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28/01/2016 04:16 CET | Aktualisiert 28/01/2017 06:12 CET

Warum Regierungen Angst vor den "falschen" Bildern haben

Mark Edward Atkinson via Getty Images

Verschiedene Medien berichteten vor kurzem, dass Ex-Navy-Seal Matt Bissonnette, der am Einsatz beteiligt war, bei dem Osama Bin Laden getötet wurde, ein Foto von der Leiche des Al-Qaida-Chefs aufgehoben hat.

Gemäß Angaben der US-Regierung wurde Bin Laden seebestattet. Aufnahmen von seiner Leiche sind bisher keine veröffentlicht worden. Warum diese Geheimniskrämerei? Wäre es nicht gescheiter, Fotos des toten Bin Laden zu zeigen, auch um Zweiflern zu zeigen, dass er wirklich tot ist?

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Militärs führen regelmäßig ganz unterschiedliche Gründe an, weshalb sie Fotos von Getöteten nicht veröffentlicht sehen wollen. Meist argumentieren sie mit der Sicherheitslage vor Ort und der Würde der Toten sowie deren Angehörigen. Viele Medien haben sich diese Auffassung im Wesentlichen zu eigen gemacht.

Es fällt kaum auf, dass wir ganz viele Bilder nie zu Gesicht bekommen.

Angesichts der täglichen Bilderflut fällt selten auf, dass wir ganz viele Bilder gar nie zu sehen kriegen beziehungsweise gekriegt haben. Man denke etwa an den Irakkrieg, von dem es verblüffend wenige Aufnahmen gibt.

Laut einer in der New York Times veröffentlichten Studie über die Zensur von Fotos, fanden sich weniger als ein halbes Dutzend Bilder von den insgesamt 4 000 toten amerikanischen Soldaten.

Oder man denke an 9/11, dem wahrscheinlich meist fotografierten Ereignis der Geschichte: Fotos von Körperteilen, blutverschmierten Überlebenden oder Menschen, die aus den Fenstern des World Trade Center sprangen, wurden in Amerika gar nicht und andernorts nur selten veröffentlicht. Über hundert solcher Springer soll es gegeben haben; sein Foto, The Falling Man, bezeichnete der Associated Press Fotograf Richard Drew als "the most famous picture nobody's ever seen".

Natürlich muss der Journalismus eine Auswahl treffen.

Journalismus charakterisiert sich unter anderem dadurch, dass aus dem zur Verfügung stehenden Bild- und Textmaterial eine Auswahl getroffen werden muss. Dabei wird auch Rücksicht auf die Leser genommen: Mit Bildern, bei denen die Gefahr besteht, dass sich einem beim Frühstück der Magen umdreht, lassen sich keine Zeitungen verkaufen.

Es sind jedoch nicht nur ökonomische Gründe, die dafür sorgen, dass aufwühlende Bilder immer wieder der Zensur beziehungsweise der Selbstzensur zum Opfer fallen. Auch journalistische und ethische Kriterien gilt es zu berücksichtigen.

Und dann ist da noch die Angst, die Angst vor den Gefühlen. Den eigenen und denen von anderen.

Fotos sprechen uns ganz direkt an, ungefiltert. Unsere erste Reaktion auf Bilder ist immer eine gefühlsmäßige, eine instinktive. Gefällt mir, gefällt mir nicht. Und meistens bleibt es dabei, denken wir nicht weiter darüber nach. Überlegen uns nicht, wer die Aufnahme wann und wo und unter welchen Umständen gemacht hat.

Wir sind Opfer unserer Gefühle.

Militärs, Regierungen und Journalisten wissen das; sie gehen davon aus, dass wir Menschen in weit grösserem Maße Opfer unserer Gefühle sind, als es uns lieb ist. Und halten deshalb Bilder, die uns aufwühlen könnten, häufig unter Verschluss, da diese freizugeben bedeuten könnte, die Kontrolle zu verlieren.

Das gelingt jedoch nicht immer. Man denke etwa an die Fotos von Abu Ghraib. Doch wie die US-Regierung bisher mit den Bildern des toten Bin Laden umgegangen ist, ist ein Meisterstück in Sachen Propaganda und Kontrolle.

Sie beließ es nicht dabei, den toten Al-Qaida-Chef nicht zu zeigen, sondern stellte den Medien ein Bild von Präsident Barack Obama und seinem nationalen Sicherheits-Team beim Betrachten der Operation gegen Bin Laden zur Verfügung.

Das Ablenkungsmanöver funktionierte.

Einflussreiche Medien nahmen den Köder bereitwillig auf. „Hillary Clinton hält entsetzt die Hand vor den Mund. Es geht offensichtlich um Leben und Tod", kommentierte etwa der Psychologe Martin Schuster für den Spiegel das Bild aus dem Situation Room des Weißen Hauses.

Es gab sogar eine Debatte um Hillary Clintons Geste, die so die HSG-Professorin Miriam Meckel, Angst vor der eigenen Angst habe. Das Ablenkungsmanöver funktionierte: niemand sprach mehr von dem Bild des toten Bin Laden.

Bis jetzt, wo das Ganze nicht mehr wirklich aktuell ist. Und wo andere Bilder Debatten auslösen. Etwa Angela Merkels berühmtes Selfie mit einem Flüchtling, dessen Bedeutung sie selber und ihre Berater selbstverständlich herunterspielen. Inszenierungsprofis - man denke an die Merkel-Raute - hätten eigentlich wissen müssen, dass wenn die Kontrolle über die Bilder verloren geht, nichts mehr so ist, wie es einmal war.

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