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12/12/2015 09:55 CET | Aktualisiert 12/12/2016 06:12 CET

Legalisiert und reguliert den Drogenmarkt!

Thinkstock

Johann Hari, geboren 1979, ist ein britischer Journalist und lebt in London. 2011, nach einer privaten und beruflichen Krise (er hatte unter anderem Interviews manipuliert, war in Ungnade gefallen), begab er sich auf eine drei Jahre dauernde Reise um die Welt, um die Ausmaße und Langzeitfolgen des Krieges gegen Drogen zu ergründen. Herausgekommen ist ein aufrüttelndes Buch: Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015)

Kann man dem Buch eines Journalisten, der beim Lügen und Bescheißen erwischt worden ist, trauen? Möglicherweise mehr, als all denen, die auch gelegentlich lügen und bescheißen, doch nie dabei erwischt worden sind, denn dieser Journalist will seinen guten Ruf zurück.

So macht er etwa transparent, wie er zu seinen Informationen gekommen ist. Das ist rar im Journalismus. Und höchst begrüßenswert. Doch auch der aufrichtigste Journalismus ist nicht vor Irrtümern gefeit. Davon, dass in den 80er und 90er Jahren die Drogensüchtigen der Umgebung wie Vieh in einem abgesperrten Teil des Zürcher Bahnhofs zusammengetrieben worden sind, habe ich jedenfalls bisher noch nie gehört.

Vor hundert Jahren konnte man überall auf der Welt problemlos Drogen kaufen. Viele Hustensäfte in den USA enthielten Opiate, Coca-Cola wurde aus derselben Pflanze wie Schnupfkokain hergestellt und in Großbritannien boten Warenhäuser für die Damen der feinen Gesellschaft Heroindöschen an.

Wie viele Menschen Alkohol trinken, ohne Alkoholiker zu werden, gab es auch viele, die zu mit Opiaten versetzten Hustensäften griffen, um ihre Nerven zu beruhigen, ohne dass sie süchtig wurden.

Im Jahre 1914 wurden in den USA Drogen verboten. Aus Angst vor den Schwarzen, Mexikanern und Chinesen, von denen man glaubte, dass sie "ihren angestammten Platz in der Gesellschaft vergaßen und zur Gefahr für die Weißen wurden."

Drogen illegal zu machen, bedeutet, eine illegale Drogenindustrie zu ermöglichen. Und die Kontrolle über die Drogen in die Hände gefährlicher Verbrecher zu legen. "Die Drogendealer konnten nun exorbitante Preise verlangen. In der Apotheke hatte das Gramm Morphium zwei, drei Cents gekostet, die Gangster verlangten einen Dollar. Und die Süchtigen zahlten, was immer sie zahlen mussten." Das ist heute noch genauso.

Derart eindrücklich wie in Drogen. Die Geschichte eines langen Krieges, habe ich noch nie gelesen, dass und wie der Krieg gegen Drogen gescheitert ist. Das liegt auch daran, dass Johann Hari ganz viele und ganz unterschiedliche Seiten zum Zug kommen lässt. Von der drogen- und alkoholkranken Billie Holiday zu Arnold Rothstein, einem der ersten Drogenbarone. vom Straßendealer Chino zu Harry Anslinger, der in den Dreißigerjahren Amerikas oberster Drogenjäger war und das Drogenverbot initiierte.

Auch mit Rosalio Reta, der für eine mexikanische Drogenbande gemordet hatte und heute in einem texanischen Gefängnis sitzt, kam Hari ins Gespräch. Nur schon lesend ist die Brutalität dieser Banden schwer zu ertragen

"Überall in den Vereinigten Staaten und überall in der Welt beobachteten Polizisten ein Phänomen. Verhaftet man viele Vergewaltiger, nimmt die Zahl der Vergewaltigungen ab. Verhaftet man viele gewaltbereite Rassisten, nimmt die Zahl rassistischer Übergriffe ab. Verhaftet man aber viele Drogendealer, laufen die Drogengeschäfte keineswegs schlechter."

Anders gesagt: Die Kriminalisierung der Drogen bringt diese nicht zum Verschwinden, sondern schafft mehr Kriminalität, mehr Kriminelle und mehr Opfer. Opfer meint nicht nur Drogensüchtige, es meint auch Menschen, die zufällig in einen Krieg zwischen Drogenbanden geraten, es meint auch die vielen 15, 17 oder 20 Jährigen, die einmal wegen eines Drogenvergehens verhaftet worden sind und deswegen jetzt keine Stelle mehr finden.

Wer glaubt, süchtiges Verhalten ließe sich mit Gewalt bezwingen, sollte unbedingt lesen, was Johann Hari über 'Tent City', eine weibliche Sträflingskolonie für Drogensüchtige, in Arizona zusammengetragen hat. Und sich auch einmal dies vor Augen halten: "Vom liberalen Staat New York bis zum liberalen Staat Kalifornien gehört das Verhaften und Foltern von Drogengefangenen zur Routine."

In Mexiko, jedenfalls in Ciudad Juárez, kontrollieren die Kartelle den Staat. Einen anderen Schluss lässt das Schicksal der Krankenschwester Marisela Escobedo, die den gewaltsamen Tod ihrer Tochter Rubi durch ein Mitglied einer einflussreichen Drogengang nicht einfach so hinnehmen wollte, sondern sich wehrte, nicht zu.

So wie die Prohibition das organisierte Verbrechen ermöglicht hatte, half die Kriminalisierung der Drogen einem Geschäft auf die Beine, das brutaler und einflussreicher nicht sein könnte. Dagegen gibt es nur eine Lösung: "Legalisiert und reguliert den Drogenmarkt."

Johann Hari ist aber noch auf etwas ganz anderes gestoßen. "Clean ist nicht das Gegenteil von Sucht. Das Gegenteil ist, nicht allein zu sein ... Ist man allein, kann man der Sucht nicht entkommen. Wird man geliebt, hat man eine Chance."

Fazit: Erschütternde Geschichten, notwendige Aufklärung, überzeugende Argumentation.

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