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25/09/2015 11:12 CEST | Aktualisiert 25/09/2016 07:12 CEST

Was Therapeuten falsch machen

Thinkstock

"Der Kunst der Gesprächsführung und dem erfolgreichen Umgang mit kleineren Fehlern oder Schnitzern, die eine Beziehung belasten können, wird nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt", schreibt Arnold A. Lazarus, emeritierter Professor für Psychologie an der Rutgers University im Vorwort zu "Was Therapeuten falsch machen" (Klett-Cotta, Stuttgart 2015).

Das erstaunt nicht wirklich, denn das Ziel akademischer Ausbildungen ist die Erlangung eines offiziell anerkannten Diploms und nicht die Befähigung zur Hilfeleistung bei realen Problemen.

"Der vielleicht beste Rat, den ich erhielt", schreibt Lazarus, "kam von einem Supervisor während meiner Assistenzzeit an einer Tagesklinik in London. 'Sei du selbst', sagte er, 'aber überprüfe deine Gefühle.'" Zweifellos ein guter Rat, doch das ausgebildete Therapeuten nicht selber drauf kommen, erstaunt schon etwas.

"Wir sind zutiefst überzeugt, dass Behandlungsentscheidungen auf den besten verfügbaren Forschungsergebnissen basieren sollten", schreiben die Autoren von "Was Therapeuten falsch machen", Bernard Schwartz und John V. Flowers.

Wer würde da auch widersprechen wollen? Nur eben: diese Überzeugung gründet in der Annahme, dass die therapeutische Arbeit eine von der Wissenschaft geprägte und damit messbar sei. Ich teile diese Auffassung nicht, halte standardisierte Vorgehensweisen für ungeeignet, um seelische Leiden zu behandeln.

Gleichzeitig finde ich Forschungsergebnisse oft nützlich. "Theoretische Ansätze sind kein 'religiöses Dogma'; sie in Frage zu stellen wenn neue Erkenntnisse vorliegen, ist also keine Blasphemie." So haben etwa Untersuchungen gezeigt, "dass Klienten, deren Therapeuten (oder sie an sich selbst) eine Co-Abhängigkeit festgestellt hatten oder die bei Testverfahren hohe Werte bei den Merkmalen des Syndroms erzielten, eher die Diagnosekriterien einer Persönlichkeitsstörung erfüllten."

"Was Therapeuten falsch machen" listet mehr als fünfzig Fehler auf. Das beginnt mit "Sie ignorieren die Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen des Klienten" und endet mit "Die Kraft menschlicher Resilienz unterschätzen."

Bei nicht wenigen der aufgeführten Fehler staunt der Laie über die offenbar geringe Selbstreflexion einiger Therapeuten. Und auch darüber, dass die Autoren es nötig finden, für vollkommen Selbstverständliches Studien anzuführen. "Daraus lässt sich schließen, dass wir Therapeuten genauso talentiert in Sachen Verleugnung, Selbsttäuschung und Rationalisierung (je nach Denkschule) sind wie unsere Klienten."

Nun gut, wir leben in Zeiten der Spezialisierung. Gesunder Menschenverstand ist da wenig gefragt, denn darauf lässt sich kein Fachgebiet aufbauen. Außer natürlich, man versieht ihn mit einem möglichst gefragten Label wie zum Beispiel Therapie. "Am Ende ist alles eine Frage des Marketings", sagte mir mal ein Finanzspezialist aus New York.

"Was Therapeuten falsch machen" ist ein nützliches Buch, weil es auf Selbstverständlichkeiten aufmerksam macht, die allzu oft wenig selbstverständlich sind. Etwa dass Patient und Therapeut zusammenarbeiten müssen. Oder dass der Beziehungsaufbau wichtiger ist als die Technik.

Was mich überrascht hat: "Was Therapeuten falsch machen" ist zwischendurch auch ein unterhaltsames Buch. "Wie sollten wir - als Therapeuten - vorgehen, um einzuschätzen, wie die Klienten selbst ihre Probleme einschätzen? So wie Stachelschweine Liebe machen - mit grosser Vorsicht und auch mit einer ordentlichen Portion Skepsis."

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