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18/11/2015 10:56 CET | Aktualisiert 18/11/2016 06:12 CET

Tugenden eines ehrbaren Aufsichtsrates

The India Today Group via Getty Images

Viel ist in letzter Zeit über die Tugenden des ehrbaren Kaufmanns zu hören. Nicht zuletzt deshalb, weil sich in der Öffentlichkeit das Bild verfestigt, dass es im Unternehmens-, Vereins- oder Verbandshandeln nicht immer ehrbar zugeht. Insofern kommt eine Publikation, die sich - abgewandelt - mit den Tugenden eines ehrbaren Aufsichtsrats befasst, gerade gelegen.

Der Autor Rudolf X. Ruter, ehemals Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Arthur Anderson und später Partner bei Ernst & Young (heute kurz EY) scheint mit seiner knapp 40-jährigen Erfahrung als Wirtschaftsprüfer und Steuerberater ein glaubwürdiger Autor für das Thema zu sein. Es scheint nur so.

Der ehrbare Aufsichtsrat

Denn bereits im Vorwort gibt Ruter die Richtung vor: „Der Band versucht kurz und prägnant Leitlinien und Orientierungspunkte für den ehrbaren Aufsichtsrat und seiner Aufsichtsverantwortung aufzuzeigen.

Leitplanken in Anlehnung historisch überlieferter, allseits bekannter, im Alltag nicht immer bewusst gelebter Tugenden - ohne philosophischen Diskurs, ohne Rangfolge, Gewichtung, Wettkampf der Tugenden untereinander oder gar »Tugend-Terror« auszulösen.

Leitlinien ohne wissenschaftliche Begründung und Ableitung ihrer tatsächlichen Bedeutung und unterschiedlichen privaten und unternehmerischen Lebenssituationen. Angereichert mit mehr oder weniger ernst zu nehmenden Weisheiten ... soll dieser Band inspirieren und mit einem Schmunzeln lesbar sein."

Ein so aktuelles Thema, bei dem tatsächlich ein Diskussionsbedarf besteht, auf kaum mehr als eine Aneinanderreihung von Zitaten von Hermann Josef Abs und Aristoteles über Ringelnatz bis hin zu XING, YouTube und Zarathustra zu bringen, wird der Tragweite des Themas in keinster Weise gerecht.

Wobei das Bändchen schließlich in dem Zitat gipfelt „Wir können in Deutschland stolz auf unsere ehrbaren Aufsichtsräte sein." Da hierzu keine Quelle angegeben ist und noch nicht einmal ein Anonymus ausgewiesen wird, ist davon auszugehen, dass es sich um ein Ruter-Selbstzitat handelt. Etwas peinlich sollte dem Autor auch sein, dass Anselm Bilgri als Vordenker für Managementtugenden empfohlen wird. Da hätte der Autor besser recherchieren sollen.

Keine Zeile zum Versagen in der Finanzkrise

Dass in den letzten 15 Jahren gegen die aufgezählten Tugenden nachweislich in zahlreichen Aufsichtsräten verstoßen wurde, stört den Autor in keinster Weise. Keine Zeile zum Versagen diverser Aufsichtsräte in der Finanzkrise, kein Wort zu Enron. Ruter empfiehlt lapidar: „Sollte der Leser sich dafür mehr interessieren, muss er auf andere Publikationen bzw.

auf die täglichen Meldungen in den bekannten Medien zurückgreifen". Der Gedanke, dass Wirtschaftsprüfer und Steuerberater dabei mit in der Verantwortung standen und gerade diese gegenüber der Öffentlichkeit in der Pflicht stehen, scheint dem Autor völlig abwegig.

Und wenn ein solches Bändchen „inspirieren" soll, dann könnte man erwarten, dass ein in dem Thema versierterer Wirtschaftsprüfer sein Buch mit anonymisierten Anekdoten und Erlebnissen anreichert, wie es vor allem US-Autoren bei Management-Themen zu tun pflegen. Doch weit gefehlt.

Der Autor verzichtet konsequent darauf, interessante Bezüge zum Wirtschaftshandeln darzustellen. So ein Werk kann nur jemand veröffentlichen, der keinerlei schreiberischen Selbstzweifel kennt und der nicht auf die Idee kommt, dass man Leser auch mit Fakten unterhalten kann. Der Nutzwert des Werks mag darin liegen, gelegentlich bei Tischreden mit Aphorismen zu brillieren.

Rudolf X. Ruter

Tugenden eines ehrbaren Aufsichtsrats - Leitlinien für nachhaltiges Erfolgsmanagement

Berlin, Erich Schmidt-Verlag, 2016 (laut Impressum)

ISBN 978-3-503-16562-9

Preis: 29,95 EUR

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