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03/08/2015 06:34 CEST | Aktualisiert 03/08/2016 07:12 CEST

Nord-Süd-Stromtrassen: Brauchen wir sie wirklich?

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Bis zum Jahr 2022 sollten die Höchstspannungsleitungen von Norden nach Süden nach den Plänen der Bundesregierung fertig gestellt sein, allerdings unter der Voraussetzung, dass die Stromtrassen die begeisterte Zustimmung der Bürger finden, und keinerlei Widerstand das ehrgeizige Projekt verzögern würde.

Welch eine blauäugige Fehleinschätzung! Die einen wollen die Trassen möglichst weit weg von der eigenen Haustür verschieben, die anderen möchten lieber Erdverkabelung. Egal was es kostet und wie lange es dauert. Und der bescheidene König Seehofer von Bayern möchte gefälligst die Trasse nicht durch eigenes Gebiet sondern durch die Nachbarländer (Hessen und Baden-Württemberg) geführt wissen.

Unabhängig von diesen Querelen gehen jedoch alle Einwände davon aus, dass die Notwendigkeit der Stromautobahnen zweifelsfrei und alternativlos bleibt. Ist das wirklich so?

Länder wie Schleswig-Holstein, Niedersachsen oder Mecklenburg-Vorpommern produzieren bereits das Drei- bis Vierfache ihres Strombedarfs, und alle anderen Länder versuchen ebenfalls in der Öko-Stromerzeugung autark zu werden.

Rheinland-Pfalz will u. a. seine rd. 1.300 Windräder auf ca. 6.500 verfünffachen, NRW macht ebenfalls entsprechende Anstrengungen (u. a. Neubau und Repowering der Windräder mit wesentlich erhöhten Leistungen) und die südlichen Bundesländer stehen vorwiegend mit Wasserkraft und Biogasanlagen dem nicht nach.

Hinzu kommt der bundesweit anhaltende Boom bei den Photovoltaikanlagen, die immer preiswerter und effektiver werden, und deren erzeugte Energie sowohl in den Eigenbedarf als auch in die Netzeinspeisung fließen kann.

Auch die Stromspeicherung ließe sich u. a. durch Biogasspeicher und deren intelligente Nutzung erheblich verbessern. Weiterhin steckt die Industrie riesige Summen in die Forschung für verbrauchsgünstigere Geräte und für leistungsfähige Großbatterien.

Wer kann denn bei dieser Vielfalt an Energieerzeugung und -leistung seriös in die Zukunft blicken und heute schon sagen, wieviel zusätzlichen Strom die südlichen Bundesländer in 10 bis 12 Jahren (dann sind die Stromautobahnen frühestens fertig) tatsächlich noch aus dem Norden beziehen müssen? Sind die Länder dann nicht längst stromautark?

Muss die regenerative Stromerzeugung dann im Süden gedrosselt oder gänzlich eingestellt werden, um den Überschussstrom aus dem Norden los zu werden? Gibt es Abnahmeverträge und Garantieleistungen zwischen den Erzeugern im Norden und den Verbrauchern im Süden?

Selbst wenn die südlichen Bundesländer ihren Ökostrom nicht vollständig allein erzeugen können, und man den preiswerten Strombezug aus Frankreich, Tschechien oder Österreich ablehnt, wäre es dann nicht günstiger den zusätzlichen Bedarf z. B. durch umweltfreundliche dezentrale Gaskraftwerke zu gewährleisten?

Stattdessen sollen für mindestens 20 Milliarden € Höchststromleitungen durchs Land geführt, und für weitere 30 bis 50 Milliarden € der Ausbau des Verteilernetzes finanziert werden. Bei solch gigantischen Summen nur für den Netzausbau (ohne Erzeugerkosten) müssten doch die fähigsten Köpfe des Landes mit der Ausarbeitung von Alternativen und Kosten-Nutzen-Berechnungen beauftragt sein.

Ohne die Stromautobahnen funktioniert die Stromwende nicht, erklärt uns stattdessen die Politik und damit basta. Dieselben Politiker haben uns aber auch erklärt, dass die Energiewende „kostenneutral" durchgeführt werden könne, oder dass die Strompreiserhöhung für einen Normalhaushalt nur ca. 1 €/Monat ausmachen würde („so viel wie eine Kugel Eis", weissagte ein gewisser Herr Trittin).

Wem kann man denn noch glauben? Sind die Investitionen wirklich unumgänglich und so alternativlos, dass man sie erst gar nicht hinterfragen muss? Oder werden wieder nur Milliardengräber geschaffen? Wer kann dazu seriöse und neutrale Antworten geben? Wo findet man belastbare Daten und Fakten, die die rasanten technischen und strukturellen Entwicklungen zuverlässig berücksichtigen?

Die bisherigen Erklärungen dazu sind jedenfalls mehr als dürftig und können keinesfalls überzeugen. Aber wahrscheinlich ist der Zug längst abgefahren, und der Bürger darf weiterhin zahlen, zahlen, zahlen.

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