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18/04/2016 11:55 CEST | Aktualisiert 19/04/2017 07:12 CEST

Über den Tod und den Sinn eines langen Lebens - ein Gespräch zwischen Enkeln

NADOFOTOS via Getty Images

Am nächsten Morgen rüttelte Raboro an seinen Schultern. Ein wichtiger Termin stünde an. Sie gingen zu einem Haus mit kleinen Fenstern, streng gegliedertem Fachwerk und kleinen Spitztürmchen. Ihnen öffnete ein schnauzbärtiger Mann. Raboro stellte ihn als Xerax vor und verabschiedete sich.

Sein Gastgeber führte Sisyphos bei seiner Runde ein. Sisyphos war entspannt. Er nickte allen freundlich zu. Sisyphos merkte sich ihre hervorstechenden Merkmale, da er ein schlechtes Namensgedächtnis hatte: Xerax war der mit dem großen Kopf, der nächste war die Nase, einer war der Dünne, der nächste der Schwarzmantel, dann waren da noch der Feingliedrige, der Mürrische und der Bullige.

„Wir möchten Ihren Rat hören", begann Xerax, das Großhaupt.

„In dieser Stadt mischen sie alles. Keimbahnen mit Nanos, Menschen mit Robots, Tiere mit Pflanzen, Organisches mit Sachen." Er schüttelte voller Empörung seinen großen Kopf.

„Wo ist das Problem?", fragte Sisyphos müde. Er war noch nicht ausgeschlafen und in seinen Gedanken noch bei Baukis.

„Das Problem ist die Individualität. Wenn alles nur immerwährende Transformation ist und Sich-neu-Kombinierendes, wer ist man dann noch?"

Ab wie vielen Organ-Transplantationen bin ich nicht mehr Ich?

„Von dem Problem habe ich schon im Tagebuch meines Großvaters gelesen", antwortete Sisyphos. „Er schrieb: Ab wie vielen Organ-Transplantationen bin ich nicht mehr Ich? Aber Raboro hat mir gezeigt, dass die Mischung auch viele Vorzüge hat. Wenn alle Wesen etwas vom anderen in sich tragen, weil sie alle Gemischte sind und dadurch Ähnliche, können sie sich nicht besser verstehen? Tragen sie nicht eine größere Breite an Fähigkeiten und Ideen in sich, weil sie von allen etwas haben? Was wiegt dagegen ein Selbst, das, je individueller und verschiedener von anderen es ist, meistens nur einsam macht?"

Eine kurze Pause trat ein.

Dann habe ich mich wieder gefragt", fuhr Sisyphos, der Unsichere, fort, „ob nicht aus der Unterschiedlichkeit der Arten und Kulturen und aus dem Wettkampf zwischen ihnen erst Fortschritt und Entscheidung entstehen?"

„Du hast recht", antwortete der Bullige. „Nicht das Gemeinsame führt zu Evolution und Fortschritt, sondern das Unterschiedliche."

„Die Mischwesen können sich so gut miteinander unterhalten", sagte die Nase, „weil sie kein eigenes Selbst mehr haben. Kaum noch ist erkennbar, wer welche Ziele und Werte verfolgt. Was in unserer Stadt als Gut und Böse angesehen wird, entscheidet sich je nach Situation und Nützlichkeit."

„Sich wie sie zu jeweils nützlicher Form zu verwandeln, das lehnen wir ab", sagte das Großhaupt. „Daher arbeitet die transidentische Übereinkunft der gemischten Hybriden und der freischwebenden Ideenwesen gegen uns. Einer der Abgesandten hat uns aufgesucht. Der Raum in der Stadt würde zunehmend enger werden und wir Organischen würden die meisten Ressourcen verbrauchen. Bekanntlich hätten schon einige unserer eigenen Vorfahren die Meinung vertreten, dass es am besten für den Planeten sei, wenn es die Menschen gar nicht mehr gäbe", sagte er uns. Aber das oberste Gesetz der Stadt hieße ja Vielfalt, so führten sie nichts Böses gegen uns im Schilde. Dennoch müssten wir uns entscheiden: mehr Mischung zulassen, oder ... das sagte er nicht."

„Nachdem ihr Mischung ablehnt, weil euch euer Selbst wichtig ist, was wollt ihr tun?", fragte Sisyphos.

