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26/04/2016 06:58 CEST | Aktualisiert 27/04/2017 07:12 CEST

Was ist Liebe? Braucht man sie überhaupt?

Tara Moore via Getty Images

Was ist an Liebe so einzigartig? Warum suchen so viele nach ihr? Warum rührt nichts so alle Völker, wie wenn Menschen eine ungewöhnliche Liebe und Hinwendung zueinander zeigen? Warum handeln so viele Romane, und nicht nur Schmonzetten, auch große Literatur, von Liebe und ihrem Gegenteil, von Hass?

Liebe ist das Einzige im Leben, das alles im Menschen positiv aktiviert und Gutes zum Blühen bringt (so wie Hass alles im Menschen negativ aktiviert und Böses zum Blühen bringt): Fantasie, Träume, Lust am Leben und Mut, Grenzen zu überwinden.

Liebend will man erfolgreich für den anderen sein. Liebend erkennt man keinen Unterschied mehr zwischen eigenem Glück und dem des anderen. Liebend ist man großzügig. Bei Liebe geht es nicht mehr um Anerkennung, denn man wird ja schon geliebt.

Für deine Liebe bist du bereit zu kämpfen. Für deine Liebste oder deinen Liebsten strengst du dich an. Gleichzeitig spielt das auch wieder gar keine Rolle. Für deine Liebe tust du (fast) alles, verlässt alte Freunde und gibst alte Gewohnheiten auf und gleichzeitig willst du alle versammeln und ihnen von deiner Liebe erzählen.

Liebe muss gelebt werden

Deshalb sind andere oft neidisch und peinlich berührt, weil es ihr Alltagsgleichgewicht und ihre Anpassung im oft Lieblosen, Vernünftigen und Pragmatischen stört. "Rosarote Brille", warnen sie dann. Der oder die passen doch nicht zusammen. Was hat er oder sie schon zu bieten? Was ist ihre/seine Vergangenheit?

Der Liebste zeigt sich unerwartet auch mit Schattenseiten. Das spielt keine wirklich bedeutende Rolle, denn Liebe "funktioniert" nach ganz anderen Gesetzen, wie Tugend und Vernunft. Sie ist vernünftig und unvernünftig zugleich. Sie ist anspruchsvoll und fordernd und gleichzeitig fast alles verzeihend. Sie gehorcht keinem Plan. Sie ist da, oder nicht.

Man kann Liebe beeinflussen, Kerzen anzünden und so weiter. Aber eigentlich braucht es das nicht wirklich. Liebe lässt sich zwar gerne verwöhnen, aber sie lässt sich nicht einfach pflegen wie eine Gartenblume. Sie muss gelebt werden.

Ein Wissen, das tief im Inneren ruht. Wie kann man Liebe kaputt machen? Wenn man anfängt, sie an Voraussetzungen zu knüpfen, an Blumenstrauß, an die Erfüllung von Sehnsüchten aus eigener Einsamkeit.

Unter allen Bedingungen

All die Berater und Experten, von denen der eine sagt, Liebe entstehe aus gemeinsamen Werten, der andere, Liebe entstehe aus Gegensätzen, der nächste, die Frau sucht den Erfolgreichen und der Erfolgreiche sucht die, die seinen Erfolg für ihr Glück braucht, werden widerlegt von all denen, die aus genau entgegengesetzten Gründen lieben.

Liebe kommt unter fast allen Bedingungen vor. Arme lieben sich wie Reiche. Rücksichtslose werden geliebt, ebenso wie Fürsorgliche, sogar ein Opfer kann seinen Peiniger lieben. Kann man das begreifen?

Liebe ist die Überwindung von dem, was ansonsten unsere Natur ausmacht: Überleben zu wollen, vorwärts kommen zu wollen, "Deals" einzugehen. Liebe ist die Überwindung des Geworfenseins.

Sie blamiert die anderen, die nur auf Vernunft und Wissen setzen und nicht wissen, welche Chancen es wirklich gibt im Leben, wenn man auf das Millionen Jahre alte größere Wissen der Natur (von mir aus der Gene) vertraut. Liebe öffnet das Tor. Liebe ist, wenn man einfach keine Fragen mehr stellt, weil man weiß.

In sich ruhen

Glücksstreben ist oft nur auf sich selbst gerichtet. Erfolgsstreben und Anerkennungsstreben macht von dem Urteil der anderen abhängig, die selber nach ihrem Erfolg und ihrer Anerkennung suchen.

Tugend sucht danach, ein anderer und besserer, eben ein Tugendhafter, sein zu wollen, sein "unvollkommenes Leben" im Sinne eines Wertes gelungen zu machen. Nicht so Liebe. Sie sieht im So-Sein, im Hier und Jetzt, schon das Gelungene.

Glückliche Menschen sind Priestern und weltlichen Führern suspekt, die Anstrengung und Bemühen wollen für höheren Sinn und für Wirtschaftswachstum. Sie vermuten, dass Glückliche sich nicht mehr anstrengen wollen, weil sie schon glücklich sind und in sich ruhen. Liebe vereinigt auch diesen Widerspruch: Man ist schon glücklich und strengt sich an, wie sonst selten.

Liebe ist ein seltenes Gut, so wie Gold. Deshalb suchen alle so nach ihr. Was das Herausfordernde an ihr ist, was alles Glücks- und Erfolgsstreben beleidigt: Man kann sie nicht erzwingen. Die Chancen erhöhen sich nicht wesentlich, wenn man an Internet-Partner-Portalen teilnimmt, mit Hunderten von Kontaktmöglichkeiten, vorher schon nach Übereinstimmungs-Werten selektiert.

Zu viele Voraussetzungen?

Die Chancen für Liebe erweitern sich nicht wesentlich durch Haus, Bildung, Geld, Erfolg. Es ist wie mit dem Lottospielen: Die Chance auf den Hauptgewinn erhöht sich nicht wesentlich, egal, ob man mit einem Einsatz von 10 Euro oder 10.000 Euro spielt.

Wie beim Lottospiel gibt es aber Gott sei Dank so manchen kleinen und mittleren Gewinn. Warum suchen so viele nach Liebe und finden sie so selten? Vielleicht, weil sie ein zu enges Herz haben und Liebe nicht ohne ein großes Herz gedeihen kann? Vielleicht, weil sie sie an zu viele Voraussetzungen knüpfen?

Die alle, die gerade ohne Partner als Single oder zusammen mit einem oder mehreren Partnern leben, die können auch ein gutes Leben führen, wenn es beispielsweise gemeinsame Werte, gemeinsame Projekte, gleiche Herkunft gibt.

Also bitte, seid nicht unglücklich, und ihr seid es auch nicht wirklich, wenn ihr die große und alles umfassende Liebe (noch) nicht gefunden habt. Natur hat es so eingerichtet, dass Überleben und Wohlbefinden unter vielen Umständen gesichert ist.

Liebe als Chance

Und das bedeutet, dass man kein besonderer Heiliger, kein besonderer Intelligenter und eben auch kein besonders Liebender sein zu braucht, um gut zu leben.

Liebe ist mehr unverdiente Chance als Notwendigkeit. Aber hat sich der Mensch jemals mit ausreichend zufriedenstellendem zufrieden gegeben? Dazu sind seine Träume und seine Fantasie zu groß. Liebende zeigen, dass diese Träume, nicht illusorisch sind, dass sie möglich sind.

Wenn es um eine gewisse Sicherheit und Zufriedenheit geht, dann bilden Geld, Bildung, Fertigkeiten, Freunde, Familie, Gesundheit die besseren Suchwege. Liebe bietet keine Sicherheit. Weiß ich, ob ich morgen eine andere liebe, weiß ich, ob sie morgen einen anderen lieben wird?

Wissen wir, wie unsere Liebe sich wandeln wird? Sie ist der größte Friede, gleichzeitig gefährliche Energie, bei der man Haus und Hof und sich selbst verlieren kann und die sich in zerstörerischen Hass verwandeln kann.

Vergangenheit und Zukunft spielen keine Rolle. Gleichzeitig unternehmen Liebende alles was heute auch Zukunft hat. Es gibt nichts, was ihr gleicht. Weil sie alle Gesetze kennt und alle Gesetze missachtet. Weil sie die größte Herausforderung von allen Herausforderungen ist: Sie sich leisten zu können und von ihr gefunden zu werden.

Mehr über den Autoren Helmut Saiger erfahren Sie auf seiner Homepage.

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