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16/04/2016 08:59 CEST | Aktualisiert 17/04/2017 07:12 CEST

Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt

Dirk Koch, Jahrgang 1943, zwischen 1973 und 1997 Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros in Bonn, geht mit den heutigen Journalisten hart ins Gericht. "Es wird zu wenig und zu wenig gut recherchiert. Klingt wie 'Früher war alles besser' und wie 'Achtung, hier spricht der Herr Oberlehrer'? Soll so klingen. Sonst passt keiner auf." Es ist eher umgekehrt: so passt fast garantiert keiner auf. Doch das wäre schade.

"Politik ist überall interessant, wo Gewählte und Beamte, Parteifunktionäre und Gewerkschaftsbosse über das Schicksal der Bürger, über das Leben von Millionen entscheiden. Warum wird nicht gründlicher der Keller dieser Gesellschaft ausgeleuchtet?", fragt Koch in Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt (Westend Verlag, Frankfurt am Main 2016).

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

Anstatt zu versuchen, seine eigene Frage zu beantworten, erzählt er Geschichten von früher, Geschichten, bei denen er dabei gewesen ist, Geschichten, von denen nicht wenige spannend und häufig amüsant sind und inspirieren können.

Dirk Koch ist ein guter Erzähler, tritt für einen engagierten Journalismus ein und profiliert sich entsprechend. An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht, doch auch wenn man Eitelkeit als Voraussetzung für Medienberufe begreift, dass fast alle Fotos im Buch ihn mit sogenannten wichtigen Persönlichkeiten (meist Politiker) zeigen, befremdet. Umso mehr, wenn man, wie ich, von Politikern eher wenig beeindruckt ist.

Journalismus ist nicht unwesentlich Klatsch.

Man berichtet von dem, was man gehört hat. Und manchmal auch selber erlebt hat. Dirk Koch plädiert dafür, es sich nicht bequem zu machen, Kontakte zu knüpfen, miteinander zu reden, vor Ort zu gehen.

Eine der für mich absonderlichsten Geschichten erlebte er in Kinshasa, als er den Diktator Mobutu Sese Seko wegen Waffenlieferungen aus der Bundesrepublik Deutschland befragen wollte. Nach Tagen des Wartens wird er und seine Kollegin vom zairischen Außenminister persönlich zu Mobutu gefahren. Die Strasse zum Palast wird von Soldaten gesichert, der Außenminister muss sich zweimal einer Leibesvisite unterziehen, die beiden deutschen Journalisten nicht ...

Der ambulante Schlachthof ist nicht nur der Titel dieses Erinnerungsbuches, sondern auch die Bezeichnung, mit der Helmut Kohls Medienberater Gerd Bacher das Investigativ-Duo Klaus Wirtgen und Dirk Koch seinem Chef vorgestellt hat.

Wie gesagt, Journalismus ist nicht unwesentlich Klatsch. Und der ist häufig anregend und kurzweilig, obwohl man manchmal auch gern auf ihn verzichten würde. Hin und wieder ist er aber eben viel aufschlussreicher als viele noch so gescheiten Berichte und Analysen.

"Wir hatten in allen Minesterien, in fast allen Parlamentsgremien unsere Informanten."

"Die lange Reihe derer, die sich von Kohl abgewandt hatten, reichte hin bis zu seiner Frau Hannelore. Beim Tanzen auf einer Festlichkeit, zu der Kohl in seiner Zeit als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident eingeladen hatte, sagte Hannelore Kohl: 'Wissen Sie, worauf ich stolz bin in meinem Leben? Dass ich meine Kinder alleine großgebracht habe, ohne den da', und wies mit dem Kopf auf den beim Wein sitzenden Gastgeber hin."

Wie kam es, dass Der Spiegel immer mal wieder aufregende, die damalige Republik erschütternde Geschichten publizieren konnte? "Wir hatten in allen Parteien, in allen Ministerien, in fast allen Parlamentsgremien unsere Informanten. Mal wussten wir was über die und haben sie geschont, wenn sie brav und gut lieferten."

"Mal waren sie so zerstritten untereinander, hatten die solch einen Rochus aufeinander, so dass sie uns frei Haus streng vertrauliche Informationen zugeschoben haben, nur um ihren Feinden zu schaden."

Der ambulante Schlachthof oder Wie man Politiker wieder das Fürchten lehrt ist nicht nur exzellenter Journalismus, sondern auch gelungene Aufklärung. Ich bin selten unterhaltsamer desillusioniert worden.

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