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01/02/2016 13:53 CET | Aktualisiert 01/02/2017 06:12 CET

Warum Jugendliche in Tunesien wieder auf die Straße gehen

dpa

Tunesien fünf Jahre nach der Revolution

Da waren sie wieder - jene bekannt vertrauten, mitunter manchmal auch vergessenen Bilder, die vor knapp fünf Jahren die gesamte arabische Welt erschüttert und in der Folge auch verändert haben: Skandierende Jugendliche und junge Erwachsene, die aufbegehren und protestieren, die nach Arbeit und Würde rufen.

Und erneut kamen diese Rufe zunächst aus den Regionen im Landesinneren, Kasserine, Gafsa, Kebili und Sidi Bouzid, jene Stadt, die mit der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi 2010 den Auftakt für die Proteste bildete. Was die jungen Menschen in den oftmals so genannten benachteiligten Regionen, vor allem aber in Kasserine frustriert und die Wut hat aufkommen lassen, erlaubt ebenso an ein Déja vu zu glauben:

Der 26jährige arbeitslose Akademiker Ridha Yahyaoui hatte an einem offiziellen Einstellungsverfahren der Verwaltung teilgenommen. Stand er vor Wochen noch auf der Warteliste, mit großen Chancen aufgenommen zu werden, musste er am 16. Januar feststellen, dass er von eben dieser Liste gestrichen worden war - offensichtlich auf die gezielte Einwirkung politischer Vertreter hin.

Schockiert und erbost über dieses Vorgehen stieg er bei Regen auf einen Elektromasten und erlitt einen Elektroschock, dem er später im Krankenhaus erlag. Am Tag darauf setzten Proteste der Jugendlichen ein und es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und Nationalgarde.

Die bis dahin weitgehend friedlichen Proteste gewannen jedoch eine andere Dynamik, als Kriminelle und gezielt politisch organisierte Bewegungen versuchten, diese für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. So geriet zu Beginn der dritten Januar-Woche die Situation in dem ohnehin durch Terrorismus und soziale Spannungen geplagten Land beinahe außer Kontrolle.

Neben den berechtigten Anliegen der arbeitslosen Jugendlichen war nun einfach nur der Wunsch, Chaos zu verbreiten und das Land weiter politisch zu destabilisieren, vorherrschend. Die Regierung verhängte eine Ausgangssperre und konnte damit zunächst die Situation beruhigen; mehr als 300 Verdächtige wurden verhaftet. Ein Sofort-Programm soll nun insbesondere den benachteiligten Regionen schnell Hilfe zukommen lassen.

Politik weit weg - eine Klasse für sich

Die Ereignisse von Sidi Bouzid 2010 und Kasserine 2016 bilden nicht nur eine zeitliche Klammer. Sie stehen beide für Extrempunkte, auch mit Blick darauf, wie junge Menschen heute in Tunesien Politik wahrnehmen und vor allem auf sie reagieren. Waren die Euphorie, ja geradezu Berauschtheit nach dem Sturz Ben Alis 2011 und die Hoffnung auf Freiheit, Würde und Arbeit nahezu unermesslich, so erleben wir heute genau das Gegenteil.

Pessimismus, Perspektivlosigkeit, mitunter Verzweiflung machen sich breit, oftmals gepaart mit einer gefährlich anmutenden Nostalgie, dass „früher ja doch nicht alles so schlecht war". Fruchtbarer Nährboden für Radikalismus wie politische Verführer gleichermaßen.

Pessimismus, Perspektivlosigkeit, mitunter Verzweiflung machen sich breit

Gefragt nach den Errungenschaften der Revolution vor 5 Jahren geben die meisten jungen Tunesier mit über 60 Prozent die freie Meinungsäußerung an, gefolgt von Demokratie mit knapp 10 Prozent. Auf die Frage, welche Probleme die vergangenen fünf Jahre nicht gelöst haben, geben die jungen Menschen mit 56 Prozent die Arbeitslosigkeit und mit knapp 40 Prozent die Sicherheitslage an.

Dass jahrzehntelang aufgestaute Problemlagen und verpasste Reformen nicht in fünf Jahren zu bewältigen sind, zudem noch in einem ohnehin fragilen Kontext, war und ist nicht zu erwarten. Aber wenn das so ist, sollte Politik durch Nähe und durch beständige Kommunikation mit den Bürgern und vor allem der Jugend zeigen, dass sie „nah dran" ist.

Die berühmt berüchtigte „Dividende", die Menschen nach solchen Ereignissen wie in Tunesien der letzten Jahre sehen wollen, kann auch eine „Aufmerksamkeitsdividende" sein, die nicht seriöses Handeln ersetzt, aber versucht, auch zu erklären, was Politik kann und wo sie hin will.

Jenseits der parteipolitischen Kämpfe, die sich mehr oder weniger alle Parteien derzeit im Land liefern, haben Politik im Allgemeinen und politische Parteien im Besonderen ein Glaubwürdigkeitsproblem. Nur knapp die Hälfte der jungen Tunesier hat Vertrauen in die Regierung und nur 24 Prozent in die politischen Parteien. Damit setzt sich ein gefährlicher Trend fort, der bereits bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung 2011 nur 11 Prozent der bis zu 35jähirgen zur Wahlurne trieb.

Im Jahre 2014 waren es knapp unter 5 Prozent der jungen Menschen, die gewählt hatten. Dieser Trend ist für die junge Demokratie gefährlich und sollte alle zum Nachdenken bringen. Außer, man nimmt bereitwillig in Kauf, dass sich Jugendliche von der Politik fernhalten. Doch dann riskiert man, die bereits bekannten Bilder immer wieder zu sehen.

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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