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25/03/2016 10:24 CET | Aktualisiert 26/03/2017 07:12 CEST

Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht

Elisabeth Wehling, geboren 1981 in Hamburg, hat an der University of California, Berkeley, in Linguistik promoviert, zusammen mit George Lakoff über Denken und Sprache geschrieben und legt nun ein Werk vor über Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht (Herbert von Halem Verlag, Köln 2016).

Ihre durch einschlägige Forschungen erhärtete These lautet: "Nicht Fakten bedingen politische Entscheidungen, sondern kognitive Deutungsrahmen, in der Wissenschaft Frames genannt. Sie werden über Sprache im Gehirn aktiviert und gefestigt und bestimmen, wie wir politische Fakten wahrnehmen. In der Kognitionsforschung ist man sich daher schon lange einig: Sprache ist Politik."

Nun ja, dass Fakten in politischen (und anderen) Debatten nicht besonders wichtig sind, wusste man schon, bevor es die Kognitionsforschung gab.

Nichtsdestotrotz: Hören oder lesen wir ein Wort wie Hammer oder Stuhl, so stellt unser Hirn automatisch Zusammenhänge her. Diese werden mit unseren Erfahrungen mit einem Hammer oder einem Stuhl oder mehreren Stühlen zu tun haben. Zu jedem Wort oder Begriff werden wir also ganz vieles unbewusst mitdenken.

"Unser Denken ist nur etwa zu 2 Prozent ein bewusster Prozess", behauptet die Autorin und verweist auf Studien. Nur: Wie will man eigentlich zwischen bewusstem und unbewusstem Denken unterscheiden? Und wie will man Denken messen? Das würde ja voraussetzen, dass man wissen müsste, was denn Denken genau ist.

Anregend an diesem Buch sind die verschiedenen Untersuchungsergebnisse, welche die Autorin präsentiert. Ein Beispiel: Im Deutschen ist "Die Brücke" weiblich, im Spanischen "El ponte" männlich. "Die Deutschen beschrieben Brücken etwa als 'wunderschön', 'elegant' und 'grazil', während die Spanier sie als 'gross', 'gefährlich' und 'stark' beschrieben." Das sei auf die unterschiedliche sprachliche Erfahrung zurückzuführen, so Elisabeth Wehling. Und sie führt aus:

"Je häufiger also Ideen sprachlich in einen Zusammenhang gestellt werden, umso mehr werden diese Zusammenhänge Teil unseres ganz alltäglichen, unbewussten Denkens, unseres Common Sense. Denn, wie gesagt, sprachliche Wiederholung stärkt Verbindungen im Gehirn und damit die für uns sinngebenden Frames."

Wer also politische Debatten beeinflussen will, muss die Deutungshoheit über die Frames gewinnen. Und das demonstriert Elisabeth Wehling anhand ganz vieler Beispiele.

Nehmen wir die 'Obergrenze'. Diese meint: Wie viele Flüchtlinge verträgt das nationale Eigeninteresse? Hier steht die Selbstverteidigung im Vordergrund. Im Gegensatz dazu steht bei 'Untergrenze' die Rettung von Hilfsbedürftigen im Vordergrund.

Dieser Auffassung liegt die Überzeugung zugrunde, dass man mittels Sprache die Wahrnehmung und damit die politischen Debatten steuern kann. Das hat eindeutig was für sich. Als Beispiel mag der Begriff "Flüchtlingskrise" dienen: Dieser suggeriert, dass alle, die sich, aus was für Gründen auch immer, in ein Land ihrer Wahl aufmachen, als Flüchtlinge und somit als Schutzbedürftige zu gelten haben. Dass das nicht unproblematisch ist, erleben wir gerade.

Für Elisabeth Wehling sind Metaphern "unglaublich wichtig für die politische Meinungsbildung und den demokratischen Austausch". Diese Überzeugung geht auf George Lakoff und Mark Johnson zurück und gibt der Sprache eine etwas übertriebene Bedeutung, denn die Kommunikation mittels Bildern (etwa Merkels Selfie), Gesten, Gebärden und Mienenspiel ist vermutlich entscheidender. Zudem verhindern die kognitiven Fähigkeiten der Menschen, dass sie nicht so leicht zu Sprach-Opfern werden.

Trotzdem: Politisches Framing ist ein empfehlenswertes Buch. Weil es sich erfrischend und stimulierend liest und weil ich da unter anderem gelernt habe, dass "die Kuh vom Eis kriegen" bedeutet, ein Problem zu lösen.

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