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30/08/2015 05:56 CEST | Aktualisiert 30/08/2016 07:12 CEST

In den Wäldern Sibiriens. Tagebuch aus der Einsamkeit

ullstein bild via Getty Images

Sylvain Tesson, geboren 1972 in Paris, hatte sich vorgenommen, vor seinem 40. Lebensjahr als Eremit in den Wäldern zu leben. Und so zog er für sechs Monate in eine Hütte am Ufer des Baikalsees. Das nächste Dorf 120 Kilometer entfernt, keine Nachbarn, keine Zugangsstrassen, gelegentlich ein Besuch. Im Winter Temperaturen um minus 30 Grad, im Sommer Bären an den Ufern.

Als es dann soweit ist, empfindet er den Drang kehrtzumachen. Doch er will nicht zu den Menschen gehören, die kehrtmachen. Er hat Angst davor.

Leben in einer Hütte

So ein Aufenthalt will geplant werden, er benötigt einen Lastwagen vollgepackt mit Waren. „Es ist komisch: Man beschliesst, in einer Hütte zu leben, man stellt sich vor, wie man im Angesicht des Himmels Zigarren raucht, seinen Gedanken nachhängt - stattdessen sitzt man da und hakt in einem Haushaltsbuch Lebensmittellisten ab", notiert er (In den Wäldern Sibiriens, Knaus Verlag, München).

Natürlich hat er sich mit Büchern eingedeckt, sorgfältig ausgewählt, was er mitzunehmen gedachte. „Ich wusste bereits, dass man nie mit Büchern reisen sollte, die das eigene Ziel zum Thema haben. In Venedig Lermontow lesen, am Baikalsee aber Byron."

Zigarren, Bücher und Wodka

Neben Zigarren und Büchern nimmt er auch Wodka mit. Das hat mich irritiert. Ich hatte mir vorgestellt bei einem Aufenthalt in der Wildnis gehe es darum, die Sinne zu schärfen und nicht darum, sie zu betäuben.

Sylvain Tesson bezeichnet das Leben in den Wäldern als „Experimentierfeld, um ein verlangsamtes Leben zu erfinden." Und er erfährt die Einsamkeit als „eine Heimat, bevölkert mit Erinnerungen an andere." Und obwohl er fast alles von Jack London, James Fenimore Cooper und vielen anderen, die über die Natur geschrieben haben, verschlungen hat, verschafft ihm das persönliche Erleben eine ganz andere und viel intensivere Ergriffenheit. „Trotzdem werde ich weiter lesen, weiter schreiben."

Der Einsiedler

Die Gesellschaft möge Einsiedler nicht, hält er fest, weil sie ihnen nicht verzeiht, dass sie fliehen. Weil sie mit ihrem Rückzug vom gemeinsamen Leben sagen, was ihr wollt, wollen wir nicht. „Der Einsiedler leugnet die Bestimmung der Zivilisation, er stellt die lebendige Kritik an ihr dar."

Seinen Tag beginnt er mit einem Ritual. Er begrüsst die Sonne, den See, die kleine Zeder, die vor der Hütte wächst. Er macht Ausflüge, Fussmärsche in die nähere Umgebung, er läuft Schlittschuh, fischt, hackt Holz. Und er wagt sich an Schopenhauer, an den er sich bisher nicht heran traute. „Es gibt Bücher, um die man herumschleicht. Im Grunde habe ich mich in die Wälder zurückgezogen, um endlich zu tun, was mich immer eingeschüchtert hat."

Die Wildnis

Doch das Leben in der Wildnis ist nicht nur beschaulich. Da gibt es Wölfe und Bären. Von Lena, die eine Wetterstation betreut, hört er wie ein Bär mit seiner Beute, einem Ochsen und einer Kuh, verfahren ist. Dem Ochs brach er beide Beine, damit er nicht weglaufen konnte, dann riss er ihm ein grosses Stück Fleisch aus dem Rücken heraus.

Er zitiert Ernst Jüngers Tagebuch 'Siebzig verweht'; ganz besonders angesprochen hat mich diese Beobachtung: „Je weniger wir auf die Unterschiede achten, desto stärker wird die Ahnung; wir hören nicht mehr den Baum rauschen, sondern den Wald, der dem Wind antwortet."

Russischer Besuch mit Nietzsche

Er liest chinesische Verse, kriegt Besuch von lauten Russen, betrinkt sich mit ihnen, liest unter anderem Nietzsches 'Ecce Homo' („Ich will nicht im Geringsten, dass etwas anders wird, als es ist; ich selber will nicht anders werden..."), und liest ihn ganz offenbar so, wie ich ihn überhaupt nicht lese, denn was ich gerade zitiert habe, wird von Sylvain Tesson als „Lob auf den gleichmütigen Stumpfsinn" bezeichnet. Ich selber lese das als tiefes Einverstanden-Sein mit der Welt, so wie sie ist.

Sylvain Tesson hat über solche Momente des Einverstanden-Seins nicht nur gelesen, sondern sie am Baikalsee erlebt und weiss jetzt, dass es „irgendwo auf der Welt eine Hütte gibt, wo etwas möglich ist, das nicht allzu weit entfernt ist vom Glück zu leben."


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