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20/12/2016 19:02 CET | Aktualisiert 16/12/2017 06:12 CET

Wie ich loszog, Cowboy zu werden, und zu mir selbst fand

Louise Jacobs, geboren 1982 in Zürich, kommt mit der Schweizer Perfektion nicht zurecht, zieht mit achtzehn nach Berlin, fühlt sich befreit. "In Berlin war ich am richtigen Platz."

Vierzehn Berliner Jahre später fühlt sie sich leer, unendlich leer. Und denkt an das Land ihrer Sehnsucht, den Wilden Westen. In ein Leben als Aussenseiter im Wilden Westen hat sie sich während ihrer Kindheit hinein geträumt. Ich kenne das. Bei mir war es nicht der Marlboro-Mann, bei mir waren es die Indianer.

Und dann, während eines Aufenthalts in Arizona, packt sie die Countrymusik. "Ich fand mein Schicksal in den Songs wieder."

Zurück in Berlin schreibt sie weiter an ihrem Künstlerroman, taucht mit grosser Genugtuung in das Leben und Schaffen von Goya, Klimt, Velázquez, Delacroix und de Kooning ein. Doch sie fühlt sich gehetzt, getrieben von der Angst, dieses Buch, ihr zweites, niemals zu Ende zu bringen.

Doch sie bringt es zu Ende, es wird gedruckt, doch zwei Wochen vor Erscheinen wird das Verlagshaus verkauft und der Vertrieb des gesamten Verlagsprogramms eingestellt. Was sollte sie jetzt tun, sie, die sich in Berlin, als Deutsche unter Deutschen nicht heimisch fühlte? Sie stösst auf Berichte und Auswandererführer, auf Briefe und Geschichten aus der Neuen Welt und diese führen sie wieder zu ihrer Cowboy-Sehnsucht zurück.

Cowboy-Sehnsucht

Sie macht sich auf nach Montana, erfährt dort die Naturgewalten. "Masslose Wolken mit schwarzen Unterleibern jagten in zwei übereinanderliegenden Schichten nach Osten. Zwischendurch zerriss der Wind die dichte Decke und legte ein Stück blauen Himmel frei, dann schloss sich die Lücke wieder, und Regentropfen zerplatzten auf der Frontscheibe des Wagens, in dem ich sass."

Sie erlebt sich neu, staunt, ist fasziniert, fühlt sich frei und bei sich. "Ich schaute zum Fenster hinaus und fühlte mich still und klar - ein Gefühl, das manche nur in der Meditation erfahren können. Mir reichte Montana."

Sie trifft auf Patrick, sie machen viel zusammen, er macht ihr einen Heiratsantrag, besucht sie in Berlin. "Irgendwann erzählte er mir, dass er eine Borderline-Diagnose hatte. Er nehme keine Medikamente mehr, sagte er, die hätten ihn nur fett gemacht. Doch immer öfter fing er aus heiterem Himmel an, mit mir die Auseinandersetzung zu suchen."

Sein Verhalten wird zunehmend aggressiver, seine Stimmungsschwankungen heftiger, seine Eifersuchtsanfälle und Wahnvorstellungen häufen sich. "Ich war hilflos, ich konnte mich nicht gegen ihn wehren." Nach neun Monaten Beziehung trennen sie sich. "Es war ein Ende mit Schrecken. Mir wurde in dem Moment bewusst, dass meine Naivität und Abenteuerlust ein für mich bedrohliches Ausmass angenommen hatten."

Sich selbst ändern

Keine Vorwürfe an Patrick, keine Schuldzuweisungen; Louise Jacobs sucht den Fehler für das Scheitern ihres Montana-Traums bei sich und genau dies ist es, was Louise sucht das Weite (Knaur Verlag, München 2016) zu einem starken Buch macht. Ihr wird klar, dass sie, um ihren Traum leben zu können, sich selbst ändern muss.

Sie lässt Berlin hinter sich, in Vermont verliebt sie sich, heiratet und lernt an der Cornell University das Hufschmiedehandwerk, die Voraussetzung für ein Leben als Cowboy.

Louise Jacobs hat sich von ihrem Traum nicht abbringen lassen und die Vorstellung vom Cowboy-Leben durch das Cowboy-Leben selbst ersetzt.

Louise sucht das Weite macht Mut aufs Leben!