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15/04/2016 05:35 CEST | Aktualisiert 16/04/2017 07:12 CEST

In der Not frisst der Teufel Fliegen

HOANG DINH NAM via Getty Images

In der Not frisst der Teufel Fliegen, sagt der Volksmund. Ob es die Not sein wird oder nicht viel eher die Vernunft, wenn Insekten als Nahrungsmitteln eine immer größere Bedeutung erhalten, wird die Zukunft zeigen.

Im Jahre 2050 werden sich laut Prognose der UNO rund neun Milliarden Menschen auf dem Globus drängeln. Das wird nicht nur in jenen Regionen zu Nahrungsmittelengpässen führen, die heute schon am Ende der Skala gesicherter Ernährung stehen.

Es wird auch Regionen betreffen, die über gute Böden, ausreichend Wasser und hinreichendes Wissen verfügen, landwirtschaftliche Nahrungsmittel effizient zu produzieren und logistisch zu den Abnehmern zu bringen.

Derzeit produzieren die Landwirte auf der Erde jährlich 525 Millionen Tonnen pflanzliches Proteine, die etwa in Mais, Reis, Weizen oder Soja enthalten sind. Wenn sich der Trend zu einem wachsenden Fleisch- und Fischkonsum fortsetzt, werden nach Berechnungen der Schweizer Bühler Gruppe bis 2050 zusätzliche 265 Millionen Tonnen Eiweiß, die geläufigere Bezeichnung für Proteine, pro Jahr benötigt. 50 Prozent des Mehrbedarfs könnte durch die Eliminierung von Verlusten wettgemacht werden.

Um den weiteren Bedarf zu decken, werden alternative Eiweißlieferanten wie Hülsenfrüchte, Algen oder Insekten schon bald eine Schlüsselrolle für die Ernährung von Menschen und ganz besonders auch von Tieren spielen.

Inzwischen stellt sich die Industrie auf die Veränderungen ein, die am Nahrungsmittelmarkt zu erwarten sind. Wird der Markt für pflanzliche, proteinreiche Lebensmittelzutaten heute noch von Sojaproteinen und Gluten dominiert, so wird er sich in den nächsten Jahren deutlich diversifizieren. Industrielle Verarbeitungslösungen müssen dann sicherstellen, dass der Eiweißbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung auch in Zukunft gedeckt sein wird.

Mit Wissenschaft und Technik gegen den Welthunger

Im Rahmen einer Kooperation unterstützt Bühler, eines der weltweit führenden Maschinenbauunternehmen und Marktführer bei industriellen Verfahren in der Getreideverarbeitung für Mehl und Futtermittel, die neu geschaffene Professur für nachhaltige Lebensmittelverarbeitung am Institut für Lebensmittelwissenschaft, Ernährung und Gesundheit der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich, die dem World Food System Center angeschlossen ist.

„Wir brauchen innovative Ansätze in der Eiweißproduktion und -verarbeitung. Andernfalls drohen unsere Landwirtschaftssysteme zu kollabieren", beschreibt der Inhaber des Lehrstuhls, Professor Alexander Mathys, die Zukunftsaufgabe.

Die Vorteile von Algen und Insekten als Proteinlieferanten seien offenkundig. Bei der Konzeption von integrierten Bioraffinerien für ihre Aufzucht und Verwertung sei es wichtig, bereits in einem frühen Stadium mit Technologiefirmen wie Bühler zusammenarbeiten, erklärt Mathys.

Der Uzwiler Technologiekonzern will in der Kooperation mit der ETH „die Grundlagen schaffen, um alternative Eiweißquellen wie Hülsenfrüchte, Algen und Insekten für eine nachhaltige Ernährung von Mensch und Tier industriell nutzbar und für die Konsumenten attraktiv zu machen", erläutert Ian Roberts, der Chief Technology Officer von Bühler.

Überraschende Lösungen

Wie sich allerdings Algen- oder Insektenproteine in industriellen Mengen züchten, extrahieren und verarbeiten lassen, das muss im industriellen Prozess erprobt werden. Dabei kommen auch Technologien zum Einsatz, die Bühler bisher nicht in der Lebensmittelverarbeitung eingesetzt hat. So hat sich die Nassmahltechnik als die kosteneffizienteste mechanische Methode in der Weiterverarbeitung von Algen herausgestellt.

Sie ermöglicht ein besonders schonendes Öffnen der zähen Zellwände, um alle wertvollen Bestandteile zu extrahieren und zu separieren. Und im chinesischen Wuxi errichten die Schweizer gerade im mit einem Partner eine Pilotanlage für die industrielle Verarbeitung von Fliegenlarven und Mehlwürmern.

Das Ziel ist die Herstellung von Insektenmehl als Ersatz für Fischmehl sowie die Gewinnung eines hochwertigen Fettes, das über ähnliche Eigenschaften wie Palmkernöl verfügt.

Die Aversion der Europäer gegen Insekten als Nahrung ist übrigens erst neueren Datums. In Kochbüchern durften bis vor rund 150 Jahren regionale Gerichte wie Maikäfersuppe nicht fehlen. Und schon Hildegard von Bingen empfahl Ameisensuppe als Mittel gegen Verschleimung.

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