BLOG
01/09/2015 13:38 CEST | Aktualisiert 01/09/2016 07:12 CEST

Warum teure Kleidung von Armani, Louis Vuitton und Prada nicht automatisch gut ist

Kimberley Coole via Getty Images

Es ist auch für den bewussten Konsumenten schwierig, sich einen genauen Überblick zu verschaffen und herauszufinden, welche Unternehmen sich einigermaßen anständig verhalten und welche gar kein Unrechtsbewusstsein zeigen.

"Made in Europe" sagt wenig aus

Sofort augenfällige Kriterien wie Preis und Herstellungsort helfen nicht weiter: Auch unterbezahlte Näherinnen in Bulgarien heften an ihre Werkstücke das Label "Made in Europe".

Und wird an ein in Asien geschneidertes Kleidungsstück nur der letzte Knopf in Europa angenäht, darf es das "Made in Europe"-Label ebenfalls tragen.

Teure und billige Labels lassen in Asien schneidern

Sowohl sehr teure als auch ganz billige Label lassen in schäbigen Sweatshops in Asien produzieren, und an beiden Enden finden sich wiederum Unternehmen mit Verantwortungsbewusstsein.

Insofern war es von dem Autoren eines dpa-Berichts über eine Umfrage unter Verbrauchern auch nicht ganz fair, beinahe süffisant darauf hinzuweisen, dass die Verbraucher in der Umfrage als ebenfalls wichtiges Kaufkriterium den Preis nannten - um damit nahezulegen, ihr soziales Verantwortungsbewusstsein ende am eigenen Portemonnaie.

Armani und Hugo Boss kommen schlecht weg

Teuer einkaufen heißt eben nicht, auch gut einzukaufen. In einem der neuesten Reports der Clean Clothes Campaign kommen gerade die Luxuslabels besonders schlecht weg, die ihre Produktion PR-wirksam aus Asien zurück nach Europa verlegt haben, darunter Armani, Louis Vuitton, Prada und Dior. Niedrige Löhne, prekäre Arbeitsverträge und überlange Arbeitszeiten haben sie dabei aus China, Bangladesch und Kambodscha mitgebracht und in Italien eingeführt.

Der teure Herrenanzugschneider Hugo Boss aus dem baden-württembergischen Metzingen soll in seiner eigenen Fabrik im Osten der Türkei besonders schlechte Arbeitsbedingungen dulden, Gewerkschafter erzählen von mieser Bezahlung sowie Schlägen und Drohungen von Vorgesetzten gegen Arbeiterinnen, die sich wehren wollen.

Takko bemüht sich um Fairness

Zugleich arbeitet der Discounter Takko Fashion mit der Fair Wear Foundation zusammen. Die Stiftung begleitet Unternehmen dabei, ihre Lieferkette fair zu gestalten, und setzt auf einen "Multi-Stakeholder-Ansatz"; das heißt, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen aus den betroffenen Ländern sind auch dabei.

Unternehmen haben die Übersicht verloren

"Die Lieferkette fair gestalten" - das liest sich einfacher, als es ist. Zum Teil haben die Unternehmen nämlich selbst die Übersicht verloren.

Kleidung im Wert von 460 Milliarden Dollar wurde 2013 weltweit gehandelt. Als eine der ersten Branchen hat die Bekleidungsindustrie den Weg in die Globalisierung angetreten.

Produziert wird im Ausland, das Design stammt aus den alten Textilregionen

In Deutschland verkaufte Kleidung - rund 30 Milliarden Euro umfasst der Markt für Textilien jährlich - wird heute fast ausschließlich im Ausland produziert. 1970 stellten laut Bundeswirtschaftsministerium in der Bundesrepublik noch 7704 Betriebe Kleidung her - 2013 waren es in Gesamtdeutschland nur noch 545. Das ist ein Rückgang von 93 Prozent. Dies spiegelt sich wider in den Importzahlen: 2014 importierte Deutschland Kleidung im Wert von 28 Milliarden Euro, darunter im Wert von 8 Milliarden Euro aus China, 3,5 Milliarden Euro aus Bangladesch und 3,2 Milliarden Euro aus der Türkei.

Zwar wird hierzulande im Grunde keine Kleidung mehr genäht, doch ist die Bekleidungsindustrie keineswegs aus den traditionsreichen Textilregionen Europas verschwunden: Die Industriebetriebe von einst haben sich etwa in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu Dienstleistungsunternehmen gewandelt, deren Abteilungen für Design, Markenführung und Marketing, Vertrieb, IT und Logistik im Inland sitzen, die Spinnereien, Webereien und Nähfabriken aber im Ausland.

Die Lieferketten erstrecken sich über die ganze Welt. Viele Händler, Markenfirmen oder Discounter kaufen ihre Waren bei großen Handelshäusern mit Sitz in Hongkong oder China ein. Die bieten ihren Kunden zahlreiche Dienstleistungen: Sie gestalten und entwickeln Produkte, suchen und beauftragen weltweit die Fabriken, die sie herstellen, übernehmen die Qualitätskontrolle und die Logistik.

