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10/10/2015 12:22 CEST | Aktualisiert 10/10/2016 07:12 CEST

Keine Toleranz den Intoleranten

Gütersloher Verlagshaus

"Warum der Westen seine Werte verteidigen muss", heißt der Untertitel von Alexander Kisslers "Keine Toleranz den Intoleranten" (Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015) und manch einer wird sich da wohl verwundert die Augen reiben, denn westliche Werte wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit, Toleranz, Individualismus oder Trennung von Kirche und Staat sind vielen von uns derart selbstverständlich, jedenfalls in der westlichen Welt, dass wir gar nicht wirklich in Betracht ziehen, diese könnten ernsthaft in Frage gestellt werden. Und angegriffen werden schon überhaupt nicht.

Doch genau dies geschieht. Und nicht erst seit gestern. Man denke an die Fatwa gegen Salman Rushdie und seine Übersetzer. An 9/11. Oder, in diesem Jahr, die Attacken auf Charlie Hebdo und einen Pariser Supermarkt sowie die Attentate in Brüssel und Kopenhagen.

Toleranz, behauptet Kissler, der sich unter anderen bei Voltaire, John Locke und Heinrich August Winkler kundig gemacht hat, sei "ohne Haltung nicht zu haben." Was vorherrsche sei jedoch etwas ganz anderes, nämlich "die pure Halt- und Haltungslosigkeit."

Es ist überaus verdienstvoll, dass Kissler anhand vieler konkreter Beispiele (etwa dem kaum im öffentlichen Bewusstsein präsenten Brandanschlag auf die Wiesbadener Synagoge vom Juli 2014) daran erinnert, wie die westliche Wertegemeinschaft, die in Sonntagsreden beschworen wird und unter der Woche dem Geld und der Gier nachrennt, angegriffen und verunglimpft wird.

Andererseits kann man sich füglich fragen, weshalb der Westen, wie Kissler fordert, seine eigene Geschichte wieder entdecken müsse. Nun gut, dass ein Kulturjournalist sich für die Ursprünge und Entwicklung seiner eigenen Kultur interessiert, ist wenig überraschend, doch hilfreicher wäre, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie kulturelle Werte, die schlicht nicht kompatibel sind, friedlich nebeneinander existieren können.

Es sei unstrittig, so Kissler, "dass hier tatsächlich zwei Weltanschauungen mit stark unterschiedlicher Konfliktbereitschaft aufeinander prallen. Tamim Ansary spricht es aus: 'Mit dem Islam und dem Westen stehen zwei gewaltige Welten nebeneinander, doch es ist bemerkenswert, wie wenig sie einander zur Kenntnis genommen haben."

"Keine Toleranz den Intoleranten" ist ein nützliches Buch. In erster Linie, weil der Autor eine Haltung hat, Stellung bezieht und diese überzeugend darzulegen weiß. Dann aber auch, weil er bedenkenswerte Aussagen von Autoren präsentiert, die etwas mehr als nur gerade eine Meinung oder einen Glauben haben. Die begründete Überzeugung nämlich, dass der Mensch zur Freiheit fähig ist.

Beispiele: "Wenn andere Kulturen nicht kritisiert werden dürfen, kann man die eigene nicht verteidigen." (Carlo Sprenger). "In der arabisch-muslimischen Welt ist der Einzelne bisher nicht in Erscheinung getreten. Was zählt, ist die Umma, die muslimische Nation, der Klan, der Stamm und die Familie." (Tahar Ben Jelloun). "Der große Grundsatz des römischen Senats und Volks war: 'Deorum offensae Diis curae - Beleidigungen, die den Göttern widerfahren, müssen die Götter rächen.'" (Voltaire).

Können die Menschenrechte, "dieser unaufgebbare Kern des westlichen Prinzips", auch im Islam Gültigkeit haben? Shirin Sinnar, Assistenzprofessorin an der Stanford Law School meint: "Warum sollten wir Menschenrechtserklärungen annehmen, die von denjenigen Mächten formuliert sind, die unsere Länder kolonisiert und ausgeplündert haben?"

Einerseits, weil die Mächte von damals nicht die Mächte von heute sind, sondern sich entwickelt haben. Andererseits, weil es nicht nur sinnvoller, sondern auch dringender ist, sich mit der Gegenwart anstatt mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

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