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02/04/2016 07:38 CEST | Aktualisiert 03/04/2017 07:12 CEST

Raus aus der Isolation - Jugendpolitik ist Terrorbekämpfung

MOHAMED KHALIL via Getty Images

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Es stimmt nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren, sie gehen nur anders damit um. Daher will die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zusammen mit der Huffington Post der Frage nachgehen: Wie muss Politik für junge Menschen aussehen? Weltweit werden Experten der Konrad Adenauer Stiftung politische Initiativen und Vorgehensweisen analysieren. Wenn Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, schreiben Sie an Blog@huffingtonpost.de.

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von Dr. Hardy Ostry und Dr. Edmund Ratka

Tunesiens Jugend stand mit an vorderster Front, als das Land zu Jahresbeginn 2011 sein verknöchertes autoritäres Regime abwarf und einen demokratischen Aufbruch wagte. Doch nach fünf Jahren langwieriger Transition, die von einer fortdauernden wirtschaftlichen Flaute begleitet wird, machen sich Frustration und politische Apathie gerade auch bei jungen Menschen breit.

Die Abkehr vom Staat und seinen Institutionen, die Enttäuschung über mangelnde Aufstiegschancen und Mitwirkungsmöglichkeiten schaffen ein fruchtbares Milieu für die Sirenen der Feinde der Demokratie: radikale Islamisten.

Drei große Terroranschläge, verübt von jungen Tunesiern wohl im Auftrag des so-genannten Islamischen Staates, erschütterten im Jahr 2015 das Land. Tunesien ist eine der Exportnationen, wenn es um radikale Dschihadisten geht: Mehr als 5.500 Tunesier und Tunesierinnen haben sich in den Dienst des Terrors in Syrien, Irak und Libyen gestellt.

Weitere Tausende konnten von den Behörden an der Ausreise gehindert werden. Offenbar haben wir es hier mit einen Widerspruch zu tun: Obwohl es auch und mitunter vorrangig die Jugend war, die unter dem Slogan „Freiheit, Würde, Arbeit" gegen die Autokratie aufbegehrte, zeigt gerade sie sich zu Zeiten, wo Partizipation und Mitsprache nicht nur möglich, sondern auch dringend notwendig sind, als besonders empfänglich für Radikalisierungstendenzen.

Das Verhältnis zu Religion und Politik


In einer Umfrage-basierten Studie hat die Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut SIGMA Conseil nun das Verhältnis junger Tunesier (1000 befragte 18- bis 35-Jährige) zu Religion und Politik untersucht.

Privat halten dabei viele islamische Praktiken wie Fasten und Beten für sehr wichtig, wenngleich nur 13 Prozent angeben, regelmäßig eine Moschee zu besuchen. Geht es um die Organisation des Staatswesens und öffentliche Angelegenheiten, plädieren 72 Prozent für eine Trennung von Politik und Religion. Gut 22 Prozent wollen das nicht und fast genauso viele (20,3 Prozent) wünschen sich, dass die Scharia - also das islamische Recht - die einzige Inspirationsquelle für die tunesische Gesetzgebung sein sollte.

Wie steht es um die Haltung der jungen Tunesier zum Dschihad, dem bewaffneten Kampf im Namen des Islam? Hier wird offenkundig je nach Kontext differenziert: So zeigt nur eine kleine Minderheit Verständnis oder gar Unterstützung für den Dschihad in Libyen (1,2 Prozent), Syrien (4,5 Prozent) und in Tunesien selbst (10,8 Prozent).

Gefragt nach den Palästinensischen Gebieten (wobei damit der Nahost-Konflikt von den Befragten gewissermaßen als „Dschihad der Palästinenser gegen Israel"" aufgefasst wurde) äußerten dagegen knapp drei Viertel diesbezüglich Verständnis. Diese Ergebnisse sind insofern charakteristisch, als sie unterstreichen, inwiefern der Aufruf zum Dschihad in politisch besonders aufgeheizten und virulenten Konflikten als religiöses Motiv politisch instrumentalisiert wird.

Rekrutierung und Radikalisierung


Insbesondere zwei Ergebnisse der Studie geben Aufschluss über die Orte und insbesondere die Kontextualisierung, unter der nach den Daten erfolgreiche Rekrutierung und Radikalisierung stattfinden. Und diese Ergebnisse stellen auch die insbesondere von Soziologen immer wieder bemühte Erklärung infrage, es seien vor allem oder ausschließlich wirtschaftliche und soziale Ursachen.

Als primäre Orte der Rekrutierung für den Dschihad stechen nach den Ergebnissen insbesondere vier heraus: das Internet (77,8 Prozent), Moscheen (70,3 Prozent), Gefängnisse (47, 8 Prozent) und Cafés (34, 7 Prozent).

Knapp die Hälfte der jungen Tunesier glaubt, dass bei der Rekrutierung auch ausländische Mächte ihre Finger im Spiel haben, was in der gegebenen Lage in der Region der generellen Überzeugung entspricht und nicht besonders erstaunt.

Interessant erscheint, dass natürlich die problematische sozio-ökonomische Situation vieler junger Tunesier ebenfalls häufig als Ursache für die Attraktivität des Dschihadismus genannt wird, aber diese Aussage korrespondiert einfach mit der Realität, sie ist keine - wie oftmals angenommen - hinreichend-notwendige Erklärung für das Phänomen der Radikalisierung.

Zudem lässt ein weiteres Ergebnis der Umfrage aufhorchen: Knapp 64,3 Prozent der Befragten gehen keinerlei „praktischen Aktivität" jenseits Arbeit oder Ausbildung nach. Immerhin ein Viertel der jungen Tunesier gibt an, sich sportlich zu betätigen, dieser Wert sinkt jedoch auf 6,1 Prozent im Bereich Kultur, auf 2,9 Prozent im Bereich Soziales und auf 1,7 Prozent im Bereich Politik.

Wenig gesellschaftliche Aufmerksamkeit


Führt man die beiden Antworten auf die Frage nach den Orten der Radikalisierung und nach den praktischen Aktivitäten in einer Gesamtschau zusammen, wird deutlich, dass die geringe gesellschaftliche Betätigung der jungen Tunesierinnen und Tunesier mit den Orten der Radikalisierung korrespondiert:

Es ist die Isolation junger Menschen, die in diesen Zahlen zum Ausdruck kommt, die der Propaganda der Dschihadisten das Feld bereitet.

Zur Terrorbekämpfung gehört also auch und vor allem eine offensive Jugendpolitik, die junge Menschen einbindet in die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen des Landes, die sie angemessen ausbildet und ihnen die Möglichkeit bietet, ihr Potenzial zu entfalten. Tunesien braucht den Mut, seiner Jugend mehr Verantwortung zu geben für den Aufbau seiner noch jungen Demokratie.

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