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09/04/2016 10:52 CEST | Aktualisiert 10/04/2017 07:12 CEST

Verstehen, was uns süchtig macht. Hilfe zur Selbstheilung

Samuel Ashfield via Getty Images

Wir leben in süchtigen Zeiten, halten es für normal, dass wir von allem immer mehr wollen und dass nichts genügt. Süchtig machen kann alles und jedes, sei es Alkohol, Drogen, Internet, Handys, Bulimie oder Shopping. Helmut Kuntz von der Fachstelle für Suchtprävention der Drogenhilfe Saarbrücken hält für "die am meisten unterschätzte Form süchtigen Verhaltens weltweit die Macht-, Herrsch- und Kontrollsucht in all ihren vielfältigen Gesichtern und Ausprägungen", wie er in Verstehen, was uns süchtig macht. Hilfe zur Selbstheilung (Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2015) ausführt.

Dies hat unter anderem zur Folge, dass die Schlüsselstellen in Wirtschaft und Verwaltung selten von den menschlich und fachlich Besten besetzt werden, sondern von machtbesessenen, herrschsüchtigen Kontrollfreaks. Da uns eingetrichtert worden ist, dass Gier und Egoismus gut und der Karriere förderlich sind, fällt den meisten gar nicht auf, dass wir "weltweit allzu häufig von emotional reduzierten wie professionell inkompetenten Menschen" regiert werden.

Helmut Kuntz macht in Verstehen, was uns süchtig macht nicht nur klar, dass den Hals nicht voll zu kriegen für eine auf Wachstum fixierte Gesellschaft so recht eigentlich unabdingbar ist, er zeigt auch auf, wie schief unser Bild von Süchtigen ist. "Psychisch kranke Menschen sind nicht 'gestört', sondern ihr Geist oder ihre Seele sind verletzt."

Würde man dies akzeptieren, müsste die derzeit praktizierte Suchttherapie abdanken, denn diese funktioniert nach Sucht-Prinzipien: immer schneller, immer billiger. "Standardisierte Diagnosen gehen in unserem nach geldwertem Denken strukturierten Gesundheitssystem zudem mit der Vorgabe einher, sie könnten mit ebensolchen standardisierten Therapien behandelt werden."

Begreift man hingegen Süchtige als an Geist oder Seele Verletzte, die deswegen besondere Schwierigkeiten haben, mit dem gänzlich ungesunden Leben, das uns unsere Gesellschaft aufzwingt (wir uns selber aufzwingen), klarzukommen, wird man ihnen mit einer Haltung begegnen können, die es erlaubt, individuell auf den Einzelnen einzugehen.

"Verstehen wir, welche Schwierigkeiten ihnen das Leben bereitet, und legen wir im Umgang mit ihnen einen entsprechenden Fokus darauf, erweisen sich viele süchtig Agierende als überaus liebenswerte Menschen, die goldene Schätze in sich tragen", schreibt Helmut Kuntz. Ob es wirklich viele sind, weiß ich nicht, doch bei einigen ist das in der Tat so.

Gemäß Kuntz handelt es sich bei der Sucht um "eine Emotions- und Beziehungskrankheit mit gesellschaftlichen Ursachen". Und er hält fest: "Eine stimmige nachvollziehbare Theorie der süchtigen Abhängigkeit ist unverzichtbar, wenn wir das Phänomen mit seinen vielen Gesichtern in seinem Ursachengeflecht tatsächlich verstehen wollen."

Ich sehe das etwas anders. Natürlich ist Sucht auch "eine Emotions- und Beziehungskrankheit mit gesellschaftlichen Ursachen" (obwohl das eher eine Definition von Borderline ist), doch hauptsächlich handelt es sich bei der Sucht (wie übrigens bei den meisten seelischen Schwierigkeiten) um eine tiefe spirituelle Krise, die sich als Lebensverweigerung manifestiert (es gehört erwähnt: der Bezug des Autors zum Spirituellen durchzieht das ganze Buch). Auch geht es meines Erachtens nicht darum, ein Ursachengeflecht zu identifizieren, denn mit Ursache- und Wirkungsdenken kommt man im Bereich der Seele nicht sehr weit.

Nichtsdestotrotz gehe ich mit Kuntz' Ausführungen und Folgerungen weitgehend einig. Insbesondere, dass es darum geht, "Macht über sich selbst" zu erlangen. Diese Selbstmächtigkeit hat viel mit Kunst zu tun, "mit angewandter Lebenskunst nämlich." Ganz genau! Nur gilt das ja nicht nur für Süchtige, sondern so recht eigentlich für uns alle.

Um diese Lebenskunst zu erlernen, brauchen wir Hilfe, wir alle. Und wir brauchen die Art von Aufklärung, die dieses Buch liefert, das neben der Alkohol-, Drogen-, Internet- und Handysucht auch die Ich-Sucht, für mich die Mutter aller Süchte, thematisiert. Und noch vieles mehr, das aufzeigt, dass Sucht nicht einfach persönliches Versagen ist.

Verstehen, was uns süchtig macht ist eine lohnenswerte und hilfreiche Lektüre, weil da ein lebenserfahrener und denkfreudiger Mann Sucht in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang stellt sowie vielfältige und nützliche Anregungen gibt, wie das Sich-Selber-Meistern gelingen kann.

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