Westen sein Verhältnis zur Gewalt überprüfen?

Nicht der Islam ist das Problem, unsere Kriege sind das Problem.

Nicht der Islam ist das Problem, unsere Kriege sind das Problem. Sie sind Terrorzucht-Programme, nicht der Islam. Terrorismus ist die barbarische ANTWORT extremistischer Muslime auf unsere barbarischen Öl-Kreuzzüge.

Ohne unsere Kriege gäbe es den heutigen Terrorismus gar nicht. Die Vorgängerorganisation des ›IS‹ beispielsweise wurde 2003 direkt nach George W. Bushs Überfall auf den Irak gegründet. Der an Brutalität nicht zu überbietende ›IS‹ ist Bushs Baby.

Kein arabisches Land hat in den letzten 200 Jahren den Westen überfallen. Der Westen jedoch fiel unzählige Male mordend in die muslimische Welt ein. Bin Ladens Al Qaida tötete im Westen fast 3500 Menschen. Doch Bush Junior tötete allein im Irakkrieg über 500 000 Iraker. Der Westen war seit Jahrhunderten viel grausamer als die muslimische Welt.

Der Westen, nicht der Islam, muss sein Verhältnis zur Gewalt klären. Solange er das nicht kapiert, wird es immer Terrorismus geben.«

Nach jedem Anschlag melden sich bei der Polizei Trittbrettfahrer, die sich der Tat bezichtigen. Todenhöfer, der eine sündenstolze Klientel mit der Sehnsucht nach eigener Schuld immer wieder einseift, treibt diesen pathologischen Reflex auf die Spitze. Er ruft nicht: Ich war's! Sondern: Wir waren es! Der böse Westen! Der Teufel Amerika!

Ich weiß nicht, liebes Tagebuch, ob ich in der Lage bin, auf so etwas ruhig und sachlich zu erwidern. Und wenn ich es wäre, ob ich es tun möchte. Ich würde auch nicht mit jemandem reden, der behauptet, der deutsche Überfall auf Polen sei eine Reaktion auf polnische Drohungen und Provokationen gewesen. Oder der Holocaust sei die Folge der »Kriegserklärung« des Jüdischen Weltkongresses an Deutschland.

Könnte es sein, dass Ihre IS-Freunde Ihnen das falsche Zeug zum Rauchen gegeben haben?

Es gibt »rote Linien«, die ich auch einem Dialog zuliebe nicht überschreiten mag. Ich würde Todenhöfer aber gerne etwas fragen: Könnte es sein, dass Ihre IS-Freunde Ihnen das falsche Zeug zum Rauchen gegeben haben? Wenn der Terrorismus die »barbarische ANTWORT extremistischer Muslime auf unsere barbarischen Öl-Kreuzzüge« ist, worauf war dann der irakisch-iranische Krieg die Antwort, der acht Jahre, von 1980 bis 1988, gedauert und eine Million Menschen das Leben gekostet hat?

Was war die Frage, die im Krieg zwischen der algerischen Regierung und der »Islamischen Heilsarmee« mit über 100.000 Toten beantwortet wurde? Und an welchem Frage-und-Antwort-Spiel nehmen die Sunniten und Schiiten seit über 1000 Jahren teil?

Wir können auch weiter fragen. Was waren die Ursachen für die Zweiteilung der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg? Wie konnte es überhaupt zum Zweiten Weltkrieg kommen? Die Spur führt zum Ersten Weltkrieg und zum Vertrag von Versailles, zum deutsch-französischen Krieg von 1870/71, zur Schlacht an den Düppeler Schanzen 1864, zu Napoleon und der französischen Revolution, zu den Bauernkriegen 1524 bis 1526, zur Schlacht auf dem Amselfeld 1389, zur Schlacht von Tours und Poitiers 732, zum Jüdischen Krieg gegen die Römer 66 bis 73 und zum Aufbruch der Kimbern, Teutonen und Ambronen aus dem kalten Norden in den wärmeren Süden Europas 120 vor Christus. Alles hängt mit allem zusammen.

Und was ist das Ergebnis? Todenhöfer sitzt heute Abend bei Plasberg. Das ist hart.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Das ist ja irre! Mein deutsches Tagebuch

2015-12-27-1451207351-6044158-Broder_Dasistjairre_Cover.jpg

ISBN: 978-3-8135-0696-9

Knaus

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