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27/11/2015 12:57 CET | Aktualisiert 27/11/2016 06:12 CET

‚Praktikum': Ein Synonym für Teufelskreis

Thomas Barwick via Getty Images

„Ich habe geträumt, ich muss wieder in die Grundschule - in die vierte Klasse. Im Traum habe ich versucht, zu erklären, dass ich doch immer gute Noten hatte und dass das ein Missverständnis sei.

Aber die Antwort schoss wie spitze Eiszapfen auf mich zu. ‚Das bringt bei Ihnen nichts. Wenn Sie keinen Job finden, müssen Sie halt wieder von vorne anfangen.'", erzählt mir meine Mitbewohnerin am Frühstückstisch.

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Wir lachen beide über diesen skurrilen Traum und beißen herzhaft in unsere Brote. Dann werden wir nachdenklich. Die Ängste vor der Arbeitslosigkeit, den zu erwartenden Rechnungen und dem entleerten Arbeitsmarkt holen uns in der friedlichsten Phase ein.

So amüsant die Geschichte klingen mag, die Wahrheit zwischen den Zeilen spricht Bände. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bestätigen uns in verlässlichen Zeitabständen, dass die Chancen der Hochschulabsolventen gar nicht so schlecht sind, wie sie sich anfühlen.

Absagen

Doch wenn meine Mitbewohnerin und ich gemeinsam in der Küche den morgendlichen Kaffee schlürfen, sehen wir diese Zahlen nicht vor uns. Viel präsenter sind die Absagen, die uns über Mail erreichen und auf den Displays unserer Handys aufleuchten.

Lina spricht neben Englisch, fließend Spanisch und Portugiesisch. Sie hat bei einer der größten katholischen Hilfsorganisationen Deutschlands gearbeitet. Außerdem hat sie ein Praktikum bei der UN gemacht und war nach ihrem Master drei Monate für eine NGO in Kopenhagen beschäftigt.

Sie hat ein Projekt in Malawi betreut und ist ein unglaublich sympathischer Mensch. Scheinbar kann sie mit diesen Eigenschaften nur ihre Mitbewohner und Freunde überzeugen, denn Arbeitgeber ermöglichen ihr nur selten die Chance für die zweite Runde.

‚Praktikum' ein Synonym für Teufelskreis

Lina arbeitet jetzt in einem Hotel, um über die Runden zu kommen. Während viele Arbeitgeber sparen und ihr Unternehmen von Praktikanten und Volontären betreiben lassen, füllt Lina Rechauds auf.

Ihr soziales Engagement, ihre Energie und Hoffnung verlassen mit dem Bratenfett die kleine Hotelküche durch die Dunstabzugshaube. Und das ist scheiße.

Häufig treffen wir uns in der WG Küche und stellen uns dieselben Fragen. Was ist schiefgelaufen? Was kann man noch tun, um einen Job zu bekommen? Würde sich Lina für ein weiteres Praktikum bewerben, hätte sie ohne Zögern des Arbeitgebers eine Stelle sicher. Aber wie lange sollen wir das Spielchen mitspielen?

Denn wenn wir mal ehrlich sind, ist ein Praktikant heute nicht das, was er oder sie vor zehn Jahren war. Praktikanten kochen keinen Kaffee mehr oder sortieren nur die Morgenpost. Und Praktikanten werden nicht übernommen, weil sie sich so ordentlich angestellt haben.

Praktikanten von heute

Nein, Praktikanten von heute verwalten das Budget, planen große Projekte, stehen im Kontakt mit internationalen Großkunden und ziehen weiter, wenn man es ihnen befiehlt.

Zwei meiner Freundinnen wurde bereits, unabhängig voneinander, die Stelle einer Kollegin angeboten, die in den Mutterschutz ging und eine feste Stelle in einer verantwortungsvollen Position besetzte.

Anders ausgedrückt: Ihnen wurde eine Verlängerung des Praktikums mit Garantie auf eine Erfahrungszunahme angeboten. Was außerdem garantiert war?

Das bestehende Praktikantengehalt und das Aufgabengebiet der angehenden Mutter. Beide dankten freundlich und kehrten den namenhaften Unternehmen ihre entzückenden Rücken zu.

Studentisches Praktikum #9

Viele Unternehmen verlangen eine Immatrikulationsbescheinigung vor Praktikumsbeginn, denn dadurch entziehen sie sich dem gesetzlichen Mindestlohn.

Eine kurze Rechnung:

400 € / Monat für 40h / Woche = 2,5 € / Stunde

Wie sehe der Bruttobetrag aus, wenn man den Mindestlohn bekäme?

8,50€ * 160 Stunden im Monat = 1360 €

Ein Unterschied, der zum Heulen einlädt. Und obwohl diese Differenz so überdeutlich ist, ist es für einen Hochschulabsolventen mit jahrelanger Erfahrung unangemessen wenig Geld. Ein Vorgesetzter hat mir mal gesagt, man dürfe seinem Angestellten nicht zeigen, wie viel er auf dem Papier wert ist.

Vielleicht hat er Recht. Denn diese Erkenntnis würde so viel aufwühlen, was ein einzelner nicht leicht verarbeiten oder gar ändern kann.

Lina wird früher oder später einen guten Job finden, der sie glücklich macht. Davon bin ich überzeugt, denn sie ist überzeugend. Ich frage mich nur, wie sie bis dahin die Ängste aus den Träumen verbarrikadieren und woraus sie die Kraft für die Zuversicht schöpfen kann.

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