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30/12/2016 17:36 CET | Aktualisiert 01/01/2018 06:12 CET

Und immer an die Leser denken

Hans-Peter Canibol

In diesen Tagen feiert der SPIEGEL sein 70-Jähriges mit dem Slogan „Wut kann man sich erarbeiten". In Hamburg gibt sich die Redaktion für Außenstehende unnahbar, zählt voll Stolz die „Kerben im Revolver". Nur das große Ganze hat Bedeutung. Als im Januar 1993 der Verleger Hubert Burda die „Frechheit" besaß, zusammen mit dem unbeirrbaren Blattmacher Helmut Markwort aus der Arabellastraße in München ein weiteres Nachrichtenmagazin ins Rennen zu schicken, übte sich die etablierte Medienlandschaft wortreich in Erwartung des Scheiterns. Allein der Arbeitstitel „Zugmieze" löste kopfschüttelndes Amüsement aus, das dann aber sehr schnell einer staunenden Anerkennung wich, als der Titel FOCUS bekannt wurde.

Nichts erzählt besser das so unterschiedliche Selbstverständnis zwischen dem Magazin von der Ericusspitze mit seinem Geburtstagsslogan und dem - aus Hamburger Sicht - „Emporkömmling", der seither das geflügelte Wort prägte: „Fakten. Fakten. Fakten. Und immer an die Leser denken." Es wurde mehr als ein Slogan. Es war der Redaktion Verpflichtung, sich daran zu orientieren.

Mit welcher Konsequenz, das beschreibt Matthias Kowalski, Wirtschaftsredakteur der ersten Stunde, in seinem gerade erschienenen Buch „Fakten. Fakten. Fakten. Leser, Reaktionen & Redaktion: Das Beste aus 20 Jahren Magazin FOCUS".

Wenn der Leser an die Tür klopft

An die Leser denken heißt aus Redaktionssicht seit Anbeginn immer auch: Nutzwert bieten. Diese Kombination ist ein Grund dafür, warum das Blatt immer noch wöchentlich fast viereinhalb Millionen Leser erreicht. Leser, die ihre persönlichen Alltagsherausforderungen im Blatt gespiegelt sehen.

Kowalski ist seit 20 Jahren in der Wirtschaftsredaktion des FOCUS der Spezialist für alles rund um die Themen Krankenkassen und Sozialversicherungen. Darin gilt er als einer der führenden Journalisten in Deutschland. Mit derselben Sorgfalt, die er auf die Recherchen zu seinen Themen aufwendet, hat er sich seit der Nullnummer den Reaktionen der Leser auf seine Veröffentlichungen gewidmet - auch gegen Witzeleien von Kollegen und Chefs. Mehr als 3.000 Leserbriefe an ihn persönlich archivierte er über die Jahre, mehrere Hundert Musterschreiben, die er in Variationen einsetzen kann, legte er an und macht sich dann immer noch Gedanken, wenn diese Musterschreiben so gar nicht passen wollen. Manche Schicksale haben ihn im wahrsten Sinne des Wortes bewegt, ihn veranlasst, Hilfe zu organisieren. Und für einige Leser wurde er so etwas wie ein Familienmitglied. Ein Höhepunkt der 196 Seiten Redaktionsleben ist die Episode, als ein Ehepaar aus dem Rheinland, das in der gesamten Redaktion schon als treue Anrufer bekannt ist, eines morgens „nett parat jemaat" - wie man im Rheinland sagt - in der Redaktion auftauchte und schließlich im großen Konferenzsaal im tiefsten rheinischen Dialekt die Fernsehwerbung nachspielte.

Lehrstück über Nutzwertjournalismus

Kowalskis Buch ist nicht nur ein Stück über die Menschen in der Redaktion und die Leser. Es ist auch ein Lehrstück für den bei der Gründung von FOCUS propagierten Nutzwertjournalismus. Beim SPIEGEL sehen die Redakteure sich - so wird kolportiert - als „kleine Kaiser von China", die huldvoll und mit spitzen Fingern Anregungen ihrer Leser zur Kenntnis nehmen und es bevorzugen, auf Empfängen mit den Großen aus Politik und Wirtschaft auf Augenhöhe zu parlieren. Der als besonders anstrengend geltende Nutzwertjournalismus gilt den Hamburgern immer noch als unerwünscht.

Die Publikation von Matthias Kowalski, der in den vergangenen 20 Jahren Karrierechancen ausschlug, wenn sie nicht in seine Lebensplanung passten, stets sorgfältig recherchierte und den in einem großen Magazin mitunter auftretenden journalistischen Verlockungen konsequent auswich, ist eine erfrischende Lektüre für alle, die sich für Journalismus interessieren und nachvollziehen wollen, was hinter den Kulissen eines Blatten vor sich geht. Ein Blick durchs Schlüsselloch.

Die Warnung, die Kowalski seinem Buch vorwegstellt, ist ernst zu nehmen: „Vorsicht Lesensgefahr!"

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Matthias Kowalski

Fakten. Fakten. Fakten. Leser, Reaktionen & Redaktion: Das Beste aus 20 Jahren Magazin FOCUS

196 Seiten, Paperback 24,90 EUR

ISBN 9781540638625

Oder als eBook der Kindle Edition

Verlag: CreateSpace Independent Publishing