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18/10/2015 09:31 CEST | Aktualisiert 18/10/2016 07:12 CEST

Geteilte Geschichte - 25 deutsch-deutsche Orte und was aus ihnen wurde

ullstein bild via Getty Images

Für das Buch „Geteilte Geschichte", das der Berliner Ch. Links Verlag zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung veröffentlichte, suchten die Journalisten Ingolf Kern und Stefan Locke 25 deutsch-deutsche Orte auf, „an denen die Gemeinsamkeit, aber auch der Irrsinn der Teilung sichtbar wurden."

Die Auswahl reicht vom ehemals geteilten Dorf Mödlareuth über das Aufnahmelager Gießen (in dem DDR-Flüchtlinge Quartier fanden), das Aufnahmelager Molkenberg (das für die nicht ganz so zahlreichen West-Flüchtlinge reserviert war), die inzwischen abgerissene legendäre Kölner Sporthalle - in der Wolf Biermann das Konzert gab, das zu seiner Ausbürgerung führte - ein Sonnenblumenfeld im ungarischen Sopron - wo unweit des Plattensees im Sommer 1989 „das Ende der Teilung Europas begann" - bis zum Priwall, einer Landzunge, die zur Hansestadt Lübeck gehört und im Osten an Mecklenburg grenzt.

Déjà-vu-Erlebnisse

Die Geschichten zur jüngsten Zeitgeschichte erzeugen beim Lesen Déjà-vu-Erlebnisse. Werden sich doch viele in der einen oder anderen Form an die geschilderten Ereignisse und Orte, wenn nicht durch eigenes Erleben, so zumindest über die Berichte in den Medien erinnern.

Die beiden Autoren sind als DDR-Bürger zur Welt gekommen, haben die Wiedervereinigung in jungen Jahren miterlebt und sich als Journalisten einen offenen Blick für die deutsch-deutsche Geschichte erworben. Ingolf Kern wurde 1966 in Bad Muskau geboren und war unter anderem Feuilletonredakteur bei der Welt und der FAZ.

Seit 2014 ist er Direktor der Abteilung Medien und Kommunikation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der Journalist Stefan Locke wurde 1974 in Bautzen geboren und schreibt Reportagen, Interviews und Porträts für die FAZ, die FAS, Cicero und ZEIT.

ZDF-Korrespondentenbüro

„Geteilte Geschichte" unterhält mit einer Fülle unvergesslicher Episoden aus der jüngeren deutsch-deutschen Geschichte, die aus einer interessanten neuen Perspektive beleuchtet werden. Überraschend war für mich die Aufnahme des ZDF-Korrespondentenbüros in der Ost-Berliner Clara-Zetkin-Straße in die Liste dieser Schicksalsorte. Damit verbunden ist eine Hommage der Autoren an den früheren ZDF-Moderator Gerhard Löwenthal.

Der damals als kalter Krieger verteufelte Journalist erreichte mit der 14-tägig ausgestrahlten Sendung „ZDF-Magazin" bis zu 18 Millionen Fernsehzuschauer in Ost- und Westdeutschland. Mit seinem beharrlichen Kampf gegen Unrecht, Willkür und Diktatur nervte er nicht nur die führenden SPD-Köpfe, denen er ein böswilliger Störfaktor im Entspannungsprozess mit dem Osten war. Den DDR-Oberen war die Redaktion ein ständiger Dorn im Auge. Zehn Videokameras filmten jeden, der das Studio betrat und wieder verließ.

„Die Feindzentrale"

ZDF-Redakteur Christhard Läpple berichtete später in dem zweiteiligen Film „Die Feindzentrale", dass von der DDR-Justiz gegen Löwenthals Studiogäste insgesamt 672 Ermittlungsverfahren eingeleitet und mehr als 1.000 Jahre Haft verhängt wurden. In den Stasi-Unterlagen stießen Kern und Locke auf 235 Berichte über die Löwenthal-Redaktion von fünfzehn IMs, die nach Wissen der beiden Journalisten bis heute vom ZDF nicht ermittelt wurden.

Bei ihren Recherchen fiel den Autoren auch auf, dass sich das ZDF bis heute nicht für die Einzelschicksale der verurteilten Studiogäste interessiert. Löwenthal, der für die DDR-Zuschauer einen ganz anderen Stellenwert hatte als für die der Bundesrepublik, wird bis heute für seinen unbequemen und geradlinigen Journalismus wenig Ehre zuteil.

Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter

Eine fulminante Würdigung wird der Zentralen Beweismittel- und Dokumentationsstelle der Landesjustizverwaltungen in Salzgitter, der sogenannten Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter (ZES), zuteil. Die ZES erfasste 42.000 Gewaltakte in der DDR, 2.700 Misshandlungen im DDR-Strafvollzug und über 34.000 Verurteilungen aus politischen Gründen sowie sämtliche 270 Todesfälle an der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze.

Für viele DDR-Inhaftierte war es wichtig zu wissen, so Kern und Locke, dass sie nicht vergessen wurden und das ihnen zugefügte Unrecht in den Salzgitterakten dokumentiert wurde. Den DDR-Institutionen war die ZES ein ständiges Ärgernis, das als Relikt des Kalten Krieges diffamiert wurde.

„Mode der Zeit"

1989, kurz vor dem Fall der Mauer, drehten die SPD-Ministerpräsidenten den Geldhahn zu. Einer der Hauptverantwortlichen, der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Walter Momper kommentierte die Senatsentscheidung später lapidar mit: „Das war damals eine Mode der Zeit". Gegen den Strom schwimmen ist immer schwerer. Björn Engholm, als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Salzgitter mitverantwortlich für den Beschluss, würde diesen aus heutiger Sicht überdenken.

Eine für Ost und West gleichermaßen wichtige Adresse war das Haus Reiler Straße 4 in Berlin-Friedrichsfelde. Hier war die Kanzlei des nach allen Seiten bestens verdrahteten und blendend verdienenden DDR-Staranwalts Wolfgang Vogel. Im Ost-West-Geschehen nahm er eine Schlüsselrolle ein, weil er sowohl zu Honecker, als auch zu Wehner, Schmidt und Weizsäcker Zugang hatte. Er organisierte den Freikauf von DDR-Inhaftierten und fädelte den Deal Reisefreiheit gegen Westmark ein.

Ost-West-Perspektive

In „Geteilte Geschichte" nehmen die beiden Journalisten die Leser mit ihrer Ost-West-Perspektive auf eine Bild- und ereignisreiche Reise, die auch mit Kuriositäten und Verrücktem aufwartet - im wahrsten Sinne des Wortes.

So die Episode über den ersten Golf, der in Jena nach der Wende stolz von seinem neuen Eigentümer in Empfang genommen wurde. Möglich wurde dies durch ein Tauschgeschäft: 10.000 VW-Golf aus Wolfsburg gegen das Jenaer Planetarium, das heute in Wolfsburg zu finden ist.

Oder die Geschichte über Michael Kohl, der als Leiter der Ständigen Vertretung in Bonn, 1975 das Bonner Prinzenpaar nicht, wie es Brauch wäre, als „Teure Tollitäten" willkommen hieß, sondern als „Eure Totalitäten".

„Geteilte Geschichten" erzählt vom Aufstieg und Fall die DDR mit 50 Mitarbeitern nach Preziosen abgraste, die er ab 1969 über „Antikhandel Pirna" verkaufte - an Käufer in Ost und West. So brachte er es in nur einem Jahr durch den Antiquitätenhandel zum Ostmark-Millionär. Der Handel lief so gut, dass 1971 Alexander Schalck-Golodkowski und die Kommerzielle Koordinierung (KoKo) die Hand nach dem geschäftstüchtigen Sachsen ausstreckten.

Zu gute Geschäfte

Möglicherweise liefen die Geschäfte auch zu gut. Die Hintergründe, warum im April 1974 die Stasi mit einem Haftbefehl kam und die Kaths gegen vollkommenen Vermögensverzicht zur Ausreise nötigte, wurden nie aufgeklärt. Das Buch erinnert an die Sünden - wie „die Wessis" ihren „armen Brüdern und Schwestern im Osten" auf der Deponie Schöneich ihren Sondermüll aufhalsen wollten.

Und es erzählt vom Priwall, der Ost-West-Landzunge an der Lübecker Stadtgrenze mit seinem FKK-Strand und interessiert observierenden Vopos im Wachturm. Diese kuriosen Fußnoten werden mit dem Buch von Kern und Locke dauerhaft die deutsche Geschichte bereichern.

Ingolf Kern, Stefan Locke

Geteilte Geschichte - 25 deutsch-deutsche Orte und was aus ihnen wurde

Umfang: 271 Seiten

Berlin, Christoph Links Verlag, 2015

ISBN 978-3-86153-845-5

Preis: 22,00 EUR

Video: Die geheimsten Orte bei Google Maps