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30/12/2013 04:47 CET | Aktualisiert 01/03/2014 06:12 CET

Kolumbianische Impressionen: Mein Jahresende in Barranquilla

Cartagena de Indias ist genau das, was ich mir unter Südamerika vorstelle: eine Stadt voller rhythmischer Musik. Nur eben: die Lautstärke!! Da dröhnt und scheppert es, dass einem Hören und Sehen vergehen. Den ziemlich benebelten Gästen der einschlägigen Restaurants scheint dies nichts anhaben zu können, sie sind vermutlich längst taub. Ich andererseits hätte den Vollidioten (vielleicht war es ja auch eine Frau), der morgens um drei unter meinem Hotelfenster ständig das gleiche Lied abspielte, erwürgen können, bis ich merkte, dass mir das Lied gefiel.

Vom 27. Dezember bis zum 2. Januar kostet mein Hotelzimmer das Doppelte, und ab dann bis zum 12. Januar immer noch zwei Drittel mehr als der übliche Preis. Es sei eben die "temporada alta" wird mir erklärt, zudem gelte das Gesetz von Angebot und Nachfrage ... und ich wundere mich wieder einmal, wie es so weit hat kommen können, dass wir diesen Rechtfertigungsstuss für schamlose Gier akzeptieren. Nun ja, man muss ja nicht. Ich jedenfalls mache mich auf ins zwei Autostunden entfernte Barranquilla.

Reisen bedeutet für mich, dass das, was ich sehe und erlebe, mich andauernd an ganz anderen Orten wähnen lässt, als an denen, wo ich gerade bin. So weiß ich zwar, dass ich mich gerade in Barranquilla aufhalte, doch der Laden gegenüber meinem Hotel könnte sich fast genau so gut irgendwo in Kambodscha befinden. Und der Mann, der in der Panaderia bei mir um die Ecke die Kasse bedient (er tut nichts anderes), lässt vor meinem inneren Auge jedes mal das Bild der Frau aufsteigen, die vor Jahren im Restaurant des Golden Palace in Bangkok die Schublade mit dem Geld verwaltete, und von der mein Freund Jim, der damals im selben Hotel wohnte, meinte, "she's operating the drawer".

Barranquilla ist eine windige Stadt, großzügig und funktional angelegt, und erinnert mich einmal an das brasilianische Cascavel, dann wieder an Lima und immer mal wieder an Havanna. Nein, ich will diese Städte nicht vergleichen, ich beschreibe nur, was in meinem Kopf abläuft. Vielleicht liegt es ja auch ganz einfach an der Hitze - an einem 30 Grad heißen Sonntag durch fast menschenleere Straßen zu wandern, fühlt sich eben an vielen Orten der Welt ähnlich an.

Ich fühle mich wohl an der Atlantikküste Kolumbiens und das hat womöglich auch damit zu tun, dass ich kaum etwas über Land und Leute weiß und mich vornehmlich meinen Sinneseindrücken überlasse. Meine Augen zeigen mir Farbenkombinationen (von Hellgrün über Orange zu Violett und Weiss), die mein Herz jubeln lassen, viele schöne Frauen, selten mal ein attraktiver Mann, laute Kinder, an jeder Ecke einen Früchteverkäufer (fast nur Männer), Taxifahrer, die vernünftige Preise verlangen (nein, nicht die am Flughafen) .... auch entdecke ich, zu meiner nicht gelinden Überraschung (in meiner Vorstellung sind Hotelrestaurants meist überteuert und selten gut), dass es den besten und günstigsten "cafe con leche" in meinem Hotel gibt, höre zum ersten Mal in der nahen Panaderia von "empanadas chilenas" (mit Reis, Schinken, Huhn und Trauben) und kaufe bei den Strassenhändlern regelmäßig "aguacates", von denen ich nicht genug kriegen kann.

Wir Menschen seien nicht für die großen, sondern für die kleinen Dinge gemacht, habe ich letzthin bei Osho gelesen. Es sind in der Tat die kleinen Dinge, die mir in "meinem" Kolumbien, das so gar nichts zu tun hat mit der medialen Berichterstattung, das Herz wärmen: Der Verkehrspolizist grüßt mich mit erhobenem Daumen, die mit einem Maschinengewehr bewaffnete Wache vor der "Base Naval" nickt mir zu und sagt "Hola", die alte Frau an der Tür des Internet-Cafés, die mich stolpern und den Riemen meiner Sandalen reißen sieht, führt mich höchstpersönlich zum nächsten Schuhmacher, der sich auch gleich an die Arbeit macht.

"I like a nation when I have met more warm than cold people", schreibt Theodore Zeldin in seinem Buch über die Franzosen. Ob ich selber deswegen gleich die ganze Nation mag, weiß ich zwar nicht so recht, doch in den paar Tagen, die ich bisher an der Atlantikküste Kolumbiens verbrachte, habe ich nur warme Menschen angetroffen.

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