Große Unternehmen, etwa H&M, beauftragen Fabriken hingegen selbst. Sie haben eigene Designabteilungen und entwerfen ihre eigenen Kleidungsstücke, sorgen meist auch für den Einkauf der Stoffe. Die Produktion, also der Zuschnitt, das Nähen und die chemische Behandlung - die sogenannte Veredelung und Ausrüstung - besorgen beauftragte Zulieferer.

H&M: 900 Zulieferer, 1900 Fabriken

Den Transport übernimmt wiederum H&M. Der Handelsriese aus Stockholm listet neunhundert Zulieferbetriebe auf, die in seinem Auftrag in 1900 Fabriken weltweit Kleidung und Kosmetik herstellen. H&M macht die meisten von ihnen auf seiner Website unter hm.com/supplierlist öffentlich und versteht dies als Teil einer neuen, transparenten und nachhaltigen Unternehmenspolitik. Der interessierte Besucher der Seite findet dort Namen und Adresse der Betriebe, nach Ländern geordnet.

Für Kunden ist das zwar wenig aufschlussreich, aber trotzdem wichtig, denn schließlich können Journalisten oder Organisationen, die sich für fairen Handel oder Entwicklung einsetzen, die Adressen nutzen. Die Zulieferer müssten den strengen »Code of Conduct« unterzeichnen und würden angekündigt und unangekündigt auf die Einhaltung kontrolliert, verspricht H&M.

Die Verhaltensregeln fordern unter anderem sichere Arbeitsplätze und Fabrikgebäude, beleuchtete Fluchtwege, eine angemessene Bezahlung, die mindestens dem gesetzlichen Mindestlohn entspricht, sowie einen umsichtigen Umgang mit Chemikalien.

Das alles klingt erst einmal gut, doch hat die Transparenz Grenzen. In dem Bericht von Human Rights Watch aus Kambodscha vom März 2015 etwa taucht auch H&M auf: Zwar sei bei dem direkten Vertragspartner des Händlers alles in Ordnung gewesen, berichten die Menschenrechtsaktivisten, doch seien Arbeiterinnen dieser Fabrik gezwungen worden, in einem beauftragten Subunternehmen zu weit schlechteren Bedingungen zu arbeiten, damit dieser Lieferfristen einhalten konnte. Sonntagsarbeit, Nachtschichten und Überstunden ohne Bezahlung waren die Folge.

Der Subunternehmer wiederum taucht in der Liste nicht auf, denn er arbeitet ja offiziell nicht mit H&M zusammen.

Der Handelskonzern gibt sich konsterniert und verweist auf seinen "Code of Conduct", der ein solches Geschäftsgebaren von Subunternehmen verbiete. Man wisse sehr gut, dass es Arbeitnehmern in vielen Ländern nicht möglich sei, für ihre Rechte einzutreten, deswegen arbeite H&M an vielen Projekten mit, um die Situation in solchen Ländern zu verbessern, und stehe in Kontakt zur ILO und der staatlichen schwedischen Entwicklungsorganisation SIDA.

Die Türkei lässt in Georgien produzieren

Ein anderes Beispiel: In Georgien arbeiten viele Betriebe als Subunternehmer für Textilfabriken in der benachbarten Türkei. Dort wird für Inditex, Adidas, Nike und Puma hergestellt, doch in deren offiziellen Lieferantenlisten (wenn sie denn welche veröffentlichen) fehlen die georgischen Betriebe.

In Ratgebern für Auslandsinvestitionen wird vom dortigen Arbeitsrecht geschwärmt, es sei eines "der liberalsten der Welt" - der Kostenpunkt "Schutz und Rechte von Arbeitnehmern" fällt also in den Augen der Autoren erfreulich niedrig aus.

Keine Kontrolle möglich?

Immer wieder stöhnen Mitarbeiter von Markenfirmen, man könne ja nie wissen, an welchen Sweatshop eine an sich vorbildliche Fabrik Aufträge vergebe, eine letzte Kontrolle darüber, wie und von wem ein Kleidungsstück wirklich hergestellt worden sei, könne man kaum erlangen.

Dass ihnen das letztlich auch egal ist, solange die Qualität zum festgesetzten Preis stimmt, sagen sie in der Regel nicht dazu. Die Bekleidungsindustrie ist, neben der Elektronik- und der Lebensmittelbranche, auch eine der eifrigsten Nutzerinnen von Sonderwirtschaftszonen. Rund 3500 davon in 130 Ländern zählt die ILO, 66 Millionen Menschen arbeiten in solchen Enklaven. In diesen abgeschotteten Gebieten, meist in der Nähe eines Hafens oder Flughafens, können große Unternehmen für den Export produzieren lassen; es gelten besondere Gesetze, Steuern fallen kaum an, Bestimmungen zu Umwelt- oder Arbeitsschutz gelten selten.

