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23/10/2015 09:58 CEST | Aktualisiert 23/10/2016 07:12 CEST

Soziale Ungleichheit ist nichts "Natürliches"

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Ende des letzten Jahrhunderts ergab es sich, so Daniel Dorling, Professor für Humangeografie an der Universität Sheffield, dass "die merkwürdige Vorstellung, dass egoistisches Handeln irgendwie auch anderen Menschen nutzen würde, Anerkennung fand." Zu finden ist das Zitat in Zygmunt Baumans "Retten uns die Reichen?" (Herder Verlag 2015).

Es gibt noch weitere recht abstruse Überzeugungen, die unser Denken und Handeln leiten, jedoch kaum einmal einer kritischen Überprüfung ausgesetzt worden ist. Etwa die Überzeugung, dass Elitismus effizient sei, "weil sich das Wohl der Allgemeinheit nur dadurch steigern lässt, dass man jene Fähigkeiten fördert, über die qua Definition vergleichsweise Wenige ausschließlich verfügen."

Diese Überzeugung ist nachweislich falsch. Das haben etwa die Wirtschaftskrisen der Jahre 2008 und 2009 gezeigt. Die Eliten, welche die Wirtschaft an den Rand des Ruins geführt, setzten sich, so der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz, "mit 100 Millionen Dollar" ab. Die Arbeiter verloren Einkommen und Job.

Unser gegenwärtiges Wirtschaftssystem geht davon aus, dass die Probleme des menschlichen Zusammenlebens nur durch wirtschaftliches Wachstum gelöst werden können. Das ist nur schon deswegen Blödsinn, weil der Vermögenszuwachs nicht der Allgemeinheit, sondern nur einer Elite zukommt.

Und genau darum geht es auch. Um die Sicherung von Privilegien. In den Worten von Zygmunt Bauman: "Wenn sich zum Beispiel ein Geschäftsführer einer Aktiengesellschaft verkalkuliert hat, verlieren diejenigen unter Umständen ihren Job und damit ihre Existenzgrundlage, deren Arbeitsplätze eigentlich hätten gesichert werden sollen - der Geschäftsführer hingegen kann frohgemut einer vertraglich gesicherten Abfindung, einem sogenannten 'goldenen Handschlag' entgegenblicken."

Um die Wirtschaft am Laufen zu halten, müssen wir konsumieren.

"Go shopping", sagte bekanntlich George W. Bush einen Tag nach 9/11. Der moderne Mensch definiert sich durch seinen Konsum. Und grenzt sich durch das, was er kauft und verbraucht, von den anderen ab.

Zu messen, wer wie viel hat, so Bauman, "verwandelt das menschliche Zusammensein in der Regel zu einem Schauplatz der Konkurrenz, Rivalität und internen Machtkämpfe". Für das Überleben der Menschheit ist das keine gute Strategie. Besser wäre, "kulturelle und natürliche Gegebenheiten des gemeinschaftlichen Lebens zu fördern."

Doch wie kommt es nur, dass wir der irrigen Auffassung sind, soziale Ungleichheit sei etwas "Natürliches"?

Weil wir jahrhundertelang, wie Zygmunt Bauman aufzeigt, entsprechend konditioniert worden sind und die Konsequenz davon ist, dass wir das Gefühl haben, "dass wir von Rivalen umgeben sind, von Konkurrenten."

Der Glaube, "die von Gier getriebene Bereicherung von einigen Wenigen sei der Königsweg zum Wohl der Allgemeinheit", hat zur Folge, "dass Konkurrenz und Rivalität an die Stelle der menschlichen, allzu menschlichen Sehnsucht nach einem Miteinander treten, das auf kameradschaftlicher Zusammenarbeit, Austausch von Gefälligkeiten, Teilen, gegenseitigem Vertrauen, Anerkennung und Respekt basiert."

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