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12/09/2015 13:49 CEST | Aktualisiert 12/09/2016 07:12 CEST

Wenn Männer mir die Welt erklären

thinkstock

Soll ich wirklich ein Buch lesen, das heisst: "Wenn Männer mir die Welt erklären"? Richtet sich das nicht eher an Frauen? Bin ich da als Mann nicht das falsche Zielpublikum? Und überhaupt, das klingt schon sehr nach einem Identifikationsbuch für Feministinnen, andererseits ist es von Rebecca Solnit und von der habe ich bislang nur wirklich Erhellendes gelesen.

Hilary Mantel hat in ihrem "Von Geist und Geistern" (DuMont, Köln 2015) darauf hingewiesen, "warum wir so unbedingt eine feministische Bewegung brauchten. Das war der Grund: Damit dich nicht irgendein talentloser Trottel in einem Nylonhemd bevormunden konnte, während die Pickeljungs um dich herum grienten und kicherten und sich bei ihm einzuschmeicheln versuchten."

Feminismus, meinte die Autorin Marie Sheer 1986, sei "die radikale Vorstellung, dass Frauen Menschen sind." Eine Vorstellung, so Rebecca Solnit, "die noch keineswegs überall akzeptiert ist, sich aber stetig verbreitet."

Um der gängigen, vorhersehbaren und zu erwartenden Kritik vorzubeugen, hält sie gleich auf den ersten Seiten unmissverständlich fest: "Ich bin natürlich der Ansicht, dass auch Frauen anderen manchmal auf herablassende Weise Dinge erklären, nicht zuletzt Männern. Aber das sagt nichts über das Machtgefälle, das noch unheilvollere Formen annehmen kann, oder über das Muster, nach dem das Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft im Allgemeinen funktioniert."

"Wenn Männer mir die Welt erklären" (Hoffmann und Campe, Hamburg 2015) ist übrigens ganz unterschiedlichen Menschen gewidmet. "Für die Grossmütter, die Gleichmacherinnen, die Träumenden, die Männer, die begreifen, die jungen Frauen, die dranbleiben, die älteren Frauen, die den Weg bereitet haben ...".

Rebecca Solnit "will nicht auf Männern herumhacken. Ich bin einfach der Ansicht, wenn wir zur Kenntnis nähmen, dass Frauen insgesamt erheblich weniger gewalttätig sind, liesse sich auf fruchtbare Weise ergründen, woher Gewalt kommt und war wir dagegen tun können."

"Wenn Männer mir die Welt erklären" liefert höchst informative und notwendige Aufklärung. Wussten Sie, dass die Haupttodesursache von schwangeren Frauen in den USA die Ehemänner sind? Oder, dass es in den Vereinigten Staaten jährlich Zehntausende Vergewaltigungsopfer gibt?

Überzeugend argumentiert Rebecca Solnit, "dass Gewalt in erster Linie autoritär ist". Damit ist gemeint, dass derjenige, der gewalttätig wird, glaubt, dazu berechtigt zu sein. Dieser Machtanspruch gründet in Angst und Wut. "Es ist ein System der Kontrolle. Deshalb sind so viele Mordopfer ausgerechnet Frauen, die es wagen, sich von ihrem Partner zu trennen."

Bei den Essays in diesem Buch handelt es sich um überarbeitete Versionen von bereits veröffentlichten Texten. Einer davon hat Dominique Strauss-Kahn und den IWF zum Thema. "Der ausserordentlich mächtige Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), einer globalen Organisation, die Massenarmut und wirtschaftliche Ungerechtigkeit verursacht, hat angeblich in der Luxussuite eines New Yorker Hotels ein Zimmermädchen, eine afrikanische Einwanderin, zu vergewaltigen versucht."

Wir wir heute wissen, ist für einmal der Mächtige nicht ungeschoren davongekommen. Dass die Polizei dieser Frau in New York glaubte, dass weder die Karriere eines mächtigen Mannes noch das Schicksal des IWF als wichtiger galten als die Rechte und das Wohlergehen dieser Frau, spricht sehr für die USA.

Der mir liebste Text ist Virginia Woolf gewidmet, ein Plädoyer dafür, das Unerklärliche zu bejahen. "Woolf hat uns die Grenzenlosigkeit gegeben, die sich nicht fassen lässt, die man sich aber unbedingt zu eigen machen will, fliessend wie Wasser, endlos wie das Verlangen, ein Kompass, um die Orientierung zu verlieren."

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