„Halt, nicht so schnell", meldete sich der Feingliedrige zappelnd zu Wort. „Nicht alle von uns Menschlichen lehnen sie ab." Alle Köpfe wandten sich ihm zu.

„Was ist das Selbst?", fragte er. „Ist es an Körperliches gebunden, an organisches Herz und Hirn? Wird es von biotechnischer Erweiterung gefährdet? Das Selbst ist der individuelle Geist. Stellt euch vor, alle Formen des Lebens würden als individuelle Ideen in Wassermolekülen gespeichert. So könnten sie sich mit der Strömung des Wassers unendlich verbinden und wieder trennen. In Kälte zu sichtbaren Kristallen werden, die sich in Schönheit präsentieren, sich mit aufsteigender Wärme in Wolken verwandeln, mit absteigender Kühle in Regentropfen, die wieder zu Meer werden. Die Lösung zwischen Individuellem und Gemeinsamem sind Wassermoleküle, mal individuelle Kristalle, dann wieder sich auflösend im Ganzen."

Die anderen schauten ihn misstrauisch an.

„Bist du ins Lager der vagabundierenden Ideen übergetreten?", brummte der Bullige.

„Nein, nein." Der Feingliedrige zog sich zurück. „War ja nur so eine Idee."

Der Brummige nickte zufrieden.

So leicht wollte sich der Feingliedrige nicht geschlagen geben. „Aber mit meiner Idee könnten wir nach vorne preschen!", fuhr er fort.

„Wir könnten mit meiner Idee fordern, dass auch die Androiden sich an die Enge der Stadt anpassen müssen, auch die metallenen Roboter, alles, was materielle Ressourcen verbraucht. Würden alle die Programme, aus denen sie bestehen - den Inhalt ihrer Hirne oder der Silizium-Chips -, in Wassermoleküle transformieren, würde ein Strom der Ideen und der Vielfalt geschaffen, der keiner materiellen Teile mehr bedarf. Dieser Strom würde den ganzen Planeten befruchten und die alte Sage erfüllen, dass alles Leben aus Wasser stieg und dorthin wieder zurückkehrt."

Die anderen wandten sich ab. „Er ist nun völlig durchgedreht", stellte die Nase fest.

Da sagte Sisyphos: „Wenn ihr euch gegen Recycling in immer neue Geschöpfe wehrt, dann gehört auch der Tod zu eurer Identität."

„Wieso sprichst du jetzt plötzlich vom Tod?", fragte der Mürrische mürrisch.

Sisyphos sah ihn an. „Ihr wollt zwar Mensch sein, aber nicht sterben, habe ich recht?"

„Und du, wie steht es mit dir?", fragte der Schwarzmantel.

Warum sind wir selbst nach einem langen und erfüllten Leben nicht zum Sterben bereit?

„Auch ich will nicht sterben", antwortete ihm Sisyphos. „Aber ich frage mich, warum sind wir selbst nach einem langen und erfüllten Leben nicht zum Sterben bereit?"

„Er macht jetzt eine neue Büchse auf, ich weiß nicht, was das zur Sache beiträgt", wiederholte der Mürrische.

„Lass ihn erst einmal ausreden, wir sehen ja dann, was dabei herauskommt", widersprach der Feingliedrige.

Sisyphos erzählte von seinen persönlichen Erlebnissen. Wer in Alphaville als Hinterbliebener den toten Freund zu lange beklagte und beweinte, länger als drei Monate, erntete Ablehnung. Niemand wollte an den Tod erinnert werden, nichts von ihm hören, ihn wegschieben, ihn verstecken.

Sie schwiegen.

„Ihr habt Angst, dass der Tod zum falschen Zeitpunkt kommt. Wenn ihr den Tod freiwillig wählen würdet, könntet ihr den Zeitpunkt selbst bestimmen."

„Mancher würde schon sterben wollen, aber er will nicht schuld sein an der Trauer und dem Schmerz seiner Kinder und Freunde", murmelte der Bullige. Seine Miene war sehr ernst geworden.

„Ein Grund, dass sie so leiden, ist, dass es keinen Ritus des Abschiednehmens gibt", antwortete ihm Sisyphos.

„Ein Ritus des Abschiednehmens?", fragte der Dünne.