Die Staaten, die solche Zonen einrichten, erhoffen sich davon Devisen und Entwicklungsimpulse. Doch weil die dort produzierenden Unternehmen wenig oder überhaupt keine Steuern zahlen und es im Grunde keinen Austausch zwischen den Zonen und der restlichen Wirtschaft des Landes gibt, profitieren vor allem die Konzerne.

Ausgerechnet Takko zeigt, wie es besser gehen könnte

Wie es künftig besser gehen könnte, zeigt ein als Billigheimer verschrienes Unternehmen aus dem Münsterland. Takko Fashion ist ein Modefilialist im Besitz eines britischen Finanzinvestors, der sich seit einigen Jahren ernsthaft bemüht, seine Lieferkette in den Griff zu bekommen.

Verkauft wird in über 1900 Filialen in Mittel- und Osteuropa, die meisten davon noch immer in Deutschland.

Häufig leuchtet das leicht trashige Logo mit dem knallroten Takko-Schriftzug auf quietschgelbem Grund in Einkaufszentren auf der grünen Wiese.

Das Unternehmen mit Sitz im münsterländischen Telgte verkauft Kleidung im niedrigen Preissegment. Die Damen-Jeans starten bei 9,99 Euro, keine kostet mehr als 29,99 Euro; ein Jungen-T-Shirts kostet 7,99 Euro und ein Herrenhemd gibt es für 14,99 Euro. Die Kleidung kommt aus sechzehn Ländern in Asien, Europa und Nordafrika, aus Ägypten, Bangladesch, Bulgarien, China, Indien, Italien, Polen, Portugal, Tunesien, Türkei, Vietnam, Kambodscha, Myanmar, Pakistan, Serbien und Sri Lanka.

Vor Jahren war Takko ins Gerede gekommen: einmal, weil die Firma keine Gewerkschaften zuließ, ein andermal, weil sie Kleidung in chinesischen Gefängnissen produzieren ließ.

Das Unternehmen mit den Billigklamotten und dem Ramschimage ist aber Mitglied in der Fair Wear Foundation (FWF) und findet sich dabei in Gesellschaft von deutlich teureren Ökoanbietern wie Hess Natur oder Waschbär. Die Organisation zertifiziert weder einzelne Firmen oder Hosen und T-Shirts, sondern arbeitet mit Unternehmen langfristig zusammen und versucht, gemeinsam und schrittweise die sozialen Bedingungen in der Lieferkette

zu verbessern. Die FWF prüft die Einkaufspraxis der Mitgliedsunternehmen, etwa, ob Zulieferer sich an die Empfehlungen der ILO halten oder existenzsichernde Löhne zahlen.

Jährlich werden Fortschrittsberichte veröffentlicht, in denen der Stand der Entwicklung beschrieben und bewertet wird. Verletzt ein Unternehmen die Regeln der Zusammenarbeit oder zeigt längerfristig keine Bemühungen um Fortschritt, wird die Zusammenarbeit aufgekündigt. Im jüngsten Fortschrittsbericht der Fair Wear Foundation wird Takko bescheinigt, gut mit der Arbeit an einer fairen Lieferkette voranzukommen.

73 Prozent der Produktion unterlägen einem Monitoring, Transparenz und Information über die Zusammenarbeit seien gegeben. Es bleibe noch einiges zu tun, aber die Firma sei auf dem Weg.

Hier finden Verbraucher Tipps

Wem die Arbeitsbedingungen ein Anliegen sind, unter denen Marken Kleidung herstellen, der findet auf der Website der FWF Firmen, die an ihrer Lieferkette arbeiten, sowie Reports über deren Fortschritte. Zudem lässt sich per Mausklick eine Liste fairer Anbieter in einem bestimmten Land zusammenstellen.

Es ist die Macht von Zivilgesellschaft und Verbrauchern, die die angesehene Stiftung mobilisieren will. Zu tun hat sie es dabei mit einer Branche, zu deren tief verinnerlichtem Selbstverständnis es gehört, niedrig qualifizierte Arbeitskräfte zu billigen Löhnen zu beschäftigen.

Produziert wird, wo wenig bezahlt und lange gearbeitet wird. Diese eklatante Missachtung der eigenen Arbeiter und Arbeiterinnen hat in den Spinnereien, Webereien und Konfektionsbetrieben (die normierte Kleidung - Konfektion - herstellen) eine lange Geschichte.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Dreimal anziehen, weg damit. Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co?" von Heike Holdinghausen. Westend-Verlag, 978-3-86489-104-5, 224 Seiten, 16,99 Euro.

2015-08-31-1441035238-7090478-Holdinghausen_WegDamit_120RGB.jpg