BLOG
05/01/2016 04:44 CET | Aktualisiert 05/01/2017 06:12 CET

Der neue Klassenkampf: Die wahren Gründe für Flucht und Terror

Stoße ich auf den Namen Slavoj Žižek, geht mir ganz automatisch die Sendung "Sternstunde" des Schweizer Fernsehens durch den Kopf, in welcher Žižek Fragen beantwortete. Ich erinnere mich an keine einzige seiner Aussagen und das liegt daran, dass von dem Mann dermaßen viel Unruhe und Hektik ausging, ja aus ihm heraussprudelte, dass ich seine Worte gar nicht mitbekam.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Das ist bedauerlich, denn Slavoj Žižek hat viel Schlaues zu sagen. Grundsätzliches und Wesentliches. Zum Beispiel in seiner Streitschrift Der Neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror (Ullstein Verlag, Berlin 2015).

Die wahre Bedrohung ist die Dynamik des modernen Kapitalismus

"Die wahre Bedrohung für unsere westliche Lebensart sind nicht die Immigranten, sondern es ist die Dynamik des modernen Kapitalismus: Allein in den USA haben die jüngsten wirtschaftlichen Veränderungen in kleineren Städten eine größere Zerstörung des Gemeinschaftslebens bewirkt als sämtliche Immigranten zusammen!"

Doch Žižeks Streitschrift handelt nicht nur von der Ökonomie, sondern auch von den Immigranten. Und zwar auf erfrischende Art und Weise. Weil Žižek an allen Fronten und weit differenzierter streitet als die vielen, denen vor unreflektiertem Toleranz-Geschwafel der klare Blick abhanden gekommen ist.

Zur Illustration: "In den Schulkantinen wird muslimischen Kindern kein Schweinefleisch serviert. Aber was, wenn diese Kinder sich an anderen Kindern stören, die Schweinefleisch essen? Muslimische Schülerinnen dürfen während des Unterrichts Kopfbedeckung tragen. Aber was, wenn diese Schülerinnen sich an ihren Mitschülerinnen stören, die halbbekleidet in die Schule kommen?"

Nüchternes Hinschauen ist nötig, wenn man mit der Realität klarkommen will. In Rotherham, einer Stadt in Mittelengland, wurden zwischen 1997 und 2013 über 1400 Kinder "sexuell brutal missbraucht, Kinder von gerade einmal elf Jahren wurden von mehreren Tätern vergewaltigt, entführt, in andere Städte verkauft, geschlagen und eingeschüchtert, 'mit Benzin überschüttet und damit bedroht, angezündet zu werden, mit Schusswaffen bedroht, zwangsweise zu Zeugen brutaler Vergewaltigungen gemacht', so der offizielle Bericht."

Drei Untersuchungen waren im Sand verlaufen, denn die Mitarbeiter der Stadtverwaltung hatten Angst, als rassistisch abgestempelt zu werden, wenn sie den Vorfällen auf den Grund gingen. "Warum? Weil es sich bei den Tätern fast ausnahmslos um Mitglieder pakistanischer Gangs handelte und bei ihren Opfern um weiße Schulmädchen, die sie als 'weißen Abschaum' bezeichneten."

Das ist schlimmster Rassismus

Die Flucht vor der Wirklichkeit in die politische Korrektheit produziert hier eine "Sorte von Antirassismus", die nichts anderes als schlimmster Rassismus ist, "der Pakistaner herablassend als moralisch minderwertige Wesen behandelt, die wir nicht an unseren Standards messen dürfen."

Die Menschen, die derzeit nach Europa kommen, stammen aus sogenannten "failed states", die nicht zuletzt durch das Handeln westlicher Staaten zu solchen geworden sind. Man denke etwa an Libyen oder den Irak.

Und diese Menschen wollen nun "ein Stück vom Kuchen abhaben - sie erwarten im Grunde genommen, die Vorzüge der westlichen Wohlfahrtsstaaten nutzen zu können, ohne ihren eigenen Lebensstil zu ändern, dessen Grundzüge jedoch teilweise nicht mit den ideologischen Grundlagen westlicher Sozialstaaten vereinbar sind."

Man sollte, so Žižek, "die Verbindung zwischen Flüchtlingen und humanitärer Empathie kappen". Und er fügt hinzu, indem er Churchill paraphrasiert: "Manchmal ist Gutes tun nicht genug, auch wenn es das Beste ist, was man tun kann. Manchmal ist es notwendig, auch das zu tun, was erforderlich ist."

Žižek plädiert für den universalen Kampf. Gegen den westlichen Neokolonialismus und gegen den Fundamentalismus. Für WikiLeaks, Snowden und Pussy Riot. Gegen Antisemitismus und aggressiven Zionismus.

"Die Hauptursache für die Flucht liegt im globalen Kapitalismus und seinen geopolitischen Spielen selbst. Und wenn wir ihn nicht radikal ändern, werden sich zu den afrikanischen Flüchtlingen bald welche aus Griechenland und anderen europäischen Ländern gesellen. In meiner Jugend nannte man solch einen organisierten Versuch, das Gemeingut zu regulieren, Kommunismus. Vielleicht sollten wir ihn neu erfinden."

"Wir werden in euer Land einmaschieren": IS kündigt in neuem Video Eroberung Großbritanniens an

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.