„Ja, Kinder, Verwandte und Freunde besuchen den Sterbenden. Sie lachen mit ihm über seine schönen Erinnerungen und verzeihen ihm. Ich kannte einen, der wünschte seinen Lieblingsfilm an seinem Sterbebett zu sehen, wogende Kornfelder, Meere von rotem Klatschmohn, Tiere und Kinder und er wollte Zarathustra hören. Als er bereit war, bat er einen Freund, ihm das Medikament zu reichen. Freunde und Kollegen nehmen sich die Zeit, die Weinenden zu trösten. Die Hinterbliebenen wissen, dass der Verstorbene nun ihr bester Freund ist, mit dem sie sprechen können, wenn ihnen sonst niemand zuhört."

Sisyphos machte eine Pause und dachte nach.

„Manche denken, dass sie noch nicht sterben dürfen, weil sie noch eine Erfüllung, einen Sinn unbedingt erreichen müssten. Aber - ich sage euch und ich sage mir: Das Leben ist wie ein Karussell, das sich immer nur im Kreise dreht. Wie lange auch das Karussell mit dem Jahrmarkt von Ort zu Ort wandert, es gibt keinen Ort und keine Zeit, keine blaue Blume, wo sich Sinn und Glück erfüllen. Es ist also egal, wann man aus dem Karussell aussteigt."

„Sisyphos Gedanken werden mir langsam unheimlich", bemerkte der Bullige.

„Es gefällt mir nicht, dieses Plädoyer für den Sinn des Todes", unterstützte ihn der Schwarz-mantel. „Hier zu bestehen und nicht zu flüchten, darum geht es. Hier mag manches beschwerlich und von absurder Vergeblichkeit sein, aber gerade darin, es auszuhalten, liegt die Würde. Der Sage nach konnten die Götter Sisyphos weder bestrafen noch besiegen, weil er sich den rollenden Stein trotz aller Vergeblichkeit zu seiner Aufgabe und seinem stolzen Sinn erklärt hat, hast du das verges-sen, lieber Freund?"

Es Flucht zu nennen, wenn ein Mensch sich freiwillig für das Sterben entscheidet, ist schändlich.

„Das sagst du mir?", entgegnete ihm Sisyphos. „Ich bin mir meines Ahnen durchaus bewusst. Bin ich je geflüchtet, wenn wieder zusammenfiel, was ich aufgebaut habe oder wenn mir meine Ziele verloren gingen? Nein, das bin ich nicht. Aber es Flucht zu nennen, wenn ein Mensch sich freiwillig für das Sterben entscheidet, ist schändlich. Wer den unausweichlichen Tod tabuisiert oder verdammt, tabuisiert und verdammt die Freiheit, die in ihm liegt. Ich rede nicht einer Kultur der Selbsttötung das Wort. Ganz im Gegenteil. Ich sage, selbst wenn der Weg absurd ist und du mit deinen Träumen nur Spielball der Götter bist, pflanze Blumen und Bäume und pflanze sie erneut, wenn der Stein über sie hinwegrollt. Bereite dem Absurden einen Garten! Du sollst aber die Freiheit haben, den Garten zu verlassen."

„Ich sehe schon kommen, was passiert, wenn wir Sisyphos folgen und zu einem Ritus des Todes und des Trauerns finden", wandte die Nase ein. „Es wird neue Dienstleister geben, die Sterbezeremonien organisieren und die Leute werden miteinander wetteifern, wer den teuersten und exklusivsten Abgang hat."

Sisyphos Vorschlag läuft darauf hinaus, dass wir eine Kultur des Sterbens zum Teil unserer Kultur machen", fasste Xerax zusammen. „Ist er etwa von den Abgesandten gekauft?"

„Außerdem bleibt die Angst vor dem Unbekannten nach dem Tod. Was wir hier haben, mit dem sind wir vertraut", sagte der Dünne.

„Wir sind zwar schon älter", sagte der Bullige. „Aber warum sollten wir sterben wollen? Wir fühlen uns fit und gesund. Früher mögen den Alten vielleicht nach und nach ihre Sinne matt geworden sein, aber wir können uns neu regenerieren aufgrund medizinischen Fortschritts. Wir kennen auch Geheimrezepte, wie früher Knoblauch und Viagra, von denen du keine Ahnung hast. Außerdem, das Leben mag zwar wie ein Karussell sein und keine Höher- und Weiterentwicklung kennen, aber den-noch macht es Spaß und es gibt immer wieder Neues zu sehen und zu erleben. Auch aus einem Karussell steigt man ungern aus."

„Die Diskussion bringt uns nicht weiter", mahnte das Großhaupt. „Wir brauchen eine Idee, die uns für die Mischwesen, Roboter, Ideenprogramme und anderen Bewohnern der Stadt unersetzlich macht."

„Da bei ihnen zunehmende Langeweile aufkommt aus ihrer nüchternen Rationalität - wer von ihnen kann noch lustvoll vibrieren? -, könnten wir ihnen als Berater für die großen Leidenschaften dienen", sagte der Feingliedrige, den unbegrenzte Kreativität ausmachte. „Hm, hm", brummten die anderen, die insgeheim bei sich dachten, dass 99 Prozent aller Ideen Mist sind.

„Die Mischwesen und die anderen Evolutionen wollen alle vorstellbaren Möglichkeiten des Seins ausprobieren. Aber sie sind sich unsicher, wohin das führt", sagte Sisyphos.

„Wenn ihre Chamäleon artige Wandlungsfähigkeit und ihre immer größere Komplexität eines Tages versagen sollte, dann wären sie verloren. Wir organischen Menschen brauchen nicht viel zum Überleben, wenn es Not tut, nur Wasser, Luft und Pflanzen. Wir brauchen nicht ihre riesigen Informationsmengen, weil unser Gehirn aus wenigem seine Schlüsse ziehen kann. Wenn wir Menschen das Alte behüten und bewahren, also die Konstanten in der Veränderung sind, dann hätten sie etwas, auf das sie wieder aufsetzen können, wenn ihre Wege in einer Sackgasse münden. Das müssen wir ihnen deutlich machen: dass wir als - Altmodische - ihnen Heimat bleiben, falls es mit ihrer Suche nach Besserem nicht klappt."

„Das wird sie nicht wirklich überzeugen", wandte der Schwarzmantel skeptisch ein. „Der vorwärts Strebende denkt nicht an ein Zurück. Warum suchen wir die Lösung nicht bei der Zahl der Geburten? Wir könnten ihnen versichern, dass wir freiwillig die Zahl unserer Kinder auf eines pro Paar begrenzen. So würden wir ihrem Argument, dass wegen uns die Enge zunimmt, die Spitze nehmen."

„Dann sterben wir früher oder später auch aus", sagte die Nase.

Es geht darum, Zeit zu gewinnen.

„Es geht darum, Zeit zu gewinnen. Wer weiß schon, welche Gesetze und Meinungen übermor-gen gelten werden? Aber, wenn ich es mir genau überlege, wieso brauchen wir überhaupt viele Kinder?" Der Schwarzmantel kratzte sich am Kopf.

„Wenn wir unsere Lebensspanne immer weiter ausdehnen, werden wir zu einem immer wertvolleren Schatz der Erfahrungen. Ich frage euch, warum ein schon viele Jahre Lebender nicht ebenso kreativ und flexibel sein kann wie ein Junger? Wir müssten dazu nur eine Art Bildungspass bei uns einführen, mit dem neue Denkmuster nachgewiesen werden. Noch besser, wir schnippeln ein wenig an unseren Genen und bekommen eine zweite Pubertät, in der wir gegen unsere eigene Vergangenheit rebellieren."

„Da kommt mir eine andere Idee", rief der Dürre. „Lasst uns einen Forschungsfond gründen, der geschlechtslose Zellteilung zum Ziel hat. So würden wir selbst zu unserer Jugend. Was Pflanzen und Tiere können, wieso nicht der Mensch? Nichts ist unmöglich!"

Der Schwarzmantel lebte auf und rief: „Meine Devise, liebe Freunde: statt Sterben der Alten und Geburt von Kindern, viele Auferstehung in einer Person!"

Sie klatschten begeistert Beifall. Sisyphos klatschte nicht mit. Xerax bemerkte das und setzte sich neben ihn. „Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet. Erst Ihre Ausführungen über den Tod und das Sterben haben uns deutlich gemacht, dass in der Verlängerung des Lebens und in uns der Sinn liegt."

Höflich verabschiedeten sie ihn.

Das war ein Auszug aus: Helmut Saiger: Morgen, Roman, tredition, Hamburg 2016, 216 Seiten. Hier könnt ihr das Buch kaufen.

Auf der Homepage des Autors könnt ihr mehr erfahren.

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