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29/02/2016 11:55 CET | Aktualisiert 01/03/2017 06:12 CET

Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde

duncan1890 via Getty Images

Das Leben Shakespeares ist eine sagenhafte Erfolgsstory. Der Theatergruppe, an der er beteiligt war, gelang es, "Tag für Tag etwa 1500 bis 2000 zahlende Besucher in das hölzerne Rund des Schauspielhauses (zu) locken, und die Konkurrenz von seiten konkurrierender Truppen war gross."

William Shakespeare ist vermutlich der bekannteste Dramatiker aller Zeiten, doch über sein Leben wissen wir so gut wie nichts. In Stratford-upon-Avon geboren, dort eine Familie gegründet, nach London gegangen, wo er Schauspieler und Schriftsteller wurde, zurückgekehrt nach Stratford-upon-Avon, dort sein Testament gemacht und gestorben. Das war's dann auch schon. Fast.

Ja, es gibt Dokumente. Etwa hundert, in denen Shakespeare und seine unmittelbare Familie erwähnt werden. Das ist nicht wenig, doch Dokumente sagen nun mal nicht gerade viel über das Innenleben eines Menschen aus.

Angesichts dieser Sachlage erstaunt es nicht wenig, dass da einer daher kommt und ein 500 Seiten-Buch vorlegt, indem er aufzeigen will, wie Shakespeare zu Shakespeare wurde. Der Mann heisst Stephen Greenblatt und ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur und Sprache an der Universität Harvard.

Dazu passend: William Shakespeare - das bedeutet das witzige Google Doodle

Sein Will in der Welt. Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde (Pantheon Verlag, München 2015), ist höchst faszinierend. "Ein Meisterwerk der Spekulation", hat es 'Die Zeit' zu Recht genannt. Da kein Brief von ihm erhalten geblieben ist und niemand weiss, ob die wenigen erhaltenen Porträts, die ihn angeblich darstellen sollen, wirklich Shakespeare zeigen, war nicht nur detektivischer Scharfsinn, sondern auch viel historisches Wissen gefragt, um dieses Werk zu schreiben.

Wie und was wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts unterrichtet, was für eine Bedeutung hatte damals das Königshaus, die Religionszugehörigkeit, das Theater etc? Von der Beantwortung solcher und ähnlicher Fragen schloss Greenblatt auf Shakespeare, von dem er annimmt, dass er wie jeder und jede andere auch, zumindest teilweise, auch ein Kind seiner Zeit ist.

Greenblatt zieht jedoch nicht nur Rückschlüsse aus der Historie, sondern ebenfalls aus Shakespeares umfangreichem Werk. Dabei vermeidet er direkte Zusammenhänge, denn: "Kunst geht selten so durchsichtig aus den Lebensverhältnissen hervor, und sie wäre weit weniger überzeugend, wenn sie es täte."

Will in der Welt. Wie Shakespeare zu Shakespeare wurde ist reich an spannender Aufklärung. Einerseits hinsichtlich der grösseren historischen Zusammenhänge, anderseits bezüglich Shakespeares Familienverhältnissen. Dabei legt Greenblatt immer offen, ob er (aus Gründen, die er aufführt) Vermutungen anstellt oder etwas sicher weiss.

Ob Shakespeares Eltern lesen (vermutlich) und schreiben (eher nicht) konnten, ist zum Beispiel nicht gesichert. Hingegen weiss man, dass Shakespeare im Alter von 18 Jahren die 26jährige Anne Hathaway heiratete und dass dies ungewöhnlich war, denn "Frauen waren zu jener Zeit im Durchschnitt zwei Jahre jünger als ihre Ehemänner. Die Ausnahmen fanden sich gewöhnlich in den Oberschichten, wo Eheschliessungen in Wirklichkeit Eigentumstransaktionen zwischen Familien waren ...".

Stephen Greenblatt weist unter anderem auch darauf hin, dass sich Shakespeare während seiner ganzen Laufbahn immer wieder Gedanken über die Trunkenheit gemacht hat. "Er brachte den Abscheu zum Ausdruck, den Hamlet so beredt formuliert. Doch er war auch fasziniert von der köstlichen Torheit, dem überschäumenden Witzereissen, dem liebenswürdigen Unsinn, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Anstand, den aufblitzenden Einsichten, der magischen Auslöschung der Sorgen der Welt."

Woher kommt diese Haltung? Könnte es sein, fragt sich Greenblatt, dass Shakespeares Vater, angesichts seines beruflichen und finanziellen Niedergangs, in den Alkohol flüchtete? "Trank sich der Mann, der 1557 als Städtischer Ale-Koster amtierte, in tiefe persönliche Probleme?"

"Wir wissen nicht - wir raten", hat Karl Popper einmal gesagt. Und so sehr das zutrifft, so gibt es doch Unterschiede, was die Qualität des Ratens angeht. Stephen Greenblatts Raten in Sachen Shakespeare geschieht auf höchst informiertem Niveau, zeigt seine Quellen auf und ist nachvollziehbar. Will in der Welt ist eine Einladung, ihm beim Denken zuzusehen.

Man sollte sie annehmen, denn eine gelehrtere, scharfsinnigere und enthusiastischere Biografie ist schwer vorstellbar. Was natürlich auch an seinem Gegenstand, William Shakespeare, liegt. "Bei ihm handelte es sich um einen Künstler, der praktisch von allem Gebrauch machte, was ihm in den Weg kam."

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