BLOG
11/03/2017 09:10 CET | Aktualisiert 12/03/2018 06:12 CET

Eine komplizierte Gratwanderung: Erdogan und die Frage der Toleranz

Yagiz Karahan / Reuters

Meine Gedanken sind tief gespalten. Eine Seite kämpft gegen die andere und irgendwie fühlt es sich wie ein Unentschieden an. Geht das überhaupt? Schließlich sind beide Seiten kaum miteinander zu vereinbaren. Wie soll es da eine gütliche Einigung geben können? Na danke, Erdogan.

Keine Toleranz der Intoleranz

Spätestens seit der türkische Präsident mit dem Hang zum Größenwahn Yücel gefangen genommen und und im Anschluss Deutschland auf infantilste und gröbste Art beleidigt hat, weiß ich nicht so recht, wie man mit Erdogan und seinen Ministern umgehen sollte.

Sie bezichtigen Deutschland der „Nazi-Methoden", sie sprechen unserem Land Demokratieverständnis ab und sie bemängeln fehlende Rechtsstaatlichkeit.

Kurzum: Erdogan und seine Minister werfen Deutschland genau das vor, dessen sie sich selbst gerade schuldig machen. Ein alter aber wirksamer Trick, um den Begriff der Demokratie immer weiter zu entfremden.

Man wird sprachlos bei solch einer Dreistigkeit, beinahe wütend. Immerhin wollen eben jene in Deutschland auftreten, haben das mitunter bereits gemacht. Sie wollen für das Präsidialsystem werben, also für die Abschaffung der türkischen Demokratie.

Der Gedanke, das einfach verbieten zu wollen, liegt dabei nicht fern. Keine Toleranz der Intoleranz, so heißt es schließlich. Gleiches gilt für die demokratischen Rechte. Wer diese nur nutzt, um sie abzuschaffen, der sollte sie nicht nutzen dürfen. Eigentlich eine klare Sache.

Die Pflicht der Freiheit und Moral

Oder auch nicht. Denn in Deutschland haben wir Presse- und Meinungsfreiheit, wir sind eine wirkliche Demokratie. Im Gegensatz zur Türkei. Das heißt aber auch, dass wir den hohen Standards gerecht werden müssen und uns es nicht so einfach machen dürfen, wie Erdogan und seine Gefolgsleute e tun.

Deswegen muss die Hürde, die es braucht eine Kundgebungen zu untersagen, sehr hoch sein. Fehlende Meinungsfreiheit woanders darf kein Argument sein, selbst an diesen Schrauben zu drehen. Rein moralisch.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Denn die Fähigkeit viel zu dulden, bleibt nun einmal eine demokratische Tugend. Meinungsfreiheit ist nicht nur ein schöner und ehrbarer Grundsatz, sondern auch eine unumgängliche Pflicht.

Der einfache Mann Erdogan

Soviel zur rein deutschen Sichtweise. Nimmt man Erdogan noch mit in das Gedankenspiel auf, dann stellt sich die Frage, was ein Verbot bzw. ein Nicht-Verbot für Auswirkungen hätte. Alles wird noch komplizierter.

Soll man Appeasement Politik betreiben oder soll man Stärke zeigen? Wäre ein Verbot überhaupt ein Zeichen der Stärke?

Wir alle wissen, dass Ersteres nicht immer von Erfolg gekrönt war. Bevor ich mich aber in Hitlervergleichen verliere, muss ich sagen, dass ich diese nicht ziehen will.

Man sollte Erdogan jedoch nicht unterschätzen. Größenwahn hat bereits viel Schaden angerichtet auf der Welt. Dass Erdogan reichlich davon besitzt, müsste jedem mittlerweile klar geworden sein.

Mehr zum Thema: Nach Einreiseverbot: Erdogan droht Niederlanden mit Vergeltung

Er ist ein sehr simpler und unmoderner Mensch. Er teilt auf in schwach und in stark. Betreibt man Appeasement Politik, dann kann man davon ausgehen, dass er das als Schwäche aufnehmen wird.

Ob er sich diesem Falle mäßigen würde, darf bezweifelt werden. Vielmehr ist es möglich, dass seine Entgleisungen immer schlimmer werden und er weiter und weiter versucht, seine ihm gesetzten Grenzen zu verschieben. Eine gefährliche Situation.

Merkels Reaktion

Bleibt noch die Frage, wie man Merkels Reaktion bewerten soll. Abgesehen davon, dass sie ein wenig zu spät und vielleicht einen Tick zu wenig deutlich war, traf sie den richtigen Ton. Die Stellungnahme war sehr souverän und gelassen und verkörperte damit unsere Demokratie, wie man es nicht viel besser hätte machen können.

Die Provokationen der türkischen Spitzenpolitiker zielten darauf ab, uns auf das schwache Niveau Erdogans herunterzuziehen. Darauf hat sich Merkel nicht eingelassen und so vielleicht die Art von Stärke gezeigt, die es momentan braucht.

Mehr zum Thema: Die Bundesregierung lässt sich von Erdogan erpressen - obwohl die Türkei uns mehr braucht denn je

Aber reicht das? Ich weiß es nicht. Die verschiedenen Ebenen der Sachlage sind sehr widersprüchlich und deshalb nicht einfach zu lösen. Was meint ihr? Wie soll man mit Erdogan umgehen? Schreibt es einfach in die Kommentare.

Wenn euch gefällt, was ich schreibe, würde ich mich über ein "Gefällt mir" freuen